Am Aufstieg der AfD sind die AfD-Anhänger schuld, niemand sonst

Immer wieder tauchen in meiner Timeline Behauptungen auf, am Aufstieg der AfD seien alle möglichen Leute schuld, nur nicht die Leute, die sie wählen. Der Text, der als letztes meine Aufmerksamkeit geweckt hat, ist einer von Heribert Prantl: Der dritte Platz wird den Ton angeben . Ein anderer Text war der von Wolfgang Merkel „Die AfD wird bleiben“ in der taz.

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Zu den jüngsten Äußerungen von Alexander Gauland und Alice Weidel

 

 

Vor einigen Tagen hat die WELT über eine alte Email von Alice Weidel berichtet, in der sie, neben anderen Unerträglichkeiten, die derzeit aktiven Politiker als Marionetten der Siegermächte  bezeichnet. Alexander Gauland will wieder stolz auf die Leistungen der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg sein.

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Kleiner Rant über Menschen, die sich für links und kritisch halten, aber in Sachen Gender komplett unsensibel sind.

Vor über zehn Jahren kaufte ich mir von Wolfgang Bergmann das Buch „Warum unsere Kinder unser Glück sind.“ Es interessierte mich, weil es sich gegen die damals populären Bücher über den Nutzen von Disziplin (vom ehemaligen Leiter des Internats Salem, dessen Namen ich vergessen habe) oder über kleine Tyrannen (von Michael Winterhoff) wandte. Ich fand das Buch ganz cool, außer dass der Autor etwas unsensibel war, was Gender anbelangt. Die Klischees von typischen Männern/Jungen und Frauen/Mädchen feiern bei ihm fröhliche Urstände. Ich beschloss das zu übersehen, da ich gerade in einer Phase war, in welcher ich beschlossen hatte, auch mal darüber hinwegzusehen, dass Männer sich frauenfeindlich äußern, wenn sie sonst intelligente Sachen schreiben.

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Eigentlich lässt sich zur Rede von Björn Höcke nicht mehr viel sagen.

Als ich gestern Twitter einschaltete, war meine Timeline voll mit Kommentaren zur Rede von Björn Höcke. Am stärksten wurde der Ausdruck „Denkmal der Schande“ kritisiert. Meine erste Assoziation war die Paulskirchenrede von Martin Walser – Björn Höcke ist nicht der erste, der einen solchen Ausdruck verwendet, und Martin Walser hatte eine ganz andere Autorität als Björn Höcke. Menschen, die Dokumentationen über den Holocaust als Beschuldigung empfinden und diese am liebsten wegschalten, konnten sich von Martin Walser ermutigt fühlen, dies auch zu tun – Björn Höcke kann von niemandem als Erlaubnis angeführt werden, der sich noch in der Mitte der Gesellschaft verorten will. (Die Reaktion der großen Medien unterscheidet sich deutlich von der auf Martin Walser.)

Jetzt habe ich Dokumentationen der Rede gefunden. Wer sie sich auf Youtube ansehen will (ich werde sie nicht verlinken) kann ab Minute 56 Björn Höcke hören. Andreas Kemper hat einen Teil der Rede dokumentiert: Höcke: Dämliche Erinnerungskultur„.

Jetzt denke ich, dass die Rede Schlimmeres enthält als „Denkmal der Schande.“ Der Ausdruck ist schlimm, aber er wurde leider auch von Menschen gewählt, die sich den Nationalsozialismus nicht zurückwünschen. Als ich mir die Rede durchlas, dachte ich: Wenn man zuende denkt, was er dort schreibt, bleibt nur ein Schluss übrig, nämlich dass er sich den NS zurückwünscht. Die Umerziehung war schlecht, das was vorher war, scheint also besser gewesen zu sein. „Unsere kollektive Identität“, die „uns“ durch die Bombardierung von Dresden und anderen Städten geraubt werden sollte, das muss die des NS gewesen sein. Die Wurzeln, die gerodet werden sollten, das waren die, deren Frucht der Nationalsozialismus war.

Menschen, die nicht rechts sein wollen, beklagen typischerweise, dass die deutsche Geschichte auf die zwölf Jahre des Nationalsozialismus reduziert werde. Dabei gebe es so vieles andere, worauf Deutsche stolz sein könnte. (Einer der Vorredner weist darauf hin.) Björn Höcke schließt die Jahre des Nationalsozialismus nicht aus der Geschichte aus, wie es jene Menschen tun, die nicht rechts sein wollen, er schließt sie in die deutsche Geschichte ein, auf die er wieder stolz sein will.

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Nicht die Pathologisierung ist das Problem

Am Montag bin ich über meine Twitter-Timeline auf den Text von Jürgen Fritz „Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten“ gestoßen. Ich war neugierig auf seine Argumentation und las bis zu der Stelle, wo er erklärt, warum seiner Ansicht nach „Gutmenschen“ psychopathologisch gestört seien. Er erklärt sie im Prinzip für verrückt in dem Sinn, dass sie sich weigern, die Realität wahrzunehmen, nämlich die Realität, dass unterschiedliche Menschen unterschiedlich wertvoll für die Gemeinschaft seien.

 

Okay, dachte ich, da unterscheidet sich meine Wahrnehmung der Realität von der des Autors – und auch meine grundsätzliche philosophische Position, denn was wertvoll ist und was nicht, und für wen oder was etwas wertvoll zu sein hat, für die Gemeinschaft (welche Gemeinschaft das auch immer sein soll) oder für das Individuum, das sind keine Dinge, die man einfach „wahrnehmen“ kann.

Durch das Blog des Autors (auf meiner Timeline verlinkt) fand ich heraus, dass er einmal tatsächlich Philosophie studiert hat (und Mathematik und Physik und Geschichte auf Lehramt.) Ich frage mich, wie viel Philosophie er studiert hat – ob er einen Abschluss gemacht hat, oder ob er nur in ein oder zwei Seminare einmal hineingehört hat, so als Abwechslung zum Mathematik- und Physikstudium. Wenn er Philosophie studiert hätte, sollte er eigentlich wissen, dass man die Frage, woran sich der Wert eines Individuums bestimmt, nicht beantworten kann, indem man die Realität korrekt wahrnimmt.

Es gibt natürlich verschiedene philosophische Antworten auf diese Frage. Eine davon ist die Grundlage des ersten Artikels des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Damit ist selbstverständlich die Würde jedes einzelnen Menschen gemeint, und damit wird auch deutlich gesagt: wie nützlich ein Mensch für die Gemeinschaft ist, ist völlig uninteressant.

Wenn der Autor über die Gutmenschen lästert und diese pathologisiert, dann greift er also alle an, die sich unserem Staat mit seinem Grundgesetz irgendwie verbunden fühlen – und nicht nur jene, die den Staat von links kritisieren.

Nachdem ich diesen Abschnitt gelesen hatte, lachte ich nur noch. Dass ich aus seiner Sicht psychopathologisch gestört bin, kratzte mich überhaupt nicht: aus meiner Sicht ist er es. Eine Diskussion zwischen Menschen, die sich gegenseitig für verrückt halten, ist nicht möglich. (Ich habe es schon mehrfach in Real Life probiert, und das Ende waren immer sehr schmerzhafte Beziehungsabbrüche.) Eine Diskussion ist nur möglich, wenn es eine gewisse gemeinsame Basis gibt, und die gibt es zwischen mir und Menschen wie dem Autor des Artikels tatsächlich nicht.

Durch meine Timeline wurde ich auf einen weiteren Text gestoßen: „Ich bin auch nur ein Mensch.“ Der Text ist weitgehend schwach, aber eine Beobachtung ist korrekt: „Letztlich ist es wohl so: Hier wird – dafür bringen manche Leser mehr Verständnis auf, andere weniger  –  eine Methode der Gegenseite angewandt. Nämlich die Pathologisierung des politischen Gegners.“

Ich gestehe: ich gehöre zur Gegenseite, die diese Methode seit langem anwendet. Ein Beispiel wären die Versuche, Antisemitismus oder Faschismus mit Methoden der Psychoanalyse zu diskutieren, die schon von der in die USA ausgewanderten Frankfurter Schule und ihrem Umfeld, beispielsweise Ernst Simmel, unternommen wurden, wobei aber immer auch darauf geachtet wurde, zwischen einer individuellen psychischen Erkrankung und einer Massenpsychose oder -neurose zu unterscheiden, und außerdem muss auch klargestellt werden, dass Antisemitismus nie rein psychologisch erklärt werden kann. Die Psychologie erklärt die Anfälligkeit der Individuen, aber nicht die Ursprünge des Antisemitismus selbst.

(Ich nehme die Gelegenheit wahr, Werbung für eine Vorlesung zu machen, der ich teilweise „live“ gefolgt bin, die es aber auch auf Youtube gibt: „Normalität und Massenpathologie. Ernst Simmels Beitrag zur analytischen Sozialpsychologie.“ Was noch ein wichtiger Punkt ist: Die Grenze zwischen Normalität und Pathologie wird nicht als scharf angesehen.)

Die Vorstellung, dass Juden die Ursache hinter allem Bösen auf der Welt seien (der Kern des Antisemitismus) ist tatsächlich so absurd, dass man sie nicht ernsthaft diskutieren kann. In aller Regel versuchen das Antisemiten und Antisemitinnen auch gar nicht; stattdessen werden verschiedene Behauptungen vorgebracht, von denen sie meinen, sie seien gesellschafts- und diskussionsfähig. Wenn man sich darauf einlässt, solche Behauptungen zu diskutieren, wird man feststellen, dass man die Grundüberzeugungen des anderen nicht ändern kann, selbst wenn es gelingt, einzelne Behauptungen zu widerlegen, sondern dass dieser dann andere „Argumente“ hervorbringt, die die Grundposition (die nicht ausgesprochen werden darf) stützen sollen.

Vor längerer Zeit (mehr als einem Jahr) habe ich mich einmal in eine Diskussion von „braven Leuten am Nebentisch“ im Sinne der Walserschen Paulskirchenrede eingelassen. Eine Frau sagte zu ihrem Sohn: „Wer hat denn früher immer die Wechselstuben betrieben?“ und als ich mich einmischte und erklärte, dass das nichts mit der „Natur“ von Juden und Jüdinnen, sondern mit ihrer sozialen Situation im Mittelalter zu tun habe, kam als nächstes: „Und was machen sie jetzt mit den Palästinensern?“

Erklärungen der psychologischen Struktur von Antisemitismus, Rassismus und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit haben mir geholfen, zu erkennen, warum Diskussionen so häufig schief laufen – warum meine Argumente nicht ankommen, warum das Gegenüber sich in aller Regel weigert, sie überhaupt wahrzunehmen, warum es stattdessen mich für verrückt erklärt. Das heißt nicht, dass ich versuche, ernsthafte Diagnosen zu erstellen. Aber ja: ich pathologisiere.

Andererseits muss auch immer gelten: Bevor man pathologisiert und unbewusste Motive unterstellt, muss man sich mit den Argumenten und der Position der Gegenseite auseinandergesetzt haben. Nur geht dies manchmal ziemlich schnell: Jürgen Fritz ist nicht klar, dass die Frage, ob jemand für die Gemeinschaft wertvoll ist oder nicht und noch wichtiger, die Frage, ob das überhaupt eine wichtige Frage ist, nicht einfach durch Wahrnehmung der Realität beantwortet werden können. (Im Gegensatz dazu lässt sich leicht feststellen, dass Menschen, die meinen, Juden und Jüdinnen seien Schuld an allem Unglück auf dieser Welt, den Kontakt zur Realität verloren haben.) Jürgen Fritz setzt sich nicht mit philosophischen Theorien auseinander, die begründen, dass die real vorhandenen Unterschiede zwischen Menschen nicht rechtfertigen, dass die einen als wertvoll und die anderen als wertlos gelten.

Einige Tage später stellte ich fest, dass Jürgen Fritz‘ Artikel für einen kleinen Skandal gesorgt hatte: Menschen kündigten ihren Account bei Xing, Roland Tichy gab seinen Job dort auf und der Text ist nicht länger verfügbar.

Dass der Text einen Skandal auslöste und nicht länger verfügbar ist, begrüße ich. Die Begründung scheint mir jedoch problematisch. Nicht dass der Autor die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen nicht anerkennt, nicht dass er sie Individuen ansieht, deren Würde unantastbar ist und ihnen unendlichen Wert verleiht, sondern sie nach ihrem Nutzen für die Gemeinschaft bewertet, löste den Skandal aus, sondern dass er „Gutmenschen“ für psychopathologisch gestört erklärte. Dies sei keine Grundlage für eine Diskussion, erklärt Roland Tichy in seiner Entschuldigung.

Das stimmt natürlich im Prinzip (und anscheinend war dies auch der zentrale Punkt der Proteste und der Kontokündigungen bei Xing); andererseits habe ich auch kein Interesse, mit Menschen wie Jürgen Fritz zu diskutieren: Wichtiger ist mir, andere Menschen über ihn aufzuklären.

(Im vergangenen Sommer habe ich an mehreren Seminaren zum Thema „Diskutieren gegen rechts“ teilgenommen, und die besseren unter diesen Seminaren haben davor gewarnt, sich auf Diskussionen mit überzeugten Rechten einzulassen. Es sei in aller Regel unmöglich, sie zum Umdenken zu bewegen. Allerdings sei es hin und wieder notwendig, sie zum Schweigen zu bringen. Es geht nicht um diese Rechten: Zielgruppe sind die Menschen, die sonst noch zuhören.)

Nicht die Pathologisierung der „Gutmenschen“ sollte skandalisiert werden – diese ist mir ziemlich gleichgültig, da ich mit Jürgen Fritz ohnehin nicht diskutieren will – sondern die These, dass sich der Wert eines Menschen nach dem Nutzen für die Gemeinschaft bemesse und dass dieser Wert jeweils unterschiedlich sei.

 

 

 

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