Ob die NS-Täter ihre Moral wechselten wie ein Hemd – und dann wieder zurück wechselten

Am Sonntag nahm ich an der Gedenkfeier zum Jahrestag der Befreiung Bergen-Belsens teil, und wie immer, wenn ich dort bin, achtete ich auf drei Arten von Momenten: Berührende Momente, neue Details, die ich bis dahin nicht kannte, und Momente, die mich denken lassen: Was ist das denn?

Berührende Momente: Zufällige Begegnungen beim Mittagessen, denen ich leider überhaupt nicht gewachsen war. Es gab Suppe und anschließend Kaffee und Kuchen, und kleine Tische im Foyer, an denen man stand und aß. Ich suchte mir, nachdem ich mir Suppe geholt hatte, einen freien Platz an einem der Tisch, grüßte die Menschen, die dort schon standen, und hörte ihrem Gespräch zu. Eines der Paare dort war aus Holland, das andere aus England und Wales. Der Unterschied ist wichtig, da es zunächst um Fußball und die kommende Weltmeisterschaft ging. Anschließend wurden sie ernster, sie fragten sich gegenseitig, welche Beziehung sie zu Bergen-Belsen hatten, und der Mann aus Holland erzählte, dass seine Mutter eine Überlebende war, eine des „verlorenen Transports“, der in Tröblitz von der Roten Armee befreit wurde. Seine Großmutter sei dagegen gestorben. Er und seine Frau kämen jedes Jahr.

Ich hörte zu, schaute den Erzähler an, und manchmal sahen die Menschen mich zurück an, aber ich wusste nicht, was ich sagen – vor allem, was ich fragen sollte. Nach einer Weile ging ich Kuchen holen, und als ich zurückkehrte, war mein Platz von einem der Mitarbeiter der Gedenkstätte besetzt.

Ich suchte mir einen anderen Platz, wo schon jemand stand. Er wünschte mir einen guten Appetit, und ich dankte ihm. Er selbst war schon halb fertig mit Essen. Erst fragte ich mich, ob ich mich daneben benommen hatte, dann merkte ich, dass er einfach freundlich sein wollte und nicht besonders gut deutsch konnte. An seiner Jacke trug er mehrere Orden aus der ehemaligen Sowjetunion. Mit der Zeit kamen mehr Menschen an unseren Tisch, ich rückte etwas zur Seite, so dass alle Platz fanden. Ihnen allen wünschte der Mann einen guten Appetit, und sie dankten ihm, aber niemand sprach mit ihm. Als er fertig war, reagierte eine Frau jedoch aufmerksam: Sie merkte, dass er einen Stock mit sich führte und keine Hand frei hatte, um etwas zu tragen, und trug ihm das Geschirr zurück. Ich versuchte, ein paar freundliche Worte zu finden – ihm noch einen schönen Nachmittag zu wünschen – als ich den Tisch verließ, daran denkend, dass er wahrscheinlich vor allem den Ton und nicht die Worte verstehen würde.

Details, die ich bis dahin noch nicht kannte: In der Rede am Friedhof der vor allem sowjetischen Kriegsgefangenen, die dort ermordet wurden (indem man sie zusammenpferchte, sie nur unzureichend mit Nahrung und überhaupt nicht mit Unterkünften versorgte und anschließend wartete, dass sie starben), wurde darauf hingewiesen, dass die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht“ in den Neunzigern einiges in Bewegung gesetzt hat, was die Anerkennung dieser Verbrechen und das Gedenken an die ermordeten Kriegsgefangenen anbelangt. Bis dahin dachte man kaum an diese Opfer, weil die Erinnerung an die eigenen Leiden im Vordergrund stand und weil der Kalte Krieg erlaubte, sich nicht mit den sowjetischen Opfern zu beschäftigen. (Dies war nicht nur eine Ausrede – die Öffnung der sowjetischen Archive bedeutete dann auch, dass man nach den Namen der Opfer suchen konnte.)

Ich erinnere mich noch gut an die Kontroversen, die die Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ auslöste. Mich selbst überraschte die Beteiligung der Wehrmacht an der Shoah nicht; die Arbeitsteilung zwischen SS und Wehrmacht entsprach genau meinen Erwartungen. Die Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen nahm ich erst richtig wahr, als ich das Buch zur Ausstellung las und als ich später Hannes Heer in zwei Vorträgen hörte. Wie in Bergen-Belsen gemordet wurde, lernte ich erst im letzten Sommer.

Die „Wehrmachtsausstellung“ stieß in den Neunzigern auf heftigen Widerspruch und wurde schließlich zurückgezogen und durch eine entschärfte Variante ersetzt, in der die Beteiligung der einzelnen einfachen Soldaten nicht mehr im Fokus stand. Die offizielle Begründung lautete, dass einige Photos (20 von 2000) falsch zugeordnet waren. Das eigentliche Problem bestand aber darin, dass sie den Mythos der sauberen Wehrmacht angegriffen hatte, und damit den Mythos von den gewöhnlichen Soldaten (nicht nur Mannschaften, sondern auch Unteroffiziere, Offiziere und selbst Generäle sahen sich in diesem Sinn als gewöhnliche Soldaten), die als Soldaten ihre Pflicht taten und mit den Verbrechen des NS-Regimes nichts zu tun hatten.

Vom Skandal ist jetzt nichts mehr zu merken. Wer an einer Führung durch Bergen-Belsen teilnimmt, erfährt auch von den ermordeten Kriegsgefangenen. Nichts mehr davon ist kontrovers: weder dass es sich um ein Verbrechen handelte, noch dass die Wehrmacht dafür verantwortlich war, noch die Zahl der Ermordeten. (Tatsächlich weiß ich immer noch nicht die genaue Zahl: 20 000 sind auf dem Friedhof bei Bergen-Belsen begraben, weitere 30 000 in Wietzendorf, und womöglich noch mehr in zwei weiteren Kriegsgefangenenlagern.) Mit Scham und Bedauern wird festgestellt, dass es so lange gedauert hat, bis diese Opfer als Opfer anerkannt wurden – so lange, bis es nicht mehr möglich war, sie zu entschädigen, weil die meisten Überlebenden bereits verstorben waren. Die Auffassung der Wehrmachtsausstellung hat sich durchgesetzt; die Wehrmacht war keineswegs sauber, sondern für verschiedene Verbrechen verantwortlich, und eines davon war die Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen.

Mich bestätigt dies in meiner Vermutung, dass die Vergangenheitsaufarbeitung in den letzten Jahrzehnten durchaus einige Erfolge aufzuweisen hat (wenn sie auch viel zu langsam vorangeht.) Was in den Neunziger Jahren eine Provokation durch linke Historiker war, ist heute eine anerkannte Tatsache, was damals eine akzeptable konservative Position war, ist heute Geschichtsrevisionismus. Es hat sich herausgestellt, dass jene linken Historiker sorgfältiger mit den Fakten umgingen als die damaligen Konservativen, die sich darum bemühten, die Ehre der Wehrmacht rein zu halten.

Dafür gibt es nun andere Probleme: der Redner erwähnte auch die vor kurzem veröffentlichte Studie, derzufolge 18 Prozent der heutigen Deutschen der Ansicht sind, dass ihre Vorfahren Menschen geholfen hätten, die vom NS-Regime verfolgt wurden. (In der aktuellen konkret gibt es dazu eine Überschlagsrechnung, die die Absurdität dieser Vorstellungen verdeutlicht: Selbst wenn man annimmt, dass jeweils fünf dieser Deutschen sich an denselben heldenhaften Vorfahren erinnern, würde dies bedeuten, dass damals doppelt so viele Widerstandskämpfer in Deutschland gelebt hätten wie Juden, die gerettet hätten werden müssen.)

Momente, die mich denken ließen: Was ist das denn? Wie immer waren es andere Gäste, die mich dies denken ließen (und vermutlich gibt es Menschen, die das gleiche denken, wenn sie mir zuhören oder meine Texte lesen.)

Wie vor einigen Wochen nutzte ich den von der Gedenkstätte zur Verfügung gestellten Bus, der von Celle nach Bergen-Belsen und wieder zurück fuhr, und wieder sprach ich jemanden an, der wie ich vor dem Bahnhof auf diesen Bus wartete. (Es ist nicht schwierig, solche Menschen zu erkennen: Man schaut einfach, wer etwas orientierungslos vor dem Bahnhof auf und ab läuft.)

Während der Fahrt kamen wir ins Gespräch; er war ein junger Historiker, der über den ersten Kommandanten von Bergen-Belsen forschte, Adolf Haas, der im Herbst 1944 durch Joseph Kramer abgelöst wurde. 1950 wurde er für tot erklärt, dann kam das Gerücht auf, er habe sich erfolgreich nach Brasilien abgesetzt, aber mein Gesprächspartner vermutete, er sei, als es ungefährlich war, wieder nach Wiesbaden gezogen, wo seine Töchter lebten, und habe dort unbehelligt unter seinem eigenen Namen gelebt.

Während des Gesprächs fragte ich mich, was an einer solchen Forschungsfrage interessant sein könne. Vielleicht die Aufarbeitung der Geschichte der gescheiterten (oder viel zu langsamen) Vergangenheitsaufarbeitung, denke ich jetzt. Den jungen Mann interessierte aber etwas anderes: Er erzählte mir, dass Adolf Haas nicht zur Elite des Dritten Reichs gehört hatte, also kein Jurist oder sonstiger Akademiker gewesen war, der dann in der SS Karriere machte, sondern ein Bäckermeister und nicht einmal ein überzeugter Nazi, sondern ein Opportunist, der, falls im Jahr 1933 die Kommunisten gewonnen hätten, sich den Kommunisten angeschlossen hätte. Er sei auch kein Antisemit gewesen, und wenn er Häftlinge umbrachte, dann nicht, weil sie Juden, sondern weil sie Häftlinge waren. Er habe sich sogar von einem jüdischen Künstler porträtieren lassen. Die Häftlinge hätten gesagt, richtig schlimm sei es in Bergen-Belsen erst geworden, als Joseph Kramer kam, solange Adolf Haas Kommandant war, sei es einigermaßen erträglich gewesen. Man dürfe nicht einfach alle über einen Kamm scheren, sagte der junge Historiker, man mache es sich zu einfach, wenn man „Nazi“ sage und meine, damit sei alles gesagt.

Wir sprachen über die Schwierigkeiten, Informationen zu finden. Ich schlug vor, die Nachfahren zu suchen, Töchter, Enkel- und Urenkelkinder. Er meinte, er habe die Töchter schon angeschrieben, aber sie hätten nicht reagiert, und es sei schwierig, die folgenden Generationen zu finden, zumal sie alle mittlerweile andere Nachnamen trügen. Sie wüssten nicht besonders viel über ihren Großvater: ein Enkel habe bei einem Gedenkstättenbesuch in Bergen-Belsen seinen Großvater auf einem Bild erkannt und sei völlig überrascht gewesen: ach, das ist ja Opa.

Ich erzählte von den Seminaren für Nachfahren von Tätern und Täterinnen in Neuengamme, davon, dass die Vorfahren, von denen dort erzählt werde, keine Opportunisten waren, sondern in aller Regel vor 1933 und nach 1945 schon und noch von der NS-Ideologie überzeugt waren, davon, dass dies die Nachfahren nicht hindere, zu behaupten, die Vorfahren hätten sich unter dem Druck der Situation zur Beteiligung an den Verbrechen entschieden.

Mein Gesprächspartner weist mich darauf hin, dass man vorsichtigt sein müsse: Mehrere psychologische Untersuchungen, die nach nach allen Regeln der Kunst (nach damaligem Forschungsstand) durchgeführt wurden, hätten gezeigt, dass die Täter keineswegs verrückt oder gestört, sondern durchaus normal gewesen seien. Andererseits seien sie auch nicht unbedingt überzeugte Nationalsozialisten und Antisemiten gewesen, wie zum Beispiel der Bäckermeister in Bergen-Belsen. – Im Raum steht also die letzte Möglichkeit: dass sie eben in der Situation sich entschlossen hätten, ihre Verbrechen zu begehen, ohne überzeugt oder verrückt zu sein.

Wir kommen auf Harald Welzer und sein Buch „Täter“ zu sprechen. Ich habe das Buch vor ca. eineinhalb Jahren gelesen, er liest es jetzt gerade. Ich halte die These vom moralischen Referenzrahmen, der in den ersten Jahren des Dritten Reichs gewechselt worden sei, so wie andere Leute ihr Hemd wechseln, erstens für problematisch, und zweitens denke ich, dass sie nichts erklärt nur beschreibt: wer sich Himmlers Posener Rede anhört, muss zum Schluss kommen, dass er unter „anständig“ etwas anderes versteht als andere Menschen, dass er also einer anderen Moral folgen muss. Aber wie es dazu gekommen ist, dass die Moral gewechselt wurde, erfahren wir nicht, und vor allem erfahren wir nicht, warum manche Menschen die Moral wechselten und andere nicht.

Ich weise daraufhin, dass es sich bei der These vom moralischen Referenzrahmen, der ausgewechselt wurde, um einen hochgestochenen Namen für eine altbekannte Exkulpationsstrategie handelt: „Es war eben die Zeit“. Bei meinem Gegenüber kommt dies nicht an. Ich frage, ob die Täter nach 1945 wieder ihren moralischen Referenzrahmen gewechselt und zu jener Moral zurückgekehrt seien, die vor 1933 gegolten habe. Mein Gesprächspartner denkt kurz nach und meint, das müsse wohl so gewesen sein.

Ich erzähle von einem Buch von Dan Bar-On, „die Last des Schweigens“, und einem Aufsatz von ihm, in welchem er die Loslösung der Nachfahren von NS-Tätern von ihren Vorfahren als einen Prozess beschreibt, der in fünf Schritten abläuft, wobei der erste Schritt das Aufdecken der Fakten sei. Ich erzähle, dass es mir scheine, als seien viele Nachfahren von Tätern bei diesem ersten Schritt stehen geblieben.

Im Nachhinein frage ich mich, ob nicht auch die gesamtgesellschaftliche Aufarbeitung bei diesem Schritt stehen geblieben ist.

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