Was ich mir im Fall der mit dem Tod bedrohten Grundschülerin wünsche – jetzt mit Nachtrag

Einerseits: Dass Menschen sich mit dem Fall beschäftigen, die sich mit Grundschulpädagogik und mit Mobbing unter Schülern auskennen. Andererseits: Dass Menschen sich mit dem Fall beschäftigen, die sich mit Grundschulpädagogik und Mobbing unter Schülern nicht auskennen.

Einerseits: Menschen, die sich mit Grundschulpädagogik auskennen, müssten darauf bestehen, dass nicht vergessen wird, dass auch der Junge, der das Mädchen bedroht hat, ein Kind ist und dass Sanktionen gegenüber ihm einem Kind angemessen sein müssen. (Und zum Glück ist die schlimmste geforderte Strafe, die ich bisher gehört habe, der Schulverweis, der im Fall extremen Mobbings tatsächlich notwendig sein kann, um das Opfer zu schützen – aber der Täter braucht dann eine neue Schule, die ihn aufnimmt.)

Menschen, die sich mit Mobbing unter Schülern auskennen, müssten sich zu Wort melden und erklären, was Mobbing ist – vor allem, dass es nicht nur aus einzelnen spektakulären Vorfällen besteht, sondern dass das Opfer in einer Dauerangst lebt.

Andererseits: Menschen mit Ausbildung in Grundschulpädagogik sind normalerweise nicht auf Mobbing vorbereitet. Dieses ist normalerweise ein Problem der unteren Klassen der weiterführenden Schulen. Grundschulkindern fehlt normalerweise noch die taktische Raffinesse, in einem Dauermachtkampf an der Spitze zu stehen und ein anderes Kind zum Daueropfer zu machen.

Menschen mit Ausbildung in Grundschulpädagogik wissen, wie man Konflikte löst: Situationen, in denen beide Seiten unterschiedliche Interessen haben oder sich auch nur aus unterschiedlichen Gründen auf die Nerven gehen, in denen es aber nicht klar benennbare Täter und Opfer gibt. In Konflikten sind Gegenüberstellungen angemessen – wenn es Täter und Opfer gibt, kann die Gegenüberstellung für das Opfer eine Retraumatisierung bedeuten. Das Opfer benötigt Menschen, die auf seiner Seite sind.

Menschen, die sich mit Mobbing unter Schülern auskennen, sind nicht auf Grundschulkinder vorbereitet, sondern auf ältere Kinder knapp bevor sie zu Jugendlichen werden. Sie können schon mehr auf Einsicht auf Seiten der Täter setzen (wissen aber oft, dass das Problem gerade darin besteht, dass diese verweigert wird) und sie können darauf setzen, dass Mitschüler Partei für das Opfer ergreifen.

Menschen mit Ausbildung in Grundschulpädagogik rechnen normalerweise damit, dass sie sich mit den Eltern weitgehend einig sind, was die Ziele anbelangt: dass die Kinder etwas lernen, und zwar nicht nur Mathematik und Deutsch und Sachkunde, sondern auch Sozialverhalten, und sie rechnen damit, dass sie sich mit den Eltern weitgehend einig sind, was angemessenes Sozialverhalten ist. Sie gehen davon aus, dass die Kinder dies im Prinzip auch wollen, nur dass sie heute gerade lieber Fußball spielen als Hausaufgaben machen wollen.

Niemand ist darauf vorbereitet, dass Kinder andere Kinder mit dem Tod bedrohen – das ist auch der Grund dafür, dass so inadäquat reagiert wird. Kinder tun so etwas normalerweise nicht.

Insofern ist die Frage nach den Eltern berechtigt. Wenn Kinder andere Kinder mit dem Tod bedrohen, haben die Eltern etwas falsch gemacht. Man kann vermuten, dass sie eben kein Interesse daran haben, dass ihre Kinder ein Sozialverhalten lernen, das hier als angemessen gilt.

(Und das gilt jetzt nicht nur im Fall der muslimischen Kinder im aktuellen Fall der muslimischen Schülerin. Es gilt auch für die Kinder von Eltern mit rechten Ansichten.)

Verpflichtende Elternabende, wie Cem Özdemir sie fordert, erscheinen mir da lächerlich wenig. Aber welche Sanktionsmöglichkeiten gibt es gegen uneinsichtige Eltern?

Pädagogen und Pädagoginnen glauben an das Gute im Menschen, sonst haben sie ihren Beruf verfehlt. Sie müssen glauben, dass auch aus dem Kind, das sich daneben benimmt, etwas werden kann, dass es das nicht mit Absicht getan hat, dass es alles nicht besser wusste. Sie müssen glauben, dass es sich ändern wird, wenn man sein Vertrauen gewinnt, wenn man an seine Einsicht appelliert, wenn es gewertschätzt wird.

Auf ein Kind, das andere Kinder mit dem Tod bedroht, sind sie nicht vorbereitet. Aber das andere Kind muss geschützt werden.

Auf Eltern, die ihrem Kind beibringen, andere Kinder zu hassen, die vielleicht sogar ihr Kind ermutigen, andere Kinder zu bedrohen, sind wir auch nicht vorbereitet. Diese Eltern sind kein Fall für Grundschulpädagogen. Hier wäre eine andere Diskussion angebracht.

Nachtrag:

Wenige Tage, nachdem der Fall publik wurde (und nachdem eine Holocaustüberlebende ermordet wurde), fand ich einen Tweet, indem darauf hingewiesen wurde, dass neben der Diskussion um Antisemitismus die Muslimenfeindlichkeit nicht vergessen werden solle. Dazu folgendes: Ja, es gibt Muslimenfeindlichkeit. Aber ausgerechnet, nachdem eine Holocaustüberlebende ermordet wurde und nachdem ein kleines Mädchen mit dem Tod bedroht wurde, auf diese Muslimenfeindlichkeit hinzuweisen, ist der falsche Zeitpunkt. Dies hat nichts mit der Frage zu tun, ob es diese Muslimenfeindlichkeit gibt oder nicht; es ist eine Frage von Taktgefühl und Sensibilität und Respekt für das Leid der jüdischen Menschen, die gerade betroffen sind, dass man erst einmal schweigt.

Es ist wahr, dass Antisemitismus nicht importiert wurde, sondern dass davon mehr als genug schon immer in Deutschland vorhanden war und dass eine Neigung dazu besteht, den vorhandenen Antisemitismus auf Muslime zu projizieren. Es gibt jedoch auch eine Neigung, das Problem des Antisemitismus klein zu reden, indem man darauf hinweist, dass es heutzutage viel schlimmere Formen von Rassismus gebe. Und drittens sehe ich auch die Gefahr, dass Antisemitismus unter Muslimen (der eben keine reine Projektion, sondern durchaus vorhanden ist) unter Hinweis auf Muslimenfeindlichkeit heruntergespielt wird. Es gibt eben alles: Antisemitismus unter Mehrheitsdeutschen, Muslimenfeindlichkeit unter Mehrheitsdeutschen, und Antisemitismus unter Muslimen. Das eine kann nicht gegen das andere ausgespielt werden.

Ein anderer Versuch, statt Antisemitismus Muslimenfeindlichkeit ins Zentrum zu stellen, besteht in der (ebenfalls auf Twitter gelesenen) Behauptung, es handle sich um Einzelfälle, die nun aufgebauscht würden, um Muslimenfeindlichkeit zu erzeugen. Nach allem, was ich gehört habe, handelt es sich nicht um Einzelfälle, sondern um um die Spitze eines Eisbergs: Die meisten Eltern entscheiden sich dagegen, an die Öffentlichkeit zu gehen, und melden stattdessen still ihr Kind an einer anderen Schule an.

Es gibt hier noch ein weiteres Moment: Mobbing funktioniert nicht, wenn der Täter keine Unterstützung durch sein Umfeld erfährt: Nicht nur durch die Lehrer, die weggesehen haben, oder die Eltern des Jungen, sondern auch die anderen Kinder in der Klasse. Wenn der Junge allein wäre, würden die anderen Kinder zu ihm sagen: „Spinnst du?“ wenn er ein Kind mit dem Tod bedroht. Es muss ihm gelungen sein, einige andere Kinder zu gewinnen, die mit ihm gemeinsam das Mädchen schikaniert haben, und es muss ihm gelungen sein, den Rest der Klasse einzuschüchtern, so dass sie ihm nicht entgegentreten. Beides geht nur, wenn die anderen Kinder mit ihm auch inhaltlich übereinstimmen. Ich vermute also, dass es nicht nur der einzelne Junge ist, sondern dass insgesamt eine Atmosphäre herrscht, in der sein Verhalten als akzeptabel gilt.

 

 

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