Zum Abschied von den Debatten der letzten Woche ein Literaturtipp: „The Wee Free Men“ von Terry Pratchett (passend zum dritten Todestag.)

 

Das Buch handelt von einem Mädchen, das in die Feenwelt aufbricht, um ihren kleinen Bruder von dort zu befreien, und den Sohn des Barons befreit sie gleich mit. Es ist Teil der Scheibenwelt-Serie, der erste Band der Tiffany-Unterserie. Gerade in diesem ersten Band bleibt der Scheibenwelt-Hintergrund jedoch weitgehend unsichtbar (die einzige Ausnahme ist das letzte Kapitel, in dem einige bekannte Figuren aus der Serie auftauchen), und man kann sich auch vorstellen, dass er in Nordengland spielt, in einer Gegend, die im Buch wegen ihres Untergrunds als „the Chalk“ bezeichnet wird, angereichert durch einige Elemente aus der schottischen Mythologie (die Pictsies) und durch eine von „Alice in Wonderland“ inspirierte Parallelwelt. Zeitlich wäre der Roman wahrscheinlich im achtzehnten oder neunzehnten Jahrhundert angesiedelt. Elektrizität, fließendes Wasser im Haus, Telefon, Eisenbahn und Autos sind noch unbekannt. Alle Familienmitglieder können lesen und schreiben, und die Familie besitzt mehrere Bücher, unter anderem ein Märchenbuch aus den Zeiten der Anfänge der Orthographie. (Ich lasse mich, was die zeitliche Einordnung betrifft, gern von Menschen belehren, die sich da besser auskennen als ich.)

Tiffany ist die Tochter eines Farmers, der vor allem Schafe züchtet und der seine Farm von einem Baron gepachtet hat. (Wir haben es mit einer Fantasy-Heldin zu tun, deren Eltern beide noch leben.) Die Familie ist reich genug, um sich keine Gedanken machen zu müssen, dass es irgendwann nicht genug Essen für alle geben könnte, aber Tiffany muss die Kleider ihrer Schwestern auftragen, arbeitet in der Molkerei der Farm bei der Butter- und Käseherstellung und besitzt nur wenige Dinge ohne praktischen Nutzen.

Sie lebt in einer Welt, die eine klare Vorstellung davon hat, was Männer- und was Frauenarbeit ist, mit einer Ausnahme: Ihre Großmutter war die beste Schäferin weit und breit, womit gemeint ist, dass sie auch besser als die männlichen Schäfer der Gegend war. Sie trug selbstverständlich Kleider – anderes wäre in jener Gesellschaft undenkbar gewesen – aber es waren keine Kleider mit Reifrock, blauen Schleifen und silbernen Spangen wie das Kleid der Porzellanschäferin, die Tiffany auf einem Jahrmarkt gewonnen hat, sondern einfache, derbe Kleider, geflickt und ausgeblichen, mit festen Stiefeln und langen Unterhosen darunter. In dieser Kleidung konnte sie sich nachts auf den Weg machen, um nach einem verirrten Lamm zu suchen oder um die Schafe in Sicherheit vor der Kälte des Winters zu bringen.

Einige Jahre nach dem Tod der Großmutter kommt eine Parallelwelt der Welt Tiffanys gefährlich nahe, so dass Wesen von der einen zur anderen Welt gelangen können: Monster tauchen in Tiffanys Welt auf, und ihr kleiner Bruder wird von der Feenkönigin entführt. Tiffany muss sich in die Feenwelt aufmachen, um ihren kleinen Bruder zu befreien.

Die Feenwelt ist eine Welt, in der Träume wahr werden. Anders gesagt: Die Königin der Feenwelt nutzt die Träume der Menschen, um sie gefangen zu halten. Gerade am Anfang genießen die Menschen dies: Tiffanys Bruder, der erst vor kurzem laufen gelernt hat, freut sich, dass er so viele Süßigkeiten bekommt, wie er will. Der Sohn des Barons, der ein paar Jahre früher entführt wurde, langweilt sich bereits, vor allem hält er es für eine Zumutung, dass er singen und tanzen und springen soll. Die eigentliche Gefahr besteht aber darin, dass die Menschen, die in den Träumen der Feenwelt gefangen sind, nicht älter werden und nichts lernen.

Tiffany muss also zunächst ihren Bruder finden und anschließend den Ausgang aus der Feenwelt. Dabei gerät sie immer wieder in Träume, erst in einen eigenen Traum, dann in einen Traum des Sohns des Barons, schließlich in einen allgemein bekannten Traum: ein Bild, dass in der Tate Gallery hängt, mit kleinen Menschen in hohem Gras. Sie muss die Wege finden, die aus den Träumen herausführen, so dass sie die Feenwelt als den Ort sehen kann, der sie ist: einen öden Ort voller Monster, wo nichts wächst und wo immer Winter ist, so dass andere Welten überfallen und ausgeraubt werden müssen, und sie muss außerdem lernen, die Feenkönigin als das zu sehen, was sie ist, keine makellos schöne Frau, sondern ein erbärmliches Wesen mit viel zu großem Kopf, das nicht menschlich ist. (Sie ist die Kinderversion der Elfenkönigin aus „Lords and Ladies“, die ebenfalls keine wunderschöne Frau, sondern eine Art Alien ist, dessen einzige Fähigkeit darin besteht, Menschen glauben zu machen, dass sie unscheinbar und unwichtig und minderwertig gegenüber den großartig wirkenden Elfen sind.)

Von Anfang an besitzt Tiffany die Qualitäten, die sie braucht, um die Abenteuer in der Feenwelt zu überstehen: First Sight (am besten mit Erstes Gesicht zu übersetzen) und Second Thoughts. First Sight bedeutet, dass sie sieht, was wirklich da ist, nicht, was sie denkt, dass da sein müsste. Second Thoughts sind die Gedanken, mit denen sie ihre ersten Gedanken reflektiert. Später entwickelt sie noch Third Thoughts. First Sight und Second Thoughts sind die Eigenschaften, die eine Hexe ausmachen: die Eigenschaften, die ihr helfen, die Welt zu beobachten und zu verstehen. Magie ist zweitrangig – eine Hexe nutzt sie nur in Ausnahmefällen.

Tiffany fragt nach und denkt nach und misst nach: Wenn im Märchenbuch steht „Augen so groß wie Suppenteller“ holt sie ein Maßband und die Suppenteller der Familie und fragt, warum man nicht einfach den Durchmesser angibt. Vor allem aber hinterfragt sie die Botschaft der Märchen, die ihr vorgelesen werden: Warum soll sie glauben, dass die alte Frau im Märchen eine Hexe ist, und warum soll sie glauben, dass die alte Frau böse ist? Nur weil es gesagt wird? Woran kann man erkennen, dass die Hexe böse und nicht einfach eine alte Frau ist? Was war zum Beispiel mit der alten Frau in der Nachbarschaft, die etwas abseits wohnte und angeblich Zauberbücher besaß und die für das Verschwinden des Sohns des Barons verantwortlich gemacht wurde? Nachdem ihre Hütte verbrannt wurde, misst Tiffany ihren Ofen aus und stellt fest, dass er viel zu klein für den Sohn des Barons (geschweige denn für sein Pferd) ist. Sie findet ein halbverbranntes Buch und erkennt, dass es in einer fremden Schrift geschrieben wurde, aber nicht unbedingt ein Zauberbuch ist. Sie begräbt die Katze der alten Frau.

Sie erkennt, dass es nicht erstrebenswert ist, eine Prinzessin zu sein. Die Prinzessinnen im Buch sind hilflos und lassen sich retten. Sie erkennt auch, dass sie keine Chance hat, je eine Prinzessin zu sein, denn Prinzessinnen sind meistens blond und manchmal schwarz- oder rothaarig, aber sie haben keine Haare, die wie Tiffanys Haare braun sind wie die Erde (nicht kastanien- oder haselnussbraun). Ihre Augen sind blau oder grün oder schwarz, aber nicht braun. Sie erkennt, dass in den Märchen allerhöchstens als Bedienstete, aber nicht als Prinzessin ein Platz für sie ist. Sie entscheidet sich daher, aus den Märchen auszusteigen: zur Hexe zu werden, die nicht Teil der Geschichte ist, sondern am Rand, an der Grenze lebt, und die Geschichte durchschaut.

Wir haben es also mit dem Paradox einer Fantasygeschichte zu tun, deren klare Botschaft lautet: Die Feenwelt ist kein guter Ort zum Leben, sie ist öde und leer, die reale Welt ist weitaus besser und interessanter. (Und trotz aller skurriler Einfälle, durch die die Scheibenweltserie sich auszeichnet, besteht ihre eigentliche Qualität in ihrem Realismus und in ihrem parodistischen Umgang mit typischen Klischees der phantastischen Literatur. Übrigens ist Realismus eine Qualität, die auch den „Herrn der Ringe“ über die meiste Fantasy heraushebt.)

Die Geschichte warnt davor, in einer Traumwelt zu leben, erstens, weil Menschen, die sich wünschen, dass alle Träume wahr werden, typischerweise nicht an Albträume denken, und zweitens, weil auch jene Träume, die erstrebenswert erscheinen (vor allem Tagträume) sich nach einer Weile als wenig erstrebenswert herausstellen. Das Leben in ihnen ist langweilig, man lernt nichts, man entwickelt sich nicht weiter.

Dies gilt vor allem für den Traum, eine Prinzessin zu sein. (Im vierten Band der Unterserie, als Tiffany fünfzehn ist und sich nach einer Liebesbeziehung sehnt, wird sie ein zweites Mal in verschärfter Form mit diesem für sie unerfüllbaren Traum konfrontiert.) Als ich Kind war, wurden Märchenprinzessinnen kritisiert, weil sie ein falsches Ideal von Schönheit, Unschuld und Hilflosigkeit vorführen. Li Si aus „Jim Knopf“ muss ständig gerettet werden und täte am besten daran, von Frau Waas zu lernen, wie man den Haushalt führt, während Jim Knopf ein Abenteuer nachdem anderen besteht.

Heute sind die Prinzessinnen Actionheldinnen, oder sie sind ganz gewöhnliche Mädchen, die zur Schule gehen und ihr Zimmer aufräumen müssen, und umgekehrt wird ganz gewöhnlichen Mädchen vorgespiegelt, sie könnten Prinzessinnen sein: Anthologien für Mädchen, die gerade lesen lernen, heißen „Geschichten für kleine Prinzessinnen“, und das entsprechende Buch für Jungen heißt: „Geschichten für kleine Piraten“. Eine Prinzessin zu sein gilt nicht mehr als problematisch; schließlich kann auch eine Prinzessin Actionheldin sein.

Die eigentliche Attraktion eines Daseins als Prinzessin fällt dabei unter den Tisch: Die Prinzessin muss nicht arbeiten (ganz im Gegensatz zu Tiffany, der Hexe), und ihre materiellen Wünsche, schöne Kleidung, Spielsachen, Schlösser, Pferde, werden erfüllt, ohne dass sie sich anstrengen müsste. Sie steht im Mittelpunkt, und alle bewundern sie für ihre Schönheit.

In der Realität gibt es nur sehr wenige Prinzessinnen. Selbst in der heutigen Zeit, in der auch eine bürgerliche Frau oder eine schwarze Frau einen Prinzen heiraten kann, gilt für die allermeisten Mädchen, dass sie keine Chance auf einen solchen Aufstieg haben, und die eine, die es schafft, sollte uns die vielen anderen nicht vergessen lassen, die ein ganz gewöhnliches Leben leben.

In der Jungle World findet ein Interview mit einem der Autoren einer neuen Handreichung für gendersensible Erziehung im Kindergartenalter („Kerndeutsche Namen„). Auch Murat solle ein Prinzessinnenkleid ausprobieren können – und Finn und Tim und Leon vermutlich auch. Das ist auch in Ordnung, solange es darum geht, etwas auszuprobieren. Die Frage bleibt, warum „Frauenkleidung ausprobieren“ ein Prinzessinnenkleid meint, und nicht zum Beispiel die nominell schwarzen, mittlerweile ziemlich ausgeblichenen Kleider der Hexen der Scheibenwelt.

Problematischer als das Ausprobieren der Prinzessinnenkleider zu Fasching ist allerdings die Vorstellung, eine Prinzessin sein zu können, wie es die Titel der genannten Anthologien suggerieren. Nicht nur für Jungen, sondern auch für die weitaus überwiegende Anzahl aller Mädchen ist dies unmöglich. An besonderen Tagen, zum Beispiel an ihrem Geburtstag, vielleicht später auch zu größeren Festen, etwa der Erstkommunion oder Konfirmation, später dann zu Abiball (wo sie aber eine unter vielen ist) und Hochzeit mag sie die Prinzessin spielen, aber sie ist keine Prinzessin, und es würde ihr nicht gut tun, wenn man ihr vermittelte, dass sie eine Prinzessin ist.

Wenn ein Mädchen – oder auch ein Junge – ernsthaft davon träumt, eine Prinzessin zu sein, sollte man sie oder ihn nicht darin bestärken, indem man sie oder ihn wie eine Prinzessin behandelt, sondern fragen, welche Umstände in seinem Alltagsleben dazu führen, dass er oder sie das Leben einer Prinzessin dem eigenen realen Leben vorzieht – denn normalerweise bietet das Leben als gewöhnliches Kind viel mehr Freiheiten und Möglichkeiten als das Leben einer Prinzessin, die in ihrem Schloss zwar mit Spielsachen und schönen Kleidern überhäuft wird, aber auch sehr rigiden Rollenerwartungen ausgesetzt ist und vor allem wenig Gelegenheiten hat, zu zeigen, was sie kann. Nur ein Kind, dessen reale Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt sind, zieht sich in eine Traumwelt zurück, in der es sein kann, was es will, haben kann, was es will, und in der alle anderen tun, was es will.

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2 Antworten zu Zum Abschied von den Debatten der letzten Woche ein Literaturtipp: „The Wee Free Men“ von Terry Pratchett (passend zum dritten Todestag.)

  1. Carmilla DeWinter schreibt:

    The Wee Free Men ist auch eins meiner Lieblings-Scheibenweltbücher, ich kann mich dem Lob anschließen.
    Ansonsten: Anlässlich der Tatsache, dass ein mir bekannter Junge im Alter von vier Jahren meinte „Prinzessinnen sind doof“ und sich vehement weigerte, die Crew seines Piratenschiffs um eine Frau zu erweitern, muss ich glaube ich mal ein Anti-Prinzessinnen/Piraten-Traum-Buch schreiben.

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    • susanna14 schreibt:

      Ich mag auch die beiden folgenden Tiffany-Bände, „A Hat Full of Sky“ und „The Wintersmith“. Sie sind etwas einfacher gestrickt als „Wee Free Men“, das mit seinen ganzen Träumen sehr verwirrend ist, aber trotzdem schön. Ich mag, dass die Probleme dadurch entstehen, dass Tiffany einen menschlich verständlichen Fehler begangen hat, dessen Folgen sie jetzt korrigieren muss, und dass es nicht darum geht, irgendetwas absolut Böses zu besiegen. Den vierten Band finde ich aus genau diesem Grund schwächer, und der fünfte Band ist einfach schlecht.

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