Im Cafe: Intervention gegen den Rassisten vom Nebentisch

„Wir sind das älteste Volk Europas“ höre ich. Gemeint sind „wir, die Serben. Nicht die Russen. Ein detutscher Historiker hat mir das erklärt.“

Am Tisch sitzen zwei Männer und eine Frau. Am meisten redet einer der Männer, am zweitmeisten die Frau. Der zweite Mann sagt fast gar nichts.

Anscheinend hat sich die Frau überreden lassen, einen DNA-Test zu machen, um herauszufinden, von was für Leuten sie abstammt. Sie hat eine halbwegs vernünftige Einstellung dazu: „In aller Regel kommt ja heraus: zehn Prozent dies, zehn Prozent jenes.“ (Ganz vernünftig wäre es, auf den DNA-Test zu verzichten.)

Der Mann widerspricht: „Manche Völker haben sich rein gehalten. Das ging vom Vater zum Sohn.“ (Über die Frauen, die in die Familie eingeheiratet haben, erzählt er nichts.)

Er erzählt, welche Nationen „Germanen“ oder „Romanen“ seien. Anschließend wechselt das Thema zur Grenzöffnung im Jahr 2015. Diese würde dazu führen, dass in sechzig Jahren das deutsche Volk nicht mehr existiert. Ich überlege, ob ich mit meinem Taschenrechner zu ihm gehen und seine Behauptungen durchrechnen soll. Die Araber würden mehr Kinder bekommen als die Deutschen. Aber Merkel sei selbst nicht wirklich eine Deutsche, (Dass sie Jüdin sei, sagt er nicht. Ich weiß nicht mehr, wo er sie verortet.) Es wird weiter darüber gesprochen, dass man so etwas nicht sagen dürfe, weil man ja sonst gleich Rassist sei.

Er fährt fort damit, dass er behauptet, jetzt mit dem neuen Staatsbürgerschaftsrecht könne eine Frau irgendwo auf der Flucht schwanger werden, und wenn das Kind in Deutschland geboren wird, sei es sofort deutsch.

An diesem Punkt schreite ich ein und erkläre, dass er falsch informiert sei: Nur wenn die Eltern acht Jahre legal in Deutschland leben, erhält das Kind die deutsche Staatsbürgerschaft.“ Er behauptet: „Wenn es in Deutschland geboren ist, ist es deutsch.“ Ich wiederhole: „Nein, so einfach ist es nicht: nur wenn die Eltern acht Jahre in Deutschland wohnen.“

Der Mann wechselt wieder das Thema. Er erklärt der Frau, dass er schon wisse, was bei ihrer DNA-Analyse herauskommen werde: Dass sie hundertprozentig serbisch sei, weil sie blaue Augen habe. Alle Deutschen hätten blaue oder grüne Augen. Alle Slowenen auch. Diejenigen, die schwarze Augen hätten, seien nicht aus Europa. Sie seien Tartaren oder Mongolen. Bulgaren seien eigentlich Mongolen, die ihre ursprüngliche Sprache und Kultur aufgegeben hätten.

Irgendwie geht es plötzlich um die plattdeutsche Sprache, anscheinend Muttersprache der Frau, und um das plattdeutsche Wort für Kartoffeln. Die Frau versucht zu erklären, dass es eigentlich auch „Kartoffeln“ sei, oder eine Variante davon. Sie versucht zu erklären, dass Platt keine einheitliche Sprache ist, sondern dass es sehr unterschiedliche Formen von Platt gibt.

Ich verstehe nicht die gesamte Diskussion dieser Leute. Der Mann versucht anscheinend zu erklären, dass das Plattdeutsche irgendwann vom Hochdeutschen verdrängt worden sei, und macht Goethe dafür verantwortlich.

„Luther“ werfe ich ein. Der Mann scheint mich nicht zu hören, aber die Frau wendet sich mir zu. Ich erkläre, dass es im neunzehnten Jahrhundert wohl einige plattdeutsche Dichter gab, dass auch einige der Grimmschen Märchen (vom Fischer un siner Fru) auf plattdeutsch seien, dass ich es aber nicht weiß, ob es eine standardisierte schriftliche Form gibt. Die Frau bestätigt, dass sie nie plattdeutsch schreiben gelernt hat.

Kurz darauf bricht die Gruppe auf.

Anschließend macht mein Lieblingskellner eine anerkennende Bemerkung. Ich bin ziemlich froh, denn normalerweise scheue ich mich, in Diskussionen andere Gäste einzugreifen, weil ich dem Café nicht die Kundschaft vergraulen will. Beim Bezahlen spreche ich ihn noch einmal an. Er meint, der Mann rede so einen Scheiß, aber er könne nichts sagen, weil er dort arbeite.

Fazit: Einer Äußerung widersprechen, die ganz offensichtlich Unsinn ist (am besten auf der faktischen Ebene) und bei der man dies auch in knappen Worten deutlich machen kann, ist möglicherweise eine gute Strategie. Der Vorteil besteht darin, dass es verhältnismäßig einfach ist, ruhig zu bleiben, wenn man sich auf diesen einen Punkt beschränkt und sich nicht davon abbringen lässt. Natürlich bringt man niemanden so dazu, seine Position zu überdenken. Aber man schafft eine gewisse Irritation und macht deutlich, dass der andere nicht nach Herzenslust unwidersprochen  Unsinn verbreiten kann. Außerdem habe ich den Kellner unterstützt und vielleicht auch der Frau gezeigt, dass der Typ nicht so toll ist, wie er tut.

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