Mohnblume (Arbeitstitel)

Ob und wie man über die Leiden der Deutschen reden solle (Nachtrag zu gestern)

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Seit ich im Sommer „im Krebsgang“ von Günter Grass gelesen habe (angeregt dadurch, dass eine meiner Schülerinnen den Roman im Deutschunterricht lesen muss), habe ich wieder über die Frage nachgedacht, ob und wie man wieder über deutsche Opfer reden solle. Der Teil D von „mit Rechten reden“ (hier mein Kommentar dazu) und der gestrige Film samt anschließender Diskussion waren weitere Anlässe.

Tatsächlich habe ich vor allem vor beinahe fünfzehn Jahren zum ersten Mal über diese Fragen nachgedacht, also ungefähr zu der Zeit, als „im Krebsgang“ oder „der Brand“ von Jörg Friedrich erschienen. Damals kannte ich auch einige Menschen in Hannover, die selbst in erster Linie von ihrem Leiden sprachen, und wusste nicht, wie ich mit ihnen umgehen sollte. Einmal hörte ich in einer Art Literaturgruppe jemandem zu, der von einem Ausflug nach Polen, in seine alte Heimat erzählte. Als ich sagte, man sollte doch auch erwähnen, dass es Gründe hatte, dass diese Gegenden nicht mehr deutsch sind, sagte er: „Aber dafür konnten doch wir Kinder nichts.“

Noch früher, als ich noch zur Schule ging, gab es eine Gruppe, die vor der Schule Flugblätter verteilte, auf denen Deutschland in den Grenzen von 1937 (oder waren es die von 1913?) zu sehen war, mit der Behauptung, die Gebiete im Osten seien eigentlich alle deutsch. Als wir die Zettel unserem Politiklehrer zeigten, meinte er, dass sei ungefähr das Reich Kaiser Heinrichs im Mittelalter, nur dass sie vergessen hätte, dass dieser auch Besitzungen in Italien hatte. (Das war seine Art, uns zu sagen, dass er der Ansicht war, man könne nicht einfach ein Stück Geschichte ausblenden und so tun, als hätte es nicht stattgefunden.)

Jedenfalls bin ich mit der Ansicht aufgewachsen, dass die Abtrennung ehemals deutscher Gebiete im Osten (und Westen) eine Konsequenz des Kriegs war, den Deutschland begonnen und verloren hatte, und dass es aus beiden Gründen nicht angemessen war, sich darüber zu beklagen. Selbstverständlich war es richtig (oder wäre es richtig gewesen), die Flüchtlinge aus dem Osten zu unterstützen, aber ihre Sehnsucht, die alte Heimat wieder zu gewinnen, durfte nicht unterstützt werden.

Wieder zurück ins Jahr 2005. Anlässlich des 60. Jahrestags des Kriegsendes besuchte ich mehrere Vortragsreihen, und ein Vortrag beschäftigte sich mit der Diskussion um Vertreibungen (damals lief auch die Serie „die Flucht“) und Bombenkrieg. Ich erinnere mich nur wenig an den Vortrag selbst, aber ich erinnere mich, dass ich nach der Tabuisierung fragte, und die Antwort war, dass Flucht, Bombenkrieg, Vertreibung, Massenvergewaltigungen durch die Rote Armee nie tabuisiert waren: ich solle mir nur die Modelle Hannovers ansehen, die im Foyer des Neuen Rathauses ausgestellt sind, und von denen eines Hannover im Jahr 1945 zeigt. (Andere Beispiele, die ich nun nennen kann, sind die Aegidienkirche und die Bunker, die noch in der Stadt verteilt sind, und die Bomben, die man im Boden hat liegen lassen und die mindestens einmal im Jahr für eine spektakuläre Bombenräumaktion sorgen.)

Und dennoch bleibt die Frage, kann, darf man von den Leiden der Deutschen reden? Das Buch „mit Rechten reden“ argumentiert, dass Leiden individuell sei. „Im Krebsgang“ behauptet, es sei gefährlich, das Reden über deutsches Leiden den Rechten zu überlassen. (Es fällt mir schwer, mich zu erinnern, was gestern behauptet wurde. Ich glaube, es wurde so getan, als hätte die Diskussion seit „im Krebsgang“ und „der Brand“ nicht stattgefunden.)

Aber wenn es wahr sein sollte, dass es nicht gut ist, das Reden über deutsche Leiden den Rechten zu überlassen, dann kann es nicht sein, dass es reicht, die Personen auszutauschen, sondern dann müssen die Geschichten auch anders erzählt werden, als die Rechten es tun. Dem Ich-Erzähler und seinem Auftraggeber in „Der Krebsgang“ gelingt dies nur teilweise. Immerhin wird klar festgestellt, dass die „Wilhelm Gustloff“, um deren Untergang sich das Buch dreht, ein legitimes Ziel war, da sie auch als Truppentransporter diente, so dass der Abschuss des Schiffs kein Kriegsverbrechen darstellt, und der Anteil an Verantwortung, der den Deutschen zukommt, die das Schiff nicht vernünftig ausrüsteten, wird genannt. Andererseits wird zu viel von den Geschichten des Sohns übernommen: Wozu bedarf es der Geschichte des Mannes, der Wilhelm Gustloff erschoss oder der Geschichte des Mannes, der das Schiff abschießen ließ? Hat der Mord an Wilhelm Gustloff etwas mit dme Abschuss des Schiffes zu tun? Ist es notwendig, jemanden zu finden, der persönlich für den Abschuss des Schiffs verantwortlich war, wenn es sich nicht um ein Kriegsverbrechen handelt? Und warum wird die Geschichte der Mutter erzählt, die eben keine Geschichte des Leidens ist, sondern eine völlig unglaubwürdige Heldinnengeschichte?

Individuelles Leiden sollte benannt werden. Ruth Klüger erzählt in ihrem neuen Buch von ihrer langjährigen Freundin, die „Volksgenossin“ und BDM-Mitglied war, aber sich nach dem Krieg ernsthaft auseinandergesetzt hat und nach Amerika ausgewandert ist (sonst hätten die beiden Frauen nicht Freundinnen werden können). Sie erzählt von einem Bombenangriff, dem die Freundin ausgesetzt war und den sie, weil sie gerade an einer ansteckenden Krankheit litt, allein in der Wohnung aushalten musste, weil sie nicht in den Luftschutzkeller durfte. Die Verlassenheit des Kindes kann man leicht nachvollziehen.

Ich erinnere mich auch an eine alte Frau, der ich in jenen Jahren zuhörte. Sie erzählte von den Bombenangriffen, dass sie Angst hatte, dass sie im Bunker war, weiter nichts.

Wenn jemand von individuellem Leiden spricht, insbesondere in privater Runde, sollte man zuhören und Mitgefühl zeigen, so einfach ist das. Das Problem besteht darin, dass es in aller Regel nicht um individuelles Leid geht, vor allem nicht, wenn öffentlich gesprochen wird, aber manchmal auch, wenn privat gesprochen wird.

Es geht normalerweise nicht einfach um Todesangst und Verlassenheit, wenn von Bombenangriffen gesprochen wird, sondern das Leiden wird in einen Zusammenhang gebracht, es werden Schuldige und Opfer genannt, und dieses Nennen von Schuldigen und Opfern beschränkt sich in aller Regel nicht auf die konkrete einzelne Situation (den einzelnen russischen Vergewaltiger, die einzelne vergewaltigte Frau), sondern auf die russischen Soldaten (weiter oben tat ich es selbst: die Rote Armee) und die deutschen Frauen, und die eigentliche Motivation ist nicht mehr Mitgefühl mit der einzelnen vergewaltigten Frau, die gleichgültig, wie sehr sie das NS-Regime unterstützt hat, nicht hätte vergewaltigt werden dürfen, sondern Schuldabwehr oder vielleicht auch Abwehr der Einsicht, der sich die Deutschen spätestens 1945 hätten stellen müssen: Dass sie nicht Angehörige einer Nation waren, die für das Gute kämpfte (den Geist, den Heroismus) und von allen Seiten durch das Böse bedroht war (durch Händlertum und Materialismus), sondern dass die eigene Nation die umgebenden Länder überfallen und Verbrechen verübt hatte, die sie den Menschen anderer Länder als Personifikation des Bösen erscheinen lassen mussten, und die ihnen auch selbst hätten klar machen müssen, dass die eigene Nation zur Personifikation des Bösen geworden war, wenn sich hätten eingestehen können, dass sie sich bereitwillig für diese Nation eingesetzt hatten und dadurch mehr oder weniger direkt diese Verbrechen unterstützt hatten.

Dass auch die Soldaten anderer Länder Verbrechen begingen (und gerade die Vergewaltigungen waren Verbrechen, bei den Bombenangriffen bin ich mir nicht sicher) bot Schutz vor dieser Einsicht: „wir“ waren nicht die einzigen Verbrechen, was die Soldaten anderer Länder taten, war genau so schlimm, nur dass dies unter den Teppich gekehrt / tabuisiert wurde, so dass „uns“ verboten wurde, davon zu sprechen, aber es sind eben die Sieger, die Geschichte schreiben. (Natürlich ist dies nicht meine persönliche Ansicht.)

An dieser Haltung ist so ziemlich alles falsch. Dies beginnt, wie gesagt, bei der Tabuisierung. Die Leiden der Deutschen waren nie tabuisiert, insbesondere nicht im deutschen Diskurs, aber auch nicht international, nur dass sie international ins Verhältnis zu den Verbrechen der Deutschen gesetzt wurden. Was andere Soldaten taten, war nicht genauso schlimm. (Aus Sicht des einzelnen Opfers ist dies nicht relevant, aber im Rahmen des nationalen Diskurs, der es nicht aushält, dass das eigene Kollektiv, das Quelle von Empfindungen der Größe sein soll, durchaus) Angesichts dessen, was die Deutschen getan hatten und angesichts des Krieges, unter dem sie litten, nahmen die Alliierten es nicht immer genau mit der Unterscheidung zwischen Kombattanten und Zivilisten, zwischen Unschuldigen und Unschuldigen. Sie ließen sich vom Hass und Zorn treiben. Aber die Verbrechen der Deutschen auf ähnliche Weise zu beschreiben, wäre absurd, und so etwas zu versuchen, etwa indem man Verständnis dafür äußert, dass die reichen Jüdinnen und Juden verfolgt wurden und nur die Ermordung der armen Jüdinnen und Juden in Osteuropa verurteilt, bedeutet schon, antisemitischen Legenden anzuhängen. Und zum Glück siegten die Alliierten und schrieben Geschichte in einer Weise, die einigermaßen mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Wenn die Deutschen gesiegt hätten, würden deren Lügen weiter leben und nicht nur in kleinen Teilen der Bevölkerung gepflegt werden . wobei ich fürchte, dass ich, wenn ich „kleine Teile der Bevölkerung“ schreibe, dies auf die Weltbevölkerung, nicht auf die deutsche Bevölkerung beziehen muss.

Es käme also darauf an, die Leiden der Deutschen und die Verbrechen, die es durchaus gab, so zu beschreiben, dass man nicht den Eindruck erweckt, eigentlich wären alle gleich schlimm gewesen und eigentlich sei es ungerecht, dass nur den Deutschen ihre Schuld vorgehalten werde und dass nur sie unter ihrer Schuld litten. Man kann sich nun überlegen, was das im einzelnen heißen muss: erst einmal, dass Gleichsetzungen unterbleiben – „Bombenholocaust“ ist ein Wort, dass die Shoah in einer Weise relativiert, die mit der Realität nichts zu tun hat. Und zur Realität gehört eben nicht nur das Leiden selbst, sondern auch, wie es kontextualisiert, also in Ursache-Wirkungszusammenhänge eingebunden wird. Diese schließen eben immer den von Deutschland begonnenen Krieg ein, und sie schließen ein, was die Führung versäumt hat, zum Schutz der Zivilbevölkerung zu tun. Vertreibungen oder Massenvergewaltigungen vom restlichen historischen Geschehen zu lösen, dient nur der Exkulpation. Dies bedeutet natürlich nicht, dass die einzelnen Soldaten nicht für ihre Taten verantwortlich wären. Aber wenn auf die Massenvergewaltigungen verwiesen wird, geht es nicht um den einzelnen Soldaten, sondern um „die Russen“, die die deutschen Frauen vergewaltigt hätten und die angeblich mindestens genauso schlimm waren wie die Deutschen.

Der Wunsch, über die Vergewaltigungen reden zu dürfen, ohne gleichzeitig die Verbrechen der Deutschen an den Menschen der Sowjetunion zu erwähnen, ist infantil: es ist der Rückzug in eine Welt, in der man unschuldig ist, in der man Opfer wurde, in der man nicht für das verantwortlich ist, was geschah, und in der diejenigen, die man verehrte und zu denen man loyal war, nicht verantwortlichen waren, für das, was einem geschah. Es ist der Rückzug in eine Welt, die nicht zum Nachdenken und zum Umdenken zwingt, eine Welt, in der immer noch die Deutschen die Guten und die Russen die Bösen sind.

Ja, es wurden auch Frauen vergewaltigt, die mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun hatten, und auch Menschen, die vom NS-Regime verfolgt wurden, litten Todesangst unter den Bombenangriffen. Aber gleichzeitig freuten sie sich, weil sie wussten, dass die Bomben auch ein Ende der Dauerangst vor den Nationalsozialisten bedeuteten.

 

 

 

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