Neues aus der Reihe: Besuche bei erinnerungspolitischen Veranstaltungen einschließlich Diskussion

Heute habe ich mir den Film „Volksgenossinnen“ von Dirk Alt im Kino im Künstlerhaus in Hannover angesehen. Um es kurz zu sagen: Die Interviews mit „Zeitzeuginnen“ lohnen sich sehr, der Rest des Filmes, also alles, wofür der Regisseur verantwortlich ist, eher nicht.

Erzählt wird die Rolle/Situation/Haltung von Frauen im Dritten Reich, mit einem kurzen Vorlauf zu Kaiserreich und Weimarer Republik. Schon in diesem Vorlauf war einiges merkwürdig, zum Beispiel der Blick auf den Versailler Vertrag.

Interessant wurde der Film, als die Rolle von Frauen in der NSDAP diskutiert wurde. Tatsächlich war der Frauenanteil der NSDAP vor der Machtübergabe sehr gering und wurde in den ersten Jahren noch geringer, weil sehr viele Männer aus Karrieregründen in die NSDAP eintraten. Es gab zwar schon die NS-Frauenschaft, aber die blieb weitgehend ohne Einfluss auf die eigentliche Politik. Für junge Frauen war der BDM deutlich interessanter, weil sie hier eher das Gefühl hatten, sich selbst organisieren und etwas unternehmen zu können.

Hier setzen nun die Interviews ein: alte Frauen erinnern sich an ihre Zeit im BDM, vor allem wie toll die Gemeinschaft gewesen sei. Wenig später erzählen die Frauen von Begegnungen mit Hitler, zum Beispiel, wie sie ihm einen Blumenstrauß überreichten oder wie eine als Kind in die Führerloge durfte. Die Augen der Frauen strahlen, als sie dies erzählen, keiner von ihnen ist peinlich, was sie erlebte, keine sagt: „damals fand ich das toll, aber jetzt erschrecke ich über mich selbst und über meine Eltern, die nicht dafür sorgten, dass ich nicht in die Führerloge kam.“ Allein wegen dieser Passagen lohnt sich der Film.

Der Film differenziert zwischen Ausnahmefrauen wie Leni Riefenstahl, denen es gelang, eine wichtige Rolle zu spielen, und gewöhnlichen Frauen, von denen erwartet wurde, dass sie heirateten und Kinder bekamen und auf Parteitagen für das leibliche Wohl der Männer sorgten. Immer wieder sieht man Frauen beim Kartoffelschälen. Nach ein paar Jahren, als die Arbeitslosigkeit überwunden war, wurden sie wieder als Arbeitskräfte gebraucht – allerdings in niedrig qualifizierteren Positionen als in den Zwanzigern. Im Krieg verstärkte sich dies. Auch in der Wehrmacht wurden sie eingesetzt, aber nicht als Wehrmachtsangehörige, sondern als Zivilangestellte.

Zuletzt ging es um die Kriegserfahrung der Frauen: Bombenkrieg, Vertreibung, Vergewaltigungen.

Nicht nur Volksgenossinnen, sondern auch auch Angehörige des Widerstands und Verfolgte des NS-Regimes, insbesondere einige Jüdinnen kommen zu Wort. Sie reden ganz anders, viel ernster, ohne dieses Strahlen in den Augen.

Es folgt die Diskussion, und entgegen meinen sonstigen Erfahrungen melden sich zunächst kritische Stimmen zu Wort. Eine Frau kritisiert die breite Darstellung der Vergewaltigungen unter Auslassung der deutschen Verbrechen im Osten, die eben auch an Frauen und Kindern verübt wurden, eine andere kritisiert, wie der Versailler Vertrag dargestellt wurde („die Belastungen waren nicht so stark, dass Deutschland sie nicht hätte tragen können, und man darf auch nicht vergessen, dass Deutschland den Krieg begonnen hatte), und sie greift die Kritik ihrer Vorrednerin an der Darstellung der Vergewaltigungen auf.

Ein Mann unterbricht sie, behauptet, das gehöre nicht in den Film, es sei ein Film über deutsche Frauen, die Verbrechen der deutschen Männer gehörten dort nicht hin. Zum Glück kann ihm das Wort entzogen werden, so dass die Frau wieder sprechen kann.

(Beim Aufschreiben merke ich erst, wie man sich diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen kann. Selbstverständlich haben die Verbrechen an den deutschen Frauen etwas mit dem zu tun, was deutsche Männer (und übrigens auch deutsche Frauen als Wehrmachtshelferinnen oder SS-Helferinnen) vorher an der Ostfront getan hatten. Beides voneinander zu trennen bedeutet dem Mythos von den unschuldigen deutschen Frauen und den bösen unmenschlichen Russen fortzuschreiben. Aber auch wenn nicht jede einzelne Frau persönlich schuldig war und selbstverständlich die Vergewaltigungen ein Verbrechen sind, das nicht gerechtfertigt werden kann, dürfen sie eben doch nicht getrennt von dem gesehen werden, was deutsche Männer und Frauen zuvor in der Sowjetunion angerichtet hatten. Das heißt nicht, dass individuelles Leid nicht gewürdigt werden soll – aber die Schuldfrage muss eben differenzierter beantwortet werden.)

Ich melde mich, darf reden, schließe mich meinen beiden Vorrednerinnen an, lobe den Film dafür, dass auch verfolgte Frauen darin vorkamen, dass aber eben auch die russischen und sonstigen nichtdeutschen Frauen, die zum Opfer deutscher Männer (und Frauen) geworden waren, nicht hätte außen vorlassen dürfen, wenn man schon sagt, dass dies ein Film über deutsche Frauen sei. Besonders die Portraits von einzelnen russischen Soldaten als „Täter“ hätte ich als unangemessen empfunden. (Hinterher gelingt es mir, einem Bekannten, der auch im Film war und den ich erst beim Herausgehen wahrnehme, zu sagen, was ich daran als unangemessen empfand: Dass an dieser Stelle plötzlich individuelle Menschen als einzelne Schuldige dargestellt werden, wie es sonst im ganzen Film nicht geschieht.

Noch mehr kritisiere ich einen anderen Punkt: Direkt auf den Abschnitt „Auschwitz“ folgt eine neue Kapitelüberschrift „Flammen und Rauch“, und es folgt ein Bericht über den Bombenangriff auf Dresden. Ich sage nur, dass ich diesen Übergang nicht gut finde, vor allem wegen der Assoziationen, die hergestellt werden. Der Regisseur versteht meine Kritik sofort: ja, das bezieht sich wohl auch auf die Auseinandersetzung um Jörg Friedrich und seinen Begriff „Bombenholocaust“. Es sei ihm aber wichtig, unterbeleuchtete Aspekte zu beleuchten.

Als nächstes darf der Mann reden, der vorhin unterbrochen hat. Ich weiß nicht mehr, was er sagte. Ein weiterer Mann wirft meinen beiden Vorrednerinnen vor, wir würden aufrechnen, und das sei eine typisch deutsche Eigenart, die er zum Kotzen fände. Ich halte diesen Vorwurf für dermaßen verdreht, dass ich darauf überhaupt nichts sage. Ich melde mich auch nicht mehr zu Wort.

Die Kritik ging nun auf andere, eher handwerkliche Fehler über, vor allem dass nicht genannt wird, welche Quellen verwendet wurden. Die Frau, die als erstes redet, sagt, zu mir gewandt, sie fände es gut, dass endlich einmal Täter genannt werden. (Zu jenem Bekannten, mit dem ich nach dem Film noch ein Stück Weg gehe, sage ich, dass noch nicht mal sicher ist, ob die jungen Soldaten, die gezeigt wurden, tatsächlich vergewaltigt haben.) Die Frage nach dem Charakter des Films wird gestellt: eher fragmentarisch, essayistisch, unterhaltsam? Der Autor sagt, Essay und Unterhaltung würden sich nicht ausschließen, er lese gerade den „Waldgänger“ von Ernst Jünger, das sei ein sehr unterhaltsames Essay.

Beim Nachhausegehen unterhalte ich mich weiter mit meinem Bekannten. Uns fallen eine ganze Reihe kritischer Punkte ein, etwa dass der BDM völlig verharmlost dargestellt wurde. Dass dort Ideologie verbreitet wurde, dass der BDM kein Pfadfinderinnenlager war, wurde im Film verschwiegen.

Ein weiterer Punkt fällt mir erst ein, als ich allein auf dem Fahrrad unterwegs bin: Täterinnen von Bergen-Belsen (es wird nicht gesagt, dass es solche sind, aber ich kenne die Bilder) seien „Rädchen im Getriebe“ gewesen, als sei dieser Ausdruck nicht von Adolf Eichmann verwendet worden.

Insgesamt verbreitet der Film ein sehr seltsames Narrativ: Deutsche Frauen und Mädchen waren im wesentlichen Verführte, Hitler war zwar Projektionsfläche ihrer Sehnsüchte, aber sie waren eben nicht im gleichen Maße wie die Männer an Verbrechen beteiligt. Am Ende wurden sie zu den Opfern der schlimmsten sexuellen Verbrechen des 20. Jahrhunderts.

Immerhin habe ich aus dieser Veranstaltung ein weiteres Mal gelernt, warum es mit der Aufarbeitung der Vergangenheit so langsam vorangeht.

 

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