Mit Rechten reden: Teil D

 

Zusammenfassung:

Die Autoren bieten den Rechten ein Gespräch an, da sie finden, dass in einigem, das die Rechten sagen, zumindest ein Körnchen Wahrheit liege. Das ließe sich aber nur im Streitgespräch herausfinden. „Wenn euch etwas an der Zustimmung außerhalb eurer eigenen Kreise gelegen ist, solltet ihr also die Nähe von uns Nicht-Rechten suchen“ (S. 133). Die Bedingung sei aber, dass sie ihre „Sprachspiele“ unterließen.

Anschließend diskutieren sie einige zentrale inhaltliche Punkte der Rechten. Es ginge ihnen dabei aber nicht darum, Recht zu behalten oder die andere Seite platt oder fertig zu machen. Sie hoffen, dass die Rechten ihre Angst vor einem Gespräch verlieren (S. 134).

Die Punkte sind die folgenden:

Flüchtlingskrise (S. 135): Unter Berufung auf DiFabio, einen Verfassungrichter, behaupten Rechte, die zeitweilige Öffnung der Grenzen habe einen Rechtsbruch dargestellt. Dem entgegnen die Autoren, dass es auch andere juristische Positionen gebe, etwa von Möller und Bast (anscheinend lesen die Autoren doch die Texte anderer Menschen), und dass man sich nicht einfach auf juristische Autoritäten berufen, sondern verschiedene juristische Argumente betrachten solle.

Widerstand (S. 140): Rechte rufen zu Widerstand auf gegen einen Staat, der sie nicht länger schützt, sondern sich mit fremden Mächten gegen sie verschworen hat. Die Autoren gestehen zu, dass der Staat, die Pflicht hat, die Menschen, die in ihm leben, zu schützen, sie machen aber darauf aufmerksam, dass es den Rechten gerade nicht um Individuen, sondern um die „ethnische Homogenität und Substanz“ (S. 142) gehe. Es werde also einmal wieder etwas gesetzt (behauptet) und dann für schutzwürdig erklärt.

Volk (S. 145): Rechte behaupten die Existenz eines „eigentlichen“ Volkes, das etwas anderes sei als die Gesamtheit der Staatsbürger und Staatsbürgerinnen, einschließlich derer, die durch Einbürgerung oder aufgrund des ius soli die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben. Die Autoren kritisieren, dass die Rechten selbst nicht wissen, anhand welcher Kriterien sie dieses eigentliche deutsche Volk erkennen könnten.

Redefreiheit (S. 151): Rechte sehen ihre Redefreiheit beschnitten. Die Autoren gestehen ihnen dies zu: „Eure Kommentare werden gelöscht, eure Meinungen vielerorts zensiert, ihr werdet moralisch und oft als Personen ausgegrenzt – und so zum Schweigen gebracht. Nur noch eure eigenen Zeitungen drucken eure Texte“ (S. 152). Sie haben aber zwei Vorbehalte: Jemand, der die Position der Rechten kritisiert, beschneidet nicht die Redefreiheit der Rechten, sondern nimmt seine eigene Redefreiheit wahr. Außerdem ist die Redefreiheit kein absolutes Recht, sondern eingeschränkt dadurch, dass die Rede keinen Schaden anrichten darf.

Ungleichheit (S. 156): Rechte wollen nicht Rassisten oder Antisemiten genannt werden, bestehen aber darauf, zwischen unterschiedlichen Gruppen von Menschen zu unterscheiden. Die Autoren wenden ein, dass man, um sinnvoll über Unterschiede zu sprechen, erst einmal Gemeinsamkeiten feststellen oder stillschweigend voraussetzen muss, in diesem Fall, dass die Gruppen, die die Rechten unterscheiden wollen, alle Menschen sind. „Und anders als bei Steinen unterscheiden sie sich voneinander nicht in Exemplaren, sondern in dem, was sie tun. Das geht so weit, dass derjenige, der anderen das Menschsein abspricht, das nur tun kann, weil er es vorher voraussetzen muss. Menschen sind gleich darin, dass sie als Menschen – im doppelten Sinn – angesprochen werden können“ (S. 158).

Islam (S. 158): Im Gegensatz zu anderen Menschen, die sich in erster Linie durch muslimische Terroristen bedroht fühlen, halten Rechte den Islam als solchen für eine existentielle Bedrohung für „uns“ (wer immer mit diesem „uns“ gemeint sein soll.) Die Autoren fragen, warum es ihnen nicht reicht, gegen AKP, Salafismus, IS etc. als Quelle von Gefahren zu sein, sondern warun sie auch eine fromme Muslima, die einfach nur in Ruhe beten will, als Bedrohung sehen.

Nationalsozialismus (S. 162): Die Autoren beginnen damit, dass man Rechte nicht Nazis nennen solle, weil sie keine Nazis seien: schließlich würden sie sich nicht zum historischen Nationalsozialismus bekennen. Sie fragen anschließend, inwiefern sich die Rechten von Nazis unterschieden, und meinen, sie unterschieden sich so wie ein Aal sich von einer Schlange unterscheidet (also ähnliches Aussehen, ganz anderes Tier.)

Der Schöpfer des Aals sei Armin Mohler gewesen, ein Schweizer, der 1942 die deutsche Grenze überschritt und den Nationalsozialisten seine Dienste anbot. Sie schickten ihn aber nicht in den Krieg, sondern nur in Ausbildungslager (dass es ein Ausbildungslager der SS war, verschweigen die Autoren), und in der Rückschau erschien ihm, so behaupten die Autoren, jene Zeit als eine Art Ferien, was nicht weiter schlimm gewesen wäre (immer noch nach Ansicht der Autoren), wenn er für diese „Ferien“, mitsamt den Büchern, die er damals las (Ernst Jünger …) nicht einen neuen Begriff gefunden hätte: Konservative Revolution, und diesem eine Reihe von rechtskonservativen Autoren zugeordnet hätte.

Dass diese mit dem Nationalsozialismus verflochten waren, hätten Autoren wie Stefan Breuer und Volker Weiß dargelegt. Es handelt sich um einen der wenigen Hinweise, dass die Autoren auch Bücher anderer Menschen lesen, die sich mit Rechten auseinandersetzen, und ich wollte ihn schon erfreut notieren, als sie fortfahren: „Aber leider haben sie Mohler nicht nur an der einen Stelle durchschaut. Sie neigen auch dazu, ihm an anderer Stelle auf den Leim zu gehen“ (S. 165).

Sie gingen ihm angeblich auf den Leim, als er sich als Faschist bezeichnete. Nach Ansicht der Autoren war dies nur eine provokante Masche (S. 167). Zur Zeit der 68-er-Bewegung hätte das Problem darin bestanden, dass Faschismus ein Begriff gewesen sei, den alle nach Belieben füllen konnten. Die Rechten hätten ihn ebenfalls in ihrem Sinn gefüllt, sie hätten allerdings, wenn sie nach einer genauen Definition ihres Faschismusbegriffs gefragt wurden, ihn zwar eindeutig vom biologischen Rassismus der Nationalsozialisten und vom Universalismus der Linken abgrenzen, aber ansonsten nur raunen können: „Man kann den Faschismus nicht präzise definieren, man kann muss ihn leben und erleben. Unser Faschismus hat mehr mit Ästhetik zu tun als mit Politik“ (S. 167).

Mittlerweile würde aber kaum jemand mehr „Faschist“ als Selbstbezeichnung wählen. Im Gegenteil: man achte darauf, dass es nicht zu kompromittierenden Unzweideutigkeiten kommt. Wolfgang Gedeon und Ralph Weber seien in der AfD isoliert worden. „Was zählt, ist die Eindeutigkeit der Ausgrenzung, mit der man in rechten Kreisen mittlerweile auf eine zu eindeutige Nähe zum Nationalsozialismus reagiert“ (S. 168).

Weniger eindeutige Positionierungen lassen sich für Provokationstaktiken nutzen. (Die Ironie stammt von mir: Im Abstand von wenigen Zeilen wird erst von zu eindeutiger Nähe und dann von nützlicher vager Rede gesprochen.) Die erste sei der Versuch der Umdeutung von einem mit dem Nationalsozialistismus verbundenen Begriff wie „völkisch“. Das zweite sei die aktive Provokation, etwa Björn Höckes Rede in Dresden. Das dritte sei die passive Provokation: einfach darauf warten, dass jemand etwas Rechtes wittern werde, so wie Margot Käßmann in der Formulierung „‚Geburtsrate der einheimischen Bevölkerung‘ müsse erhöht werden“ einen braunen Wind wehen sah. Als vierte Strategie nennen sie die Übernahme linker Strategien, etwa sich in Widerstandspose zu werfen.

Als Gegenstrategie schlagen die Autoren vor, die Rechten zur Eindeutigkeit zu zwingen, etwa durch Nachhaken und das Stellen unangenehmer Fragen. Auf keinen Fall solle man ihnen die Gelegenheit bieten, sich über die Nazikeule zu beschweren.

Zuletzt kommen die Autoren auf Themen zu sprechen, die die Rechten immer wieder aufbrächten: das Leiden an Bombenkrieg, Vertreibung und anderen Kriegsverbrechen, und den sogenannten „Schuldkult“. Die Autoren weisen darauf hin, dass Leiden immer individuelles Leiden sei und dass nicht nur Nationalsozialisten, sondern auch sozialdemokratische Deutsche unter den Vertreibungen gelitten hätten. Was die Rede vom „Schuldkult“ anbelangt, warnen sie davor, sie zu aggressiv anzugreifen (S. 172). Unbehagen an der Erinnerungskultur sei nämlich auch in der Gesamtbevölkerung, also unter Nicht-Rechten weit verbreitet. Der Versuch, solches Reden klar zu markieren, würde nicht unbedingt „Gemäßigte“ (S. 173) davon abhalten, sich den Rechten anzuschließen, sondern sie im Gegenteil den Rechten zutreiben. Es existiere nämlich eine weitverbreitete Wut gegenüber den Stigmatisierungsstrategien der Linken. Dazu sei das Unbehagen an der Erinnerungskultur auch berechtigt.

Die Autoren konkretisieren jedoch nicht, inwiefern dieses Unbehagen berechtigt sei, sondern versuchen Argumente gegen die Rede vom „Schuldkult“ zu finden, etwa dass schon lange nicht mehr von Schuld, sondern von Verantwortung geredet werde, und dass unsere Nachbarländer sich teilweise deutsche Führung wünschten. Auf den Hinweis, es ginge nicht um Macht, sondern um Identität, antworten sie mit einer Aufforderung an die Rechten, mal tatsächlich die Geschichte ihrer Dörfer zu erforschen: Dort würden sie eine überraschende Menge Fremdes finden, und außerdem auch die Nationalsozialisten. Außerdem stellen sie die Frage, ob sie ihren jüdischen Freunden ins Gesicht sagen würden, dass es einen Schuldkult gebe.

Kritische Anmerkungen:

Bis auf den letzten Punkt bin ich mit den Ausführungen der Autoren weitgehend einverstanden, auch wenn ich wenig Neues gelernt habe. Teil D kann ich also empfehlen, allerdings würde ich manche Punkte ergänzen: Beim Abschnitt „Über das Volk“ würde ich mich weniger offen für rechte Argumentationen zeigen, sondern festhalten, dass alle Menschen, die einen deutschen Pass haben, Deutsche sind und die gleichen Rechte und Pflichten aufgrund dieser Staatsbürgerschaft haben. Allein schon die Vorstellung, dass es eigentliche und uneigentliche Deutsche gibt, ist mit dem Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes nicht vereinbar. Beim Punkt „Redefreiheit“ würde ich den Rechten weniger zugestehen, sondern ihnen erklären, dass Redefreiheit nicht bedeute, dass man in jede Talkshow eingeladen wird (wie es jetzt leider geschieht), sondern dass die Redefreiheit bereits dann gewährleistet ist, wenn sie das Recht haben, ihre eigenen Zeitungen zu schreiben, zu drucken und zu verkaufen.

Den letzten Punkt habe ich deutlich ausführlicher diskutiert als die anderen, weil ich an ihm am meisten zu kritisieren habe. Ich beginne mit dem Anfang:

Dass man die Rechten nicht Nazis nennen solle, scheint mir erst einmal zu allgemein: Ein direktes Gespräch ist natürlich sofort beendet, wenn man das Gegenüber als Nazi bezeichnet. Es ist auch beendet, wenn man es als rassistisch oder antisemitisch oder einfach nur rechts bezeichnet. Mir ist es sogar schon passiert, dass Menschen aggressiv reagierten, wenn ich ausdrücklich sagte, dass sie nicht für rechts halte, nur einige ihrer Positionen für etwas problematisch.

Anders verhält es sich, wenn man nicht nicht mit, sondern über Rechte redet: dann kann es sinnvoll sein Rassismus, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und Sehnsucht nach Verwurzelung in einer fiktiven Nationalgeschichte korrekt zu benennen. Es geht nicht darum, Rechte von irgendetwas zu überzeugen, sondern die Menschen, die sich nicht besonders auskennen. Die Autoren betrachten übrigens beide Aspekte: einerseits geht es um die Frage, ob Rechte sich das Gerede vom Schuldkult ausreden ließen (S. 173 – selbstverständlich ist dies nicht möglich), andererseits geht es darum, Gemäßigte zu überzeugen (auch auf S. 173).

Wichtiger ist aber das Bild vom Aal, der wie eine Schlange aussehe: Das heißt, die Rechten seien dem Nationalsozialismus äußerlich ähnlich, aber ein ganz anderes Tier. Die Rechten ständen nicht in der Tradition des Nationalsozialismus, sondern in der Tradition der von Armin Mohler erfundenen Tradition. Diese sei etwas ganz anderes als der Nationalsozialismus, er speise sich nämlich aus den „Ferienerinnerungen“ Armin Mohlers (S. 164), die mit dem Krieg gegen die Sowjetunion und dem diffus Schrecklichen (von den sehr konkreten Verbrechen ist nicht die Rede), das er hörte, nichts zu tun hatten, genauso wenig wie die Bücher, die er las. Die Autoren erwähnen zwar, dass Volker Weiß und Stefan Breuer Beziehungen zwischen diesen Autoren und dem Nationalsozialismus herausgearbeitet haben, aber außer dass diese komplex seien, erklären sie diese Beziehungen nicht weiter.

Wieder ein Literaturtipp: Volker Weiß, „die autoritäre Revolte.“ Stefan Breuer muss ich selbst erst lesen, bevor ich ihn empfehlen kann. Ein Buch über Kritische Literatur, das ich im vergangenen Frühling gelesen habe, war allerdings sehr gut.

Ich erinnere mich nun nicht im einzelnen an alle Verflechtungen, kann sie im Fall von Carl Schmitt aber andeuten: Schon in den Zwanzigern polemisierte Carl Schmitt gegen die liberale Demokratie, die in Deutschland eingeführt worden war. Das Aushandeln von Kompromissen zwischen Vertretern unterschiedlicher politischer Positionen und unterschiedlicher Interesse widerstrebte ihm, stattdessen phantasierte er von einem Volkswillen, der sich nicht durch Wahlen ermitteln, sondern erfühlen lässt. Da die Monarchie diskreditiert war, schwebte ihm eine Art Präsidialdiktatur vor, und Hindenburg schien ihm geeignet. Nachdem Hitler zum Kanzler ernannt worden war, ließ er sich zunächst auf diesen ein und versuchte, Karriere zu machen. Ein sehr bekannter Text verteidigt die Morde im Zusammenhang mit dem angeblich versuchten Röhm-Putsch. Später geriet seine Karriere jedoch ins Stocken und er zog sich zurück.

Die Verflechtungen sind also nicht einfach „sehr komplex“, sondern können erklärt werden: die liberale Demokratie wird abgelehnt, statt des in Wahlen ausgedrückten Willens der Staatsbürger wird ein erfühlter Volkswille gesetzt. Während des Nationalsozialismus hatte er keine Vorbehalte, sich auf dessen Biologismus einzulassen.

Wer sich besser mit Schmitt auskennt als ich, soll die Zusammenhänge besser erklären – die Autoren von „mit Rechten reden“ haben hier eine Gelegenheit versäumt. Vor bleibt der Verdacht bestehen, sie seien wie Armin Mohler der Ansicht, das, was sie als rechts und was Armin Mohler die Konservative Revolution nennt, sei vom Nationalsozialismus klar zu trennen.

Die Behauptung, Armin Mohlers „Ferienerinnerungen“ hätten mit dem Nationalsozialismus, der an der Ostfront stattfand, nichts zu tun, ist abenteuerlich. Im Prinzip bedienen die Autoren hier eine beliebte Schuldabwehrstrategie: Die Verbrechen hätten alle „im Osten“ stattgefunden, „wir“ hätten davon nichts gewusst. Die Zeltlager der Hitlerjugend und des BDM seien grundsätzlich nichts anderes gewesen als ähnliche Zeltlager der Pfadfinder oder Pfadfinderinnen.

Diese Behauptung, man habe „nichts“ gewusst, ist in dieser Allgemeinheit längst widerlegt. Es gab auch Lager in Deutschland, und die Menschen in den umliegenden Orten wussten davon, schließlich hatten sie Geschäftsbeziehungen mit diesen. Sie konnten wahrnehmen, dass Juden und Jüdinnen vertrieben wurden. Überall gab es Außenlager für KZ-Insassen, die zur Arbeit eingesetzt wurden. Vielleicht wusste nicht jeder jedes Detail über die Massenmorde, aber der Antisemitismus und die Verbrechen des Systems waren nicht zu übersehen.

Auch die Zeltlager des BDM und der HJ waren nicht einfach Ferien: In ihnen fand auch Indoktrinierung statt. Dass jemand in einem Ausbildungslager der SS nichts von den Morden erfahren haben soll, erscheint nun vollends unglaubwürdig.

Noch ein Literaturtipp: Die Arbeiten von Michael Wildt zur Volksgemeinschaft. Es gibt auch ein neues Büchlein: „Volk, Volksgemeinschaft, AfD.“

Die Autoren fahren fort mit ihrer Behauptung, die heutigen Rechten seien etwas ganz anderes (ein Aal) als der Nationalsozialismus (eine Schlange): Nicht einmal Armin Mohlers Selbstbezeichnung als Faschist würde bedeuten, dass er wirklich den Nationalsozialismus unterstützte.

Auch die AfD sei zwar rechts, ihre Mitglieder seien aber keine Nazis, und alle, die sich vom Nationalsozialismus nicht genügend abgrenzten, würden von der AfD ausgegrenzt. Dies ist schlicht sachlich falsch: Erst nach viel Hin und Her trennte sie sich von Wolfgang Gedeon, und mittlerweile ist er wieder aktives Mitglied der AfD-Fraktion im Landtag von Baden-Württemberg.

Der Einsatz von Vieldeutigkeit, gerade was die Abgrenzung vom Nationalsozialismus, ist einigermaßen korrekt, mit zwei Ausnahmen: Erstens behaupten die Autoren, dass Bezüge zum Nationalsozialismus nur als Provokation gemeint seien, womit sie implizieren, dass die Provokateure nicht wirklich meinen, was sie sagen. Den Nachweis bleiben sie schuldig. Was ernst gemeint ist (die Abgrenzung) und was taktisches Verhalten ist (die provozierenden Bezüge auf den Nationalsozialismus), behaupten sie einfach. Zweitens irritierte mich erst der Unterschied zwischen der aktiven und der passiven Provokation: Warum soll es sich bei der Forderung nach „Erhöhung der Geburtenrate der einheimischen Bevölkerung“ um eine passive Provokation halten im Gegensatz zur aktiven Provokation der Höcke-Rede? Nur, weil der Bezug zum Nationalsozialismus nicht ganz so offen ist? Dabei war auch der Nationalsozialismus bestrebt, die Geburtenrate der „richtigen“, also der nichtjüdischen Deutschen zu erhöhen, aber nicht die, die er trotz deutschen Passes nicht als deutsch betrachtete.

Vor allem scheint mir die Strategie, die Rechten durch Nachhaken und unbequeme Fragen zur Eindeutigkeit zu zwingen, fragwürdig. Wenn sie zur Eindeutigkeit gezwungen sind, distanzieren sie sich selbstverständlich vom Nationalsozialismus, die Botschaft ist dann aber längst angekommen. Besser wäre es, die Taktik offenzulegen, vielleicht sogar, indem man die Rechten zur Eindeutigkeit zwingt. Man sollte dann aber nicht sagen „ach, so habt ihr das gemeint, dann ist ja gut“, wie man es in einem gewöhnlichen Gespräch täte, sondern: „Eure ursprüngliche Äußerung sagte etwas ganz anderes“, und dies zum Beispiel durch Kontextualisierung nachweisen.

Zum Schluss noch die Themen „Leiden der Deutschen“ und „Schuldkult“: Beim ersten Thema nehmen die Autoren die Position ein, die auch von den Rechten (und vielen anderen Deutschen) eingenommen wird: dass es möglich sein müsse, darüber zu reden. Individuelles Leid lasse sich schließlich nicht aufrechnen.

Hier noch ein Literaturtipp: „Unterwegs verloren“ von Ruth Klüger. In einem der letzten Kapitel des Buchs erzählt sie, wie ihre Freundin Maria unter einem Bombenangriff litt: so erzählt man von individuellem Leid. Es lohnt sich übrigens auch, Menschen zuzuhören, die als Verfolgte des NS-Regimes Bombenangriffe erlebten: für sie bedeuteten diese Angriffe, dass die Zeit des Leidens bald vorbei sein würde, und gleichzeitig hatten sie Angst wie alle anderen.

Wenn Menschen über Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung sprechen, geht es allerdings nur ganz selten um individuelles Leid, gerade, wenn sie es öffentlich tun. (Zur Zeit bin ich am Überlegen, ob die Rede über individuelles Leid ihren angemessenen Platz nicht im Privaten hat.) Es geht sehr häufig um Aufrechnung und um die Behauptung, die „anderen“ seien auch nicht besser gewesen als die Deutschen. Ein Begriff wie „Bombenholocaust“ (Jörg Friedrich, „der Brand“ hat ihn eingeführt) dient der Täter-Opfer-Umkehr. Die Entkontextualisierung der Verbrechen dient ebenfalls diesem Zweck. Manchmal habe ich auch den Eindruck, dass von den Alliierten erwartet wurde, sich wie Heilige zu benehmen, statt angesichts der deutschen Verbrechen zornig zu sein. (Im Gegensatz dazu hatten die Deutschen keinen Anlass zornig zu sein, ihr Zorn und Hass hatte keine Basis in der Realität.) Ein weiteres Problem stellt die Behauptung einer Tabuisierung dar, die auch im Buch „im Krebsgang“ von Günter Grass wiederholt wird: Erstens gab es nie eine solche Tabuisierung, zweitens dient auch die Rede von der Tabuisierung der Behauptung, dass in Wirklichkeit andere genauso schuldig seien wie Deutschland, dass es aber, weil die anderen mächtiger sind, verboten sei, davon zu sprechen.

Der nächste Literaturtipp: „Schuld und Abwehr“ von Adorno. (Band 9 der gesammelten Schriften bei Suhrkamp.)

Es fehlt noch die Kritik am angeblichen Schuldkult. Sie greift leider ein Unbehagen haben, das auch unter Linken und allgemein unter Menschen, denen die Erinnerungskultur wichtig ist, durchaus verbreitet ist: das Unbehagen an der Ritualisierung. Die Kritik am Schuldkult ist aber etwas ganz anderes.

Zunächst ein paar Worte zu den taktischen Überlegungen der Autoren, dass die Kritik an der Kritik am „Schuldkult“ möglicherweise mehr „Gemäßigte“ den Rechten zutreibe statt umgekehrt von den Rechten abhalte. Möglicherweise stimmt dies sogar. Was nicht stimmt: Dass die Linken nur stigmatisieren, nicht argumentieren würden.

Wieder ein Literaturtipp: „Umkämpftes Vergessen“ von Hajo Funke, Micha Brumlik und Lars Rensmann. Im Sammelband „1945 und wir“ von Norbert Frei gibt es auch einen Artikel über die angebliche Kollektivschuld, dessen Titel ich aber gerade vergessen habe.

Prinzipiell lässt sich sagen, dass der Gedanke, dass jemand schuldig sein könnte, nur weil er einer bestimmten Gruppe angehört, ohne selbst etwas Böses getan zu haben, absurd ist. Vom Standpunkt des Universalismus aus gesehen gibt es nur individuelle, keine Kollektivschuld. Dies war auch der Standpunkt zumindest der westlichen Alliierten, die sich bemühten, die individuelle Schuld festzustellen. Dass sich trotzdem Menschen angegriffen und beschuldigt fühlten, wenn sie zum Beispiel gezwungen wurden, sich Konzentrationslager anzusehen, liegt daran, dass sie zumindest zeitweise das System bejaht, vielleicht auch aktiv unterstützt hatten, oder dass sie sich irgendwie mit „Deutschland“ identifizierten.

Heute leben nur noch wenige Menschen, die sich damals schuldig gemacht haben, und die, die noch leben, sind über neunzig. Für jüngere Menschen müsste die Rede von der Kollektivschuld absurd sein, sie müssten sich mit Mitgefühl und Interesse dem Leiden der Verfolgten zuwenden, statt sich zum Beispiel beim Besuch von Gedenkstätten beschuldigt zu fühlen. Dass dies nicht der Fall ist, hat zwei Ursachen: die Art der Vermittlung, und die Sehnsucht auch von jungen Menschen, sich mit Deutschland zu identifizieren und aus der Tatsache, das sie Deutsche sind, Selbstwertgefühl zu ziehen. Dies ist aber unmöglich, außer man blendet die Verbrechen des Nationalsozialismus aus. Dies wäre nun meine Argumenation, die ganz ohne Verweis auf den Wunsch des Auslands nach deutscher Führung auskommt.

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