Mit Rechten Reden: Teil C

 

Der rechte Denunziant/Informant liegt im Sterben. Kurz bevor er stirbt, erzählt er den drei Autoren einen Traum, in welchem alle Rechten der Stadt erst in ein Wäldchen deportiert (es ist nicht klar, ob die waldliebenden Rechten sich vorher selbst dorthin zurückgezogen hatten) und dann entweder in Umerziehungslager oder in Folterlager gesperrt werden (S. 80ff). Ein paar Tage später stirbt er.

Die Autoren organisieren ihm ein Waldbegräbnis, anschließend sinnieren sie über das, was ihnen er erzählt hat. Sie nennen es den rechten Opfermythos: Rechte halten sich für Repräsentanten jenes Deutschlands, das seit je her leidet, angefangen mit dem „Schandvertrag“ von Versailles (S. 88). Sie leiden unter dem, was das Ausland angeblich Deutschland antut, aber auch unter dem, was die Linken ihnen antun, etwa wenn skandalisiert wird, dass Sieferles Buch „Finis Germania“ auf einer Bestenliste gelandet ist . Die Autoren kritisieren die Skandalisierung, sie sind der Ansicht, dass dies dem Opfermythos der Rechten in die Hände spiele (S. 89ff).

Die Autoren wollen den Opfermythos studieren, aber nicht, um ihn zu zerstören, sondern um sich frei darin zu bewegen (S. 87.) Sie würden Aussagen, die ihre „linken Freunde“ als „faschistisch, völkisch, rassistisch, antisemitisch, islamophob, sexistisch, homophob“ bezeichnen würden, ebenfalls zurückweisen, aber sie würden sie kritisieren, statt sich zu empören und sie aus dem Diskurs auszuschließen (S. 92).

Andererseits kritisieren die Autoren auch das, was sie „Arschlochverhalten“ nennen: provozieren und auf Widerspruch mit „doch“ oder „du hast keine Ahnung“ reagieren (S. 93). Wenn der Diskussionspartner genug hat und die Äußerungen zum Beispiel als „rassistisch“ etikettiert, stilsieren sich die Rechten wiederum zum Opfer (S. 95).

Neben Provokation und Selbstviktimisierung nennen die Autoren als dritte Strategie den gezielten Einsatz von Vieldeutigkeit. Als Björn Höcke in Dresden vom „Denkmal der Schande“ sprach, reagierten viele darauf mit Empörung, woraufhin er meinte, dass nicht das Denkmal, sondern der Holocaust eine Schande sei (S. 96).

Die Autoren kritisieren nun einen anderen Punkt: Rechte können ihre Behauptungen in aller Regel nicht belegen (S. 97). Manchmal berufen sie sich auf große Denker, etwa Carl Schmitt, Oswald Spengler oder Ludwig Klages. Damit verhalten sie sich aber wie Impfgegner, die andere Impfgegner zitieren: Die großen Denker können ihre zentralen Behauptungen nämlich auch nicht belegen. Exemplarisch führen die Autoren dies am „Begriff des Politischen“ und der Freund-Feind-Unterscheidung von Carl Schmitt vor (S. 99ff), aber auch Ludwig Klages und Oswald Spengler würden an entscheidenden Stellen sagen: Das fühle ich eben so (S. 101).

Nicht nur unsere drei Autoren kritisieren Carl Schmitt. Eine ausführlicher Kritik stammt von Ingo Elbe: „Der Ernstfall“: http://www.sozialtheorie.de/IMG/pdf/Der_Ernstfall.pdf

Dies passt zur generellen Verachtung des Logos. Andererseits können nach Ansicht der Autoren auch Rechte, wenn sie unter sich sind, höchst vernünftig miteinander diskutieren (S. 103). Ausdrücklich loben die Autoren den Band „Tristesse Droite“ (S. 104). Nur: wenn es ihnen passt, ziehen sich Rechte doch wieder auf: „Ich habe eben Recht“ zurück (S. 104).

Die Autoren machen sich nun an die Analyse der Kernpunkte rechten Denkens: Vor allem würden sie sich durchgehend enttäuscht fühlen (S.105). Dieses Gefühl könne viele Formen annehmen, die einander teilweise widersprechen. Das allerdings sei noch nicht spezifisch rechts, aber die Rechten hätten sich in diesem Zustand eingerichtet: Es sind immer andere, die an ihrem Schicksal schuld sind: „Pubertät als Lebensform“ (S. 108).

Eigentlich seien nämlich die Rechten die Stärkeren (nach Ansicht der Rechten), aber die anderen behindern sie angeblich: „Na klar, sie beklagen sich, weil sie mit unserer Härte und Konsequenz nicht zurechtkommen. Unsere Freiheit, uns selbst zu setzen, macht ihnen Angst. Sie sind es doch, die nicht mit sich selbst übereinstimmen. Sie brauchen die Selbsttäuschung der Moral, die wirklichkeitsfremden Abstraktionen der Theorie, die demütigen Schuldkulte, weil sie zu feige sind, das Leben als das anzuerkennen, was es nonmal ist. Weil wir seinen Gesetzen ffolgen – darum fürchten sie uns. Sie wehren die Einsicht ab, dass die Welt ein Kampfplatz ist, auf dem letztlich die Stärkeren und Besseren überleben. Die Edleren. Der menschliche Adel“ (S. 109f)

Auf all das haben die Autoren eine einfache Antwort: Warum habt ihr es nötig, eure Stärke immer wieder zu behaupten, statt stark zu sein? (S. 110).

Zum Abschluss wenden sich die Autoren wieder einem Bild zu: Sie sehen eine Landschaft vor sich, in der verschiedene imaginäre Kreise gezogen wurden (S. 112).. Einerseits wären da die Ringe, von denen die Linken sich umgeben fühlen, andererseits der Kreis, in dem die Rechten sich eingerichtet haben und auf dessen Rand sich die Rechten nun bewegen, wenn sie mit der Außenwelt Kontakt aufnehmen. Sie täten das von vier Punkten aus, mit denen die Autoren typische Argumentationsstrategien charakterisieren, zwischen denen die Rechten hin und her wechseln (S. 114).

  • Behauptungspunkt (S.118 f): Von dort aus werfen Rechte ihre Behauptungen/Provokationen in die Menge, etwa „Die Islamisierung bedroht unsere Identität als Deutsche“ und wiederholen, bis die Gegenseite dessen überdrüssig geworden ist: „Das ist einfach so.“
  • Zweifelpunkt (S. 119f): Dort geht es um die deutsche Identität. Erst wird einiges aufgebracht, was angeblich deutsch sei, und wenn dies in Frage gestellt werde, sei die Antwort: Vernunft sei nicht alles, die tiefe Verbindung zum eigenen Volk könne man nur fühlen.
  • Pattpunkt (S. 120f): Von diesem Punktaus wird jede Diskussion verweigert: Wahrheit gibt es nur im Plural, als wären Rechte auf einmal zu Postmodernen geworden. Wir haben unsere Wahrheit, ihr habt eure Wahrheit.
  • Männerpunkt (S. 122f): Dort beteuern die Rechten, dass eine Diskussion unmöglich sei: „Hier gibt es nur noch den Monolog des einsamen Wolfs, der sich in die kalte Polarnacht der ewigen Paradoxien und Absurditäten aufmacht, in eine Zone der reinen Existenz ohne Sinn und Wahrheit, in der es nur extrem dicht behaarte Wesen aushalten.“

Das Kapitel endet mit einem Appell an die Rechten, aus ihrem Kreis heraus einen Blick in die Landschaft zu werfen, vielleicht auch mal einen Schritt herauszutreten (S. 125).

Kritische Anmerkungen:

Dieses Kapitel enthält einige richtige Beobachtungen über das „Diskursverhalten der Rechten“. Eine wissenschaftliche Analyse wird dadurch nicht ersetzt, aufgrund meiner persönlichen, ebenfalls unwissenschaftlichen Erfahrungen würde ich jedoch die Vermutung äußern, dass eine solche die Beobachtungen der Autoren unterstützen würde. Andererseits sind diese Beobachtungen auch nichts Neues.

Einzelne Punkte würde ich allerdings kritisieren: Da ist zunächst die Kritik an der Skandalisierung des Buchs „Finis Germania“ von Rolf Peter Sieferle. Als ich vom Skandal erfuhr und mich zu informieren versuchte, war ich ohne große Mühe imstande, Rezensionen zu finden, die die Hauptthesen des Autors referierten. Diese sind so offensichtlich von einer Täter-Opfer-Umkehr geprägt, dass sich eine explizite argumentative Zurückweisung erübrigt.

Hier ein paar Links zu Rezensionen, die ich auch jetzt noch finden konnte:

http://www.deutschlandfunkkultur.de/rolf-peter-sieferle-finis-germania-intellektueller-anstrich.1270.de.html?dram:article_id=388942

http://www.deutschlandfunkkultur.de/sz-literaturkritiker-gustav-seibt-ueber-finis-germania-ein.1008.de.html?dram:article_id=388580

http://www.zeit.de/2017/26/finis-germania-rolf-peter-sieferle-rechtsextremismus

https://www.vice.com/de/article/7x9gnx/wir-haben-das-skandalbuch-finis-germania-gelesen-damit-ihr-es-nicht-musst

Anhand dieses Beispiels kann auch diskutiert werden, welche Strategie gegenüber den Selbstviktimisierungsstrategien der Rechten angemessen ist. Die Autoren warnen vor allem, was der Selbstviktimisierungsstrategie in die Hände spielen könnte. Sie selbst praktizieren eine andere, in ihren Augen bessere Strategie: Die Selbstviktimisierung offen legen.

In diesem Abschnitt wird auch deutlich, worum es in solchen Debatten wirklich geht: nicht darum, Rechte zu überzeugen, sondern darum, das Publikum zu überzeugen. Das Publikum ist aber kein Monolith. Für Menschen, die sich mit modernem Antisemitismus auskennen, ist klar, dass die Behauptung, der Holocaust sei ein Mythos, dem die Deutschen nicht entrinnen könnten (S. 89), erstens ein Versuch ist, den Holocaust als historische Tatsache, unter welcher die Opfer noch immer leiden, für irrelevant zu erklären und stattdessen einen Mythos zu behaupten, dessen Wahrheit auf einer anderen Ebene liegt (so dass man einer Klage wegen Holocaustleugnung aus dem Weg geht), und zweitens die Deutschen zu Opfern dieses Mythos macht, also klassische Täter-Opfer-Umkehr betreibt. Menschen, die sich tatsächlich als Opfer des „Mythos Holocaust“ betrachten, werden ihn und sein Buch ohne weiteres als Opfer einer Medienkampagne sehen. Leo, Steinbeis und Zorn schreiben, dass diese Behauptung durch die rechten Netzwerke gehallt sei (S. 90).

(Ein weiterer Lesetipp: „Schuld und Abwehr“ von Adorno. Die dem Buch zugrundeliegende Untersuchung wurde im Jahr 1950 durchgeführt, aber viele der dort aufgeführten Schuldabwehrstrategien lassen sich auch heute noch finden. Ob die von Sieferle angelegte Strategie sich dort auch findet, müsste nachgeprüft werden.)

Auch den Umgang der Autoren mit der strategisch eingesetzten Vieldeutigkeit der Redner halte ich für fragwürdig. Die Vieldeutigkeit etwa der Rede vom „Denkmal der Schande“ (S. 96) entfällt nämlich, wenn man sich nicht nur diesen einen Satz, sondern die gesamte Rede ansieht. Sie entfällt für diejenigen, die um Implikaturen wissen, also darum, dass in alltäglicher Kommunikation genau wie in solchen Reden in aller Regel vorausgesetzt ist, dass die Zuhörer von willen Äußerungen wissen „wie sie gemeint sind“, ohne dass jedes Detail ausdrücklich genannt würde. Sie entfällt außerdem für diejenigen, die sich ein wenig mit der Kritik an der Rede Martin Walsers zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels auseinandergesetzt haben: Das Wort „Schande“ ist hochproblematisch.

(Wieder ein Lesetipp, die Analyse der Friedenspreisrede von Martin Walser durch Rafael Gross und Werner Konitza: „‚unvergängliche Schande‘: Martin Walser und das Fortwirken der NS-Moral“. In: Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral.)

Wichtig wäre, sich vom „das habe ich nicht so gemeint“ nicht irritieren zu lassen, sondern ihm entgegenzuhalten: „Ich weiß ganz genau, was Sie gemeint haben.“ Manchmal ist es aber auch möglich auf das zu antworten, was wörtlich gesagt wurde. Als Alexander Gauland behauptete, die Menschen würden einen Boateng nicht als Nachbarn haben wollen, antworteten viele Menschen (für die Gauland doch angeblich sprach), dass sie lieber Boateng als Gauland als Nachbarn hätten.

Ein weiterer problematischer Punkt ist die Vorstellung eines Kreises, der Rechte von Nicht-Rechten trennt. Die meisten Strategien der Rechten würden nicht funktionieren, wenn einzelne rechte Überzeugungen nicht auch von vielen Menschen, die sich selbst nicht als rechts bezeichnen, geteilt würden.

Besonders irritierend aber ist die Form, die die Autoren gewählt haben: die direkte Ansprache der Rechten statt einer Analyse ihres Verhaltens, die in erster Linie für Nicht-Rechte nützlich ist, wenn sie in Auseinandersetzungen mit Rechten geraten. Glauben sie, die Rechten würden freiwillig ihre überaus erfolgreichen Strategien aufgeben? Oder aus ihrem Kreis heraustreten, nur weil jemand ihnen erzählt, wie schön es außerhalb des Kreises sei, obgleich sie, die Rechten, genau sehen können, wie es dort wirklich ist? Glauben sie, irgendjemand würde sich zu einem Gespräch auf Augenhöhe eingeladen fühlen, nachdem man ihm vorgeworfen hat, er hätte „Pubertät als Lebensform“ gewählt?

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