Mohnblume (Arbeitstitel)

Mit Rechten Reden: Teil B

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Zusammenfassung:

In Teil B wenden sich die Autoren der Frage zu, warum die Rechte so stark werden konnte. Ihre Antwort: Es liege an der Schwäche, genauer gesagt am ideologischen Disaster der Linken (S. 50). In den Siebzigern, als die Linke am stärksten war, hätten die Rechten angesichts ihrer Schwäche angefangen nachzudenken und den Gegner zu analysieren, und sie hätten festgestellt, dass dieser nicht stark, sondern schwach war.

Nun folgt eine Geschichte der Linken. Bevor ich sie hier zusammenfasse, möchte ich vorausschicken, dass ich Schwierigkeiten hatte, sie mit dem in Einklang zu bringen, was ich sonst in meinem Leben über die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts gelernt habe. Mittlerweile kann ich mir diese Schwierigkeit erklären: Die Geschichte der Linken wird aus rechter Perspektive mit rechten Kategorien erzählt. Weiter unten werde ich in Einzelheiten erklären, wie ich zu dieser Einschätzung gelangt bin. Bedauerlicherweise sagen die Autoren nicht, ob die Darstellung der Geschichte der Linken ihre eigene Position widerspiegelt, oder ob sie die Sichtweise der Rechten wiedergeben wollte.

Der Zweite Weltkrieg habe mit einem Triumph der Linken geendet, allerdings in einer Welt, die von der Rechten geformt worden war (S. 51). Aus Großreichen mit ethnischen und sozialen Konflikten seien Nationalstaaten in einer Kriegsordnung geworden. Die Sowjetunion habe im Zweiten Weltkrieg zu sich selbst gefunden: Aus einer zersplitterten Bevölkerung sei ein Volk von Antifaschisten geworden. Es ging ihr nicht mehr um Neugestaltung der Gesellschaft, sondern sie sei zur Schutzmacht gegen ihre Feinde geworden. Der Feind hieß nun Faschismus oder Imperialismus und selbstverständlich immer noch Kapitalismus.

Im „Stahlbad der Weltkriege“ (S. 52) habe die Linke sich grundlegend verändert. Vorher habe sie humanistisch und dialektisch gedacht, nun sei sie zu einer Partei von Anti-Faschisten, Anti-Imperialisten und Anti-Kapitalisten geworden. Sie habe sich dabei ihrem Feind angeglichen, insofern als sie nun im Freund-Feind-Schema dächte, sie habe begonnen, um Identitäten zu kreisen. „Aus einem Gegner, dem die Linke ins Gesicht sehen konnte, war ein Feind geworden, dessen Züge sie fürchten musste, wenn sie selbst in den Spiegel sah“ (S. 53). Sie schminkte das Freund-Feind-Schema aber mit Moral: „Freunde und Feinde verwischte sie zu Opfern und Tätern., die Vielfalt der Rassen, Kulturen, Religionen und Geschlechter unterschied sie nach unterdrückten Schwachen und unterdrückenden Starken“ (S. 54).

Den Rest der Geschichte erzählen die Autoren nicht selbst, sondern schreiben sie einem „Informanten“ zu, der ehemals Mitglied der Rechten gewesen sein soll. Jetzt hören wir also seine Version.

Der Informant beginnt die Geschichte mit dem Bild, das die Linke von sich selbst habe. In der Mitte sei sie selbst, drumherum allerlein Menschen unterschiedlicher Hautfarbe in bunten Gewändern, in einem zweiten Kreis weiße Menschen in schmutzigen Kleidern, die wütend schreien, und noch weiter außen ein Kreis nur von Männern in Anzügen oder Uniformen, Geschäftemacher, Generäle, Nazis. „Mitleid mit den guten Schwachen, Hochmut gegen die bösen Schwachen, Ängstliche Wut auf die bösen Starken“ (S. 58).

Das Bild hänge in einem Theater, dessen Bühne ein einziger Raum sei, der durch zwei Türen betreten werden kann, „für Opfer“ und „für Täter“. Durch die erste Tür kämen vor allem Menschen nichtweißer Hautfarbe, aber auch Juden und Jüdinnen (die nur als Männer mit Kippa und deren Angehörige bezeichnet werden, S. 59) und Homosexuelle Paare. Diese seien willkommen. Durch die andere Tür kämen wütende Menschen in schmutzigen Kleidern (wahrscheinlich sogenannte Wutbürger), manchmal aber eben auch Männer in Anzügen oder Uniformen. Manchmal entsteht ein Gespräch mit jenen der ersten Sorte, und wenn diese sich einsichtig zeigen, sei auch die Linke freundlich. Nur die Angehörigen der zweiten Sorte würden konsequent vertrieben. Das Publikum komme und ginge, aber der Saal sei immer gut gefüllt.

Die Geschichte endet damit, dass sich über Nacht ein als SS-Mann verkleideter Mensch im Schrank versteckt. Als die Linke aufwacht, bekommt sie erst einmal einen Schreck, vertreibt ihn aber. Der zweite Schreck entsteht, als sie sich selbst im Spiegel sieht, den der SS-Mann enthüllt hat. Am nächsten Tag stürmen mehr falsche Schauspieler die Bühne, und alle verhalten sich anders als gewohnt. Zuletzt haben Sarrazin und ein paar Identitäre (weder der erstere noch die letzteren werden beim Namen genannt) einen Auftritt. Vor allem letztere sind wegen ihres kecken bubenhaften Äußeren schnell beliebt.

Das Fazit der Geschichte besteht darin, dass die Rechte ihrer Mittel von der Linken gestohlen habe.

Kritische Anmerkungen

Wenn man wie ich eine gewisse Zeit im „Fandom“, vor allem in der Fanfiction-Szene verbracht hat, ist man versucht, an einigen Punkten der Geschichte zu nicken, vor allem an Stellen, wo die Linke die Angehörigen von Minderheiten freundlich empfängt, weil diese von vornherein als Opfer gelten. An zwei Vorfälle in der Fanfiction-Szene, einen, der einer Fünfzehnjährigen, einen, der mir selbst passierte, erinnere ich mich noch:

Die Fünfzehnjährige hatte ein Fanfiction in Romanlänge geschrieben, in welchem sie Rassismus reproduzierte (Schwarze Einheimische als Hintergrund für die weißen Hauptpersonen). Sie wurde daraufhin mit einem Shitstorm bedacht, den auch viele Menschen, die fanden, dass die Kritikerinnen in der Sache Recht hatten, im Ausmaß und in der Form nicht mehr angemessen fanden. Wenn sie darauf hinwiesen, wurden sie ebenfalls mit einem solchen Shitstorm bedacht. Wenn sie zu argumentieren versuchten, konnte es passieren, dass ein einzelnes Wort, das sie verwendeten, als Vorwand benutzt wurde, nicht auf ihre Argumente einzugehen, sondern ihnen zu empfehlen, ein Seminar „racism 101“ zu empfehlen, weil sie PoC (People of Color) triggern würden. Erst als eine „Woman of Colour“ mittleren Alters einschritt und sagte: „Sie ist fünfzehn – sie hat einen Fehler gemacht und kann lernen“, verebbte der Shitstorm.

Ich selbst geriet einmal während meiner Zeit als Manga-Fan ins Kreuzfeuer der Kritik: Im Manga, das ich mit anderen Fans diskutierte, war eine ganze Familie auf Befehl der lokalen Regierung ermordet worden. Als ich das als Verbrechen bezeichnete, erklärten mir Menschen, dass das innerhalb des asiatischen Wertesystem völlig in Ordnung sei, weil dort die Gemeinschaft oder der Staat höher stünden als das Individuum. Als mir das nicht genügte, wurde ich zur Rassistin erklärt, die westliche Werte anderen Kulturen überstülpen wolle, statt diese anderen Kulturen zu respektieren. (Zum Glück war das dermaßen absurd, dass ich mich nicht einschüchtern ließ, und der Shitstorm blieb auch aus. Der Rassismusvorwurf funktioniert nämlich nur, wenn er akzeptiert wird.)

Das erste Beispiel scheint das vom rechten Denunzianten beschriebene Bild der Linken zu bestätigen, die Nichtweiße, Juden und Jüdinnen und Homosexuelle mit Aufmerksamkeit und materiellen Zuwendungen bedenkt, weiße „Wutbürger“ aber zurückweist. Das zweite Beispiel scheint die Behauptung zu bestätigen, dass die Linke ihrem Gegner, also der Rechten, sehr ähnlich geworden sei: Universalismus wird in Frage gestellt, stattdessen wird die kulturelle Identität außereuropäischer Ethnien absolut gesetzt. Identitäres Denken habe sich also auch in der Linken durchgesetzt.
Das erste Beispiel zeigt außerdem, dass die Kommunikationsformen sich denen der Rechten angenähert haben: Es geht um Kampf, und jede Schwäche wird genutzt, dem anderen zu schaden. Dass die Diskussionspartnerinnen in aller Regel Menschen sind, denen Antirassismus durchaus am Herzen liegt, die aber Fehler machen, wird ausgeblendet – oder auch nicht, denn die Strategien funktionieren nur bei Menschen, die nicht kämpfen wollen.

Man sollte aber vorsichtig sein: Viele Menschen, die behaupten, dass Minderheiten und Mädchen/Frauen gehätschelt würden, haben nichts Derartiges erlebt. Sie erleben das Ende der Bevorzugung, die sie gewöhnt sind, als Bevorzugung der anderen. Sie bezeichnen andere als „Gutmenschen“, weil diese sich gegen Rassismus wenden, gleichgültig, ob sie das per Shitstorm oder per wohlwollender Kritik tun. Ob jemand also tatsächlich Verhaltensstandards einfordert, die für alle gelten sollen, oder sich nur wie ein verwöhntes, privilegiertes Kleinkind verhält, muss also im einzelnen untersucht werden.

Ich hätte mich angesichts der Absurditäten, die ich erlebt habe, von der Linken abwenden können. Stattdessen habe ich noch einmal studiert, habe eine andere Auffassung von „links“ kennengelernt, habe gelernt, was die Querfront und was verkürzte Kapitalismuskritik ist, habe einige Texte von Adorno gelesen, habe Marxisten kennengelernt. Ich habe eine Linke kennengelernt, die das Verhalten der Antirassistinnen, die ich in der Fanfiction-Szene erlebt habe, für genauso absurd hält wie ich selbst. Ich habe gelernt, dieses Verhalten auf der Grundlage der Werte Gleichheit und Freiheit zu kritisieren.

Denjenigen, die ebenfalls an einer Kritik identitären und autoritären Verhaltens innerhalb der Linken von einer linken Position aus gelegen ist, möchte ich den Band „Beißreflexe“ von Patsy l‘Amour Lalove empfehlen. Die Aufsätze im Buch sind nicht alle gleich gut, aber alle besitzen ein Literaturverzeichnis, das einem hilft, weiterführende Literatur zu finden.

Das Bild der Linken, das Teil B uns vorführt, hat mit der Linken, die ich in den letzten fünfzehn Jahren kennengelernt habe, nichts zu tun. Diese Linke begrüßt zwar das Ende des Kolonialismus, sieht aber einige Entwicklungen, vor allem die vorbehaltlose Unterstützung nichteuropäischer Nationen als Nationen oder die kritiklose Akzeptanz fremder Kulturen sehr kritisch. Nur weil er außerhalb Europas stattfindet, ist Nationalismus nicht plötzlich akzeptabel. Genauso wenig ist muslimischer Antisemitismus akzeptabel. Selbstverständlich sind Angehörige von Minderheiten keine besseren Menschen, sondern können ihrerseits Vorurteile und Ressentiments gegen Angehörige anderer Minderheiten pflegen. Eine Linke die diesen Namen verdient, setzt sich nicht einfach für Benachteiligte ein, sondern für eine bessere Welt, in der Gerechtigkeit durch ein anderes Wirtschaftssystem, nicht durch Förderung ethnischer Identitäten, solange es keine europäischen sind, erreicht wird. Eine Linke, die diesen Namen verdient, kritisiert, wenn Linke im Namen der Unterstützung Benachteiligter autoritär werden.

Warum wird aber zeichnen die Autoren ein Bild der Linken, das wirkt, als hätten sie zu viel Zeit auf tumblr verbracht? Die Antwort liegt auf der Hand: Was uns in Teil B präsentiert wird, ist kein Bild der Linken, sondern das Bild, das die Rechten sich von der Linken machen, oder, noch komplizierter, das Bild, das die Linke nach Ansicht der Rechten angeblich von sich selbst hat. Für den zweiten Teil geben die Autoren dies sogar offen zu, indem sie den „rechten Denunzianten“ (oder Informanten) einführen.

Dadurch klären sich einige Merkwürdigkeiten der Geschichte, etwa die Beschreibung der Haltung der Linken gegenüber anderen Menschen: „Mitleid mit den guten Schwachen, Hochmut gegen die bösen Schwachen, Ängstliche Wut auf die bösen Starken.“ Linke unterteilen nicht in böse Starke und böse Schwache, sondern in Menschen mit einem geschlossenen rechten Weltbild und Menschen, deren Denken einige rechte Versatzstücke enthält, die aber prinzipiell noch ansprechbar sind. Mit stark oder schwach hat das nichts zu tun. Linke singen auch nicht „Freude, schöner Götterfunken“, das machen die Menschen von den Pulse-of-Europe-Demonstrationen, die nur aus Sicht der Rechten links sind. Auch dass die jungen Männer der Identitätern Bewegung zum Anknabbern hübsch waren, ist wohl eher ein Wunschtraum.

Aber auch im ersten Teil der Geschichte, der nicht einem rechten Denunzianten/Informanten in den Mund gelegt wurde, finden sich vielerlei Merkwürdigkeiten. Dies beginnt damit, dass der Zweite Weltkrieg mit einem Triumph der Linken geendet haben solle. Nur aus Sicht der Rechten sind Churchill, Roosevelt, Truman, de Gaulle alles Linke. Aus Sicht der Linken ist auch Stalin kein Linker, sondern ein Massenmörder, der die Theorien der Linken auf autoritäre Weise pervertiert hat.

Linke würden auch nicht sagen, dass sich der Charakter der linken Bewegung „im Stahlbad der Weltkriege“ fundamental verändert habe. Abgesehen davon, dass ein Wort wie „Stahlbad“ nicht zu ihrem Wortschatz gehört, würde sie vor allem auf die Verbrechen der Nationalsozialisten, allen voran die Shoah verweisen, die die Linke vor ein neues Problem stellte: „dass Auschwitz nicht noch einmal sei“.

Das Zitat stammt aus Adornos Aufsatz „Erziehung nach Auschwitz“: Ein weiterer Lesetipp. Man findet den Text in Band 10 der gesammelten Werke. Man kann ihn aber auch im Internet finden, nicht nur schriftlich, sondern auch als Radiovortrag bei Youtube.

„Auschwitz“, damals die Kurzform für das, was heute „Holocaust“ oder „Shoah“ heißt, also der Massenmord an den Juden und Jüdinnen Europas, schockierte die gesamte Welt. (Deutsche sehen sich manchmal als besonders belastet durch diese Verbrechen. Manchmal erinnern sie sich daran, dass auch die Überlebenden und ihre Nachfahren belastet sind. Aber auch für die Befreier war das, was sie sahen, erst einmal ein Schock.) Angesichts dieser Verbrechen erschien der Nationalsozialismus als das absolut Böse. Man konnte nicht länger nur gegen Kapitalismus sein, man musste sich auch gegen Antisemitismus und Rassismus wenden. (Die Frage, ob Antisemitismus und Rassismus Folgen von Kapitalismus sind, werde ich hier nicht diskutieren.)

Ich wollte mich gerade an einer eigenen Geschichte der Linken versuchen, aber lieber verlinke ich hier einen Vortrag von Sina Arnold, „Occupy Antisemitism“, der auch die Geschichte der amerikanischen Linken erzählt: https://soundcloud.com/rosaluxstiftung/occupy-antisemitism

Die Autoren erwähnen die Verbrechen der Nationalsozialisten überhaupt nicht. Sie erwähnen nicht, dass Opfer und Täter nicht einfach Konstrukte sind, die die Linken an Stelle der angeblich angemesseneren Kategorien „Freund und Feind“ verwenden, dass sie die Welt auch nicht in unterdrückte Schwache und unterdrückende Starke einteilen, sondern dass stark und schwach keine Kategorien sind, die für Linke eine Rolle spielen. Die Verbrechen sind real, auch die rassistischen Morde der Neunziger und die Morde des NSU sind real, und die Trennung von Opfern und Tätern kein Propagandatrick und kein Moralismus.

Auch in jenen Passagen, die nicht dem rechten Informanten/Denunzanten in den Mund gelegt sind, wird also ein rechtes Geschichtsbild dargestellt. Die Frage ist nur: Warum sollte dies jemanden interessieren? Warum frage ich einen rechten Denunzianten, wenn ich Informationen über die Linke möchte? Man erfährt nur, was Rechte über Linke denken. Vielleicht ist es in einer Kampfsituation sinnvoll, dies zu wissen. Man darf es nur nicht mit der Linken verwechseln.

(Mein erster Gedanke beim Lesen des Kapitels war: Sind die Autoren überhaupt, wie sie behaupten, Nicht-Rechte? Teil C und D haben allerdings meine Zweifel beseitigt: Sie sind wirklich Nicht-Rechte, allerdings mit einigen merkwürdigen ästhetischen Vorlieben.)

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