Mit Rechten Reden, Teil A: Der Wille zur Macht

 

Zusammenfassung

Im ersten Teil wird erklärt, auf welches Problem das Buch reagiert und welche Lösungsversuche es für falsch hält.

Das Problem wird folgendermaßen charakterisiert: Plötzlich seien überall Rechte aufgetaucht (S. 17) und machten einem das Leben schwer. Sie änderten nicht ihre Ansichten, nur weil man ihnen die eigenen, viel besseren Ansichten vorhält, und sie verschwänden auch nicht einfach. Am liebsten würde man nicht mit ihnen reden.

Der Kirchentag 2017 hat es doch gewagt. Eine konservative/reaktionäre Christin und AfD-Mitglied wurde zum Kirchentat eingeladen, man hat vorher große Befürchtungen gehabt, aber am Ende hat man mit ihr über allerlei Schützenswertes (Embryos, das Abendland) gesprochen, und die Katastrophe sei ausgeblieben (S. 19).

Wenn man generell jemandem sage, man habe ein Problem mit ihm, laufe man Gefahr, dass dieser antworte: Das ist dein Problem. Wenn man Glück habe, sage er aber auch: Vielleicht haben wir ein Problem miteinander (S. 21). Die Autoren möchten die Rechten also nicht als ein Problem betrachten, das wir, die Nicht-Rechten, zu lösen hätten, etwa indem wir die Rechten unterdrücken (S. 21), sondern als ein Beziehungsproblem, das man miteinander hat und miteinander lösen muss. Sie betrachten sich als eine Art Paartherapeuten (S. 24), allerdings nicht für eine Liebes-, sondern für eine Konfliktbeziehung: sie wollen helfen, dass die beiden Seiten weniger schlecht miteinander auskommen, zumindest besser streiten können.

Sie beginnen ihre Paartherapie mit der Analyse einer der beiden Seiten, nämlich der Rechten. Dabei interessieren sie sich nicht für die rechten Gewalttäter, die man getrost „dem Verfassungsschutz, der Polizei, der Bundeszentrale für Politische Bildung, Ursula von der Leyen und der Antifa“ überlassen könne. Sie interessieren sich für die „Grauzone“, die nicht (oder nicht mehr) der rechtsextremistischen Szene angehört, sich aber auch nicht von dieser abgrenzt: für Erika Steinbach, für Thilo Sarrazin oder Matthias Matussek. Junge Freiheit und Sezession und auch die AfD verorten sie ebenfalls in dieser Grauzone.

Sie definieren diese Grauzone nicht über ihre Inhalte, weil diese nicht unbedingt als rechts, sondern als konservativ oder stockkonservativ eingeordnet werden können und manche ihrer Aktivitäten sogar als links oder grün. Beispiele für konservative Haltungen wären „Schutz der Heimat, Beharren auf dem Nationalstaat, Beschränkung der Einwanderung, selbstbewusstes Christentum, meist katholisch oder evangelikal, Unbehagen an der kulturellen Moderne, Festhalten an traditionellen Geschlechterrollen, Anstand und Leistung als Erziehungsziele, latente Preußensehnsucht, ‚Schlussstrich‘ unter die Vergangenheitsbewältigung, Anerkennung der Opfer von Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung“ (S. 26). Ein Beispiel für linkes Verhalten wäre Kapitalismuskritik, ein Beispiel für grünes Verhalten der Verkauf selbstgezogenen Gemüses auf dem Biomarkt (S. 27).

Wir sollten die Rechten nicht als Konservative wahrnehmen (das würde sie verharmlosen), aber auch nicht als „Untote aus dunkler Vergangenheit“ dämonisieren. Aus diesem Grunde wenden sich die Autoren von den Inhalten ab und dem „Sprachspiel“ der Rechten zu. (Ich vermute, „Kommunikationsverhalten“ wäre hier das treffendere Wort.) Diese würden sich ständig mit ihrer Identität beschäftigen, könnten aber nicht genau sagen, worin diese bestimmt, nur, wovon sie bedroht ist (S. 29), nämlich vom „System“ und von einer Ideologie die die angeblich natürlichen Unterschiede zwischen Menschen leugnet. Rechtes Sprechen heißt, sich ständig gegen diese (vermeintliche) Bedrohung zu wehren. Alles, was nicht komplette Zustimmung ist (S. 114, in Teil C), werde als Angriff gewertet. Zwei Beispiele werden genannt, in denen es Martin Lichtmesz oder Beatrix von Storch gelang, ihre Diskussionspartner aus der Fassung zu bringen und aus einer argumentativen Diskussion einen Kampf zu machen, in dem eine Seite die andere „platt macht“ (S. 35).

Leo, Steinbeis und Zorn suchen nach einem Weg, dieses „Spiel“, das die Rechten spielen, zu verlassen. Sie weisen die Rechten darauf hin, dass sie selbst keine Linken sind und nicht die Ideologie der Gleichheit vertreten (S. 32), in deren Namen das Recht des Stärkeren geleugnet und die Herrschaft der Schwächeren durchgesetzt werden sollen (S. 35). Sie könnten sogar einen wahren Kern in der Position der Rechten erkennen, da sie selbst ebenfalls Nietzsche gelesen haben. Allerdings interpretieren sie Nietsche anders: Er würde nicht die Herrschaft der Stärkeren fordern, sondern die Angst vor der Stärke verspotten, welche Menschen an der Entfaltung ihrer Möglichkeiten hindert (S. 36).

Aufgabe der Starken sei, dem Schwachen zu helfen, „nicht in dem er seine Schwäche umhegt sondern indem er ihn zur Stärke anspornt.“ Grundproblem sei der Moralismus, der „Herrschaftsanspruch im Namen der Moral (S. 36).

Im nächsten Abschnitt wird genauer definiert, was die Autoren unter Moralismus verstehen: „die Verwandlung der inneren Stimme, durch die der Mensch mit sich selbst ins Gericht geht, zu einer Instanz der öffentlihcen Anklage. … Wer ungestört vom eigenen Gewissen – mit einem Wort: selbstgewiss – moralische Urteil fällen will, muss das Böse definieren. Das heißt, er muss es als Inhalt fassen. Aber Inhalte sind ja zunächst einfach mal da. Als Gefühl. Als Meinung. Als Satz. Als Gesinnung. Doch wie will man etwas, das existiert, aus der Welt schaffen? Man kann es nicht, schon gar nicht in einem Rechtsstaat. Man kann ihm allerdings die Berechtigung absprechen, unter uns zu existieren, indem man es stigmatisiert“ (S. 37).

Der Moralismus versuche, zu verbieten, was kein Gesetz verbietet: Die Bejahung von Ungleichheit und Macht, das Fremdeln mit dem Fremden, die Identifikation mit dem eigenen Volk.

„Aber die Wege dessen, was sich nicht zeigen darf, sind unergründlich. Es wandert ab in unsere Träume. Es findet sich in Utopien. Es brütet in Milieus vor sich hin. Es verbringt zu viel Zeit im Internet (S. 37).

Die Autoren beschreiben zwei Reaktionen: Auf der einen Seite Ausschluss und Skandalisierung gegenüber jenen, die selbstbewusst und angriffslustig auftreten, etwa Götz Kubitschek, und Paternalismus gegenüber jenen, denen, die schwach auftreten, etwa eine Pegida-Demonstrantin, die ein Politiker gegen ihren Willen ins Gespräch zu ziehen versucht. Beides halten die Autoren für falsch. Stattdessen äußern sie die Hoffnung, dass, wenn beide Seiten nur ein paar Punkte einsehen würden, ein Gespräch möglich werde:

„Dann könnten wir streiten, indem die einen die Existenz der Ungleichheit gegen die nivellierende Tendenz der Moral verteidigen, und die anderen das Recht auf Gleichheit gegen die Anmaßung der Stärke. … Und dann könnten sich beide auch freimütig zu einem Gefühl bekennen, das sie insgeheim schon immer gehegt haben: der Freude an den besten Vertretern der anderen Seite“(S. 41).

Sie sprechen nun die Rechten direkt an, einerseits mit dem Wunsch, dass die Vielfalt der Nichtrechten anerkannt werde und sie nicht alle als Linke bezeichnet würden, dem Angebot, den Reichtum der Sprache der Rechten anzuerkennen (S. 41), und dem Lob für zwei Bilder der Rechten, dem der fiebrigen Krise, und dem der Schlange.

Kritische Anmerkungen

Beim ersten Lesen dieses Textes ärgerte ich mich über das, was ich für Spott hielt gegenüber Menschen, die das Auftauchen von Rechten als Problem empfinden, oder gegenüber der Kirchentagsleitung, die sich Gedanken machte, bevor sie ein AfD-Mitglied, das gleichzeitig auch konservative Christin war, zum Kirchentag einluden. Was wollt ihr denn, schienen sie zu sagen, ihr habt sie zum Gespräch eingeladen, und so schlimm war es doch gar nicht: Der Dom ist nicht eingestürzt.

Beim zweiten Lesen amüsierte ich mich nur noch: Die Autoren verfallen in eine der Haltungen, die sie „den Linken“ zuschreiben, nämlich Paternalismus. Sie versuchen sich als eine Art Paartherapeut, der keiner Seite von vornherein die Verantwortung zuschreibt. In verschiedenen Teilen des Textes sprechen sie die Rechten direkt an, zum Beispiel, wenn sie diese bitten, sie nicht als Linke zu bezeichnen:

„Hört auf damit. Im Ernst, wir können im Prinzip über fast alles reden. Aber darüber nicht. Wenn ihr meint, euren Identitätskomplex in den Griff zu kriegen, indem ihr euch einen Namen gebt, ist das eure Sache. Wenn ihr Rechte sein wollt, schön. Aber dass wir keine Rechten sein wollen, macht noch lange keine Linken aus uns. Und auch keine Liberalen oder Pseudo-Konservativen. Wir sind, wer wir sind. Uns beschäftigt, was uns beschäftigt. … Aber keiner von uns ist Agent irgendeines Systems. Aus uns spricht nicht die Ideologie,die euch angeblich unterdrückt. Und solange ihr das nicht anerkennen wollt, sind wir für euch eben: Nicht-Rechte. (S. 32).

„Apropos. Wenn wir als erste Voraussetzung eines Gesprächs von euch die Anerkennung unserer Vielfalt als Nicht-Rechte erwarten, dann hätten wir im Gegenzug auch etwas anzubieten. Wir können zugestehen, dass eure Sprache Reichtum birgt“ (S. 41)

„Nun pflegt ihr Rechte einen heftigen, in sich durch und durch widersprüchlichen Affekt gegen den Logos … . Aber zum Glück hegt ihr andererseits eine ebenso starke Zuneigung zum Mythos. Und damit zur Literatur. Darum können wir nicht nur versuchen, durch literarische Texte zu euch zu sprechen, wir können auch zuhören, wir ihr durch und über die Literatur mit euch selbst sprecht (S. 43).

Dies ist nun schon nicht mehr die Sprache eines Paartherapeuten, der die Beziehung des ratsuchenden Paares von einem neutralen Standpunkt aus betrachtet und der außerdem mehr von Beziehungsdynamik versteht als die beiden Betroffenen. Ein Paartherapeut sagt: „Wenn ihr meinen Rat wollt, dann bezahlt ihr erstens und zweitens verhaltet ihr euch nach den Regeln, die ich aufstelle, und wenn nicht, habe ich genügend andere Klienten.“ Er bittet nicht einen der beiden Partner, sich auf ein Gespräch einzulassen, er hätte ihm auch etwas zu bieten, er müsse nur aufhören, ihn als Linken zu bezeichnen.“ (Gibt es keine wichtigeren Bedingungen, die vor dem Beginn eines Gesprächs gestellt werden müssten?)

Warum es zu einer solchen Bitte kommt, die für einen echten Paartherapeuten höchst ungewöhnlich wäre, lernt man ein paar Seiten vorher: Die Autoren malen sich aus, was passiert, wenn man zu einem Mitmenschen sagt: „Ich habe ein Problem mit dir.“ Schlimmstenfalls sagt der andere: „Das ist dein Problem.“ Aber vielleicht käme es auch anders: Vielleicht sind beide miteinander verbunden, und der andere sagt: „Wenn du ein Problem mit mir hast, dann haben wir möglicherweise ein Problem miteinander.“ Und der erste würde dann den anderen nicht mehr als Problem sehen, dessen Lösung darin besteht, dass der andere sich ändert, sondern er soll ebenfalls das Problem als gemeinsames Problem ansehen (S. 21).

Das klingt natürlich sehr schön und kann in Konflikten innerhalb eines Paars oder zwischen Arbeitskollegen ein guter Ansatz sein, aber selbst da nur unter bestimmten Voraussetzungen: Beide Teile müssen an einer Lösung des Problems interessiert sein, und es darf keine unüberwindlichen Gegensätze geben.

In unserem Fall gibt es aber einen unüberwindlichen Gegensatz: Entweder man erkennt die Gleichheit, zumindest wie sie im Grundgesetz festgelegt ist, als Teil des Zusammenlebens an, oder nicht.

Es gibt auch einen „Partner“, der an einem guten Zusammenleben nicht interessiert ist. Eine zentrale Fähigkeit guter Paartherapeut_innen besteht darin, dass sie destruktives Verhalten erkennen und dem anderen Partner mitteilen: es hat keinen Zweck, sehen Sie zu, dass Sie die Beziehung mit möglichst wenig weiteren Verletzungen verlassen. (Leider sehen viele Paartherapeut_innen dies anders.) Ein idealer Paartherapeut würde das Verhalten rechter Intellektueller in Talkshows als manipulativ erkennen. Das Ziel besteht darin, den anderen zu verunsichern und zu verwirren und letztendlich zu besiegen. (Wer mehr darüber erfahren will, sollte sich Literatur über Gewaltbeziehungen ansehen: Den Partner oder die Partnerin gezielt zu verunsichern stellt eine Form psychischer oder emotionaler Gewalt dar. Manchmal, aber nicht immer folgt als nächste Eskalationsstufe physische Gewalt.) Ein solches Verhalten lässt sich nicht durch Appelle, sich anders zu verhalten, verändern.

Manipulatives Verhalten ist nicht auf Rechte beschränkt, sondern lässt sich mit sehr vielen, auch linken politischen Haltungen kombinieren. Ohne Bezug auf die Inhalte lässt sich also nicht beschreiben, was Rechte sind. Ich vermute daher, dass die Autoren diese Definition verwenden, um Rechte von Konservativen zu unterscheiden: Schließlich seien viele Inhalte der Rechten konservativ, manche wirkten sogar links oder grün. Tatsächlich haben Linke und Grüne einiges an theoretischer Arbeit geleistet, um grüne oder linke Inhalte von ihren rechten Varianten (ökologische Esoterikszene, moralisierende und personalisierende Kapitalismuskritik) zu unterscheiden.

Peter Bierl: „Grüne Braune“ erklärt, wie man linken von rechtem Umweltschutz unterscheiden kann: Linker Umweltschutz ist anthropozentrisch, es geht ihm um den Schutz der Lebensgrundlagen von 7 Milliarden Menschen. Rechter Umweltschutz ergeht sich in Phantasien, dass die Welt mit weniger Menschen besser dran wäre.

Rechte Kapitalismuskritik erkennt man daran, dass sie die Behauptung aufstellt, das Problem des Kapitalismus könnte durch Rückkehr in irgendeine als goldenes Zeitalter betrachtete Vergangenheit (70-er, 50-er, 19. Jahrhundert, Mittelalter, Steinzeit…) oder durch Begrenzen der internationalen Verflechtungen lösen: das Böse sei nämlich außen zu verorten, etwa an der „Ostküste“ – eine Chiffre für das „Weltjudentum“. Rechte Kapitalismuskritik neigt typischerweise zum Antisemitismus.

Zuerst wurde dies von Moshe Postone herausgearbeitet. Seine Texte finden sich im Internet.

Es ist auch möglich, konservatives von rechtem Denken zu unterscheiden. Samuel Salzborn erklärt dies in seinem Band „Kampf der Ideen“, Volker Weiß versucht sich ebenfalls an einer Klärung.

Die Trennlinie zum Konservatismus ist in der Tat schwieriger als die zu ziehen als die zu politischen Positionen, die sich viel aktiver von rechten Ideen abwenden, aber das heißt nicht, dass es keine solche Trennlinie gäbe, und zwar auf der inhaltlichen Ebene. Zum Beispiel geht es Konservativen um reale Gemeinschaften wie Familien, Rechten dagegen um die als Familie phantasierte Nation. Ein weiterer Unterschied ist die Verachtung von Ordnung durch die Rechten und die Vorliebe für das „Recht des Stärkeren“, also das Gegenteil von dem, was normalerweise unter Recht verstanden wird, und damit auch die Abschaffung jeglicher Ordnung und ihrer Ersetzung durch Kampf. Dies ist nicht mehr konservativ.

Die Autoren benennen einige zentrale Inhalte der Rechten, vor allem das Kreisen um nationale Identität. Für illusorisch halte ich die Hoffnung, dass aufgrund einiger freundlicher Worte der Autoren rechte Intellektuelle wie Kubitschek oder Lichtmesz auf einmal nicht mehr aggressiv reagieren, wenn identitäres Denken kritisiert wird, sondern freundlich werden. Wer die deutsche Identität dieser Menschen kritisiert, greift den Kern ihres Denkens an, und dagegen wehren sie sich.

Auf der anderen Seite kritisieren die Autoren den Moralismus der Nicht-Rechten. Anstatt der Selbstkritik diene ihnen die Moral zur Anklage. Aber rechte Inhalte seien nun einmal da, und im Rechtsstaat könne man sie nicht einfach zum Verschwinden bringen, nur stigmatisieren, was kein Gesetz verbietet: Bejahung von Ungleichheit und Macht, Fremdeln mit dem Fremden, Identifikation mit dem eigenen Volk.

Abgesehen davon, dass ein funktionierendes Gewissen nicht nur das eigene, sondern auch das Verhalten anderer Menschen beurteilt, lässt sich hier feststellen, dass die Autoren das Sprachspiel spielen, das sie Martin Lichtmesz vorwerfen: Sie machen den Nicht-Rechten oder Linken Vorwürfe und hoffen, dass diese verunsichert werden: Ihr wünscht euch, dass Andersdenkende, die ihr für böse haltet, verschwinden, am liebsten würdet ihr sie vernichten, und da ihr das nicht dürft, stigmatisiert ihr sie, was fast genauso schlimm ist. Linke oder Nicht-Rechte sind meistens nette Menschen (Gutmenschen), die niemandem schaden wollen, und daher erschrecken sie erst einmal über sich selbst, wenn sie solche Vorwürfe hören, sie fangen an, sich über sich selbst Gedanken zu machen, und verlieren ihre Fähigkeit, andere zu kritisieren.

Aber niemand will Andersdenkende vernichten. Linke und andere Nichtrechte, vor allem die eigentlich Betroffenen, wünschen sich zwar eine Welt ohne Rassismus und Antisemitismus, aber das heißt nicht, dass sie Rassist_innen umbringen wollen. Am liebsten würden sie sie zum Umdenken bewegen. Und was soll verwerflich daran sein, rassistisches oder antisemitisches Gedankengut zu stigmatisieren? Die Autoren kritisieren, dass die Begründung fehlt, warum es schlecht sein soll. Nun gut, ich liefere sie nach: Mittlerweile geht die Wissenschaft davon aus, dass schon das Konzept von Rassen nicht haltbar ist. Menschen haben zwar unterschiedlich pigmentierte Haut, aber erstens lassen sich keine Gruppen mit dieser oder jener Hautfarbe klar voneinander abgrenzen, sondern wir alle haben Vorfahren, die aus der ganzen Welt stammen, und zweitens lassen sich aus der Hautfarbe keine Rückschlüsse auf sonstige Eigenschaften ziehen. (Das schönste Bild, das ich einmal gehört habe, war: Der Unterschied zwischen einem schwarzen und weißen Menschen ist ungefähr der gleiche wie zwischen einem schwarzen und weißen Auto.) Außerdem leiden Menschen unter rassistischer Diskriminierung. Rassismus ist also erstens wissenschaftlich unhaltbar und verursacht zweitens Leiden – warum soll man ihn nicht als böse kennzeichnen? Ähnliches ist auch für Antisemitismus möglich – aber ehrlich gesagt, will ich es hier nicht tun, denn es fällt mir schwer, mir jemanden vorzustellen, der es wirklich nicht weiß und nicht aus Lust an der Provokation nach einer Begründung fragt.

Es gibt Gründe, nicht in einer Podiumsdiskussion mit Kubitschek zu erklären, was an rechtem Denken falsch ist. Einen Grund haben die Autoren genannt: In einer solchen Diskussion geht es nicht um das bessere Argument, sondern es werden Machtspiele gespielt: Wem gelingt es, den anderen aus der Fassung zu bringen? Es ist nicht notwendig, in diesem Spiel gewinnen zu wollen. Manchmal ist es besser, man verzichtet darauf, Rechten in der Arena einer Talkshow zu begegnen, und liest und analysiert stattdessen ihre Texte.

Insofern ist der Spott, den die Autoren über die Kirchentagsleitung gießen, weil diese sich viele Gedanken machte, bevor sie ein AfD-Mitglied auf den Kirchentag einlud, unberechtigt. Natürlich ist der Dom nicht eingestürzt – wer hätte je behauptet, dies sei die Folge, wenn man mit Rechten diskutiert? Realistische Konsequenzen müssen jedoch diskutiert werden, etwa dass es nicht gelingt, auf die kommunikativen Tricks der Rechten richtig zu reagieren, so dass sie am Ende überlegen – cool, gelassen, witzig – wirken, ohne dass sie die besseren Argumente hätten.

Zum Abschluss noch ein Wort zu dem „Monument“ für die syrischen Flüchtlinge in Dresden, also den drei hochkant aufgestellten Bussen, die viele Dresdner verärgerten: Mit diesen Bussen sollte nicht die Erinnerung an die deutschen Opfer mit der Kritik an der Flüchtlingspolitik verrechnet werden (S. 39). Eine solche Vorstellung ist absurd, so absurd, dass man nicht weiß, was mit ihr eigentlich gemeint sein soll. Korrekt wäre: Die Erinnerung an die deutschen Opfer sollte mit dem Schicksal der syrischen Flüchtlinge verknüpft werden. Verrechnet werden sollte nichts – es geht hier nur darum, Linken etwas vorzuwerfen, was normalerweise Linke Rechten vorwerfen, nämlich das Verrechnen von Opfern. Nur dass es an dieser Stelle absurd ist.

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