„Mit Rechten reden“? – jedenfalls nicht aus „Freude an den besten Vertretern der anderen Seite“

 

Einige Analysen in „Mit Rechten reden“ sind korrekt, aber die Lösungsvorschläge sind nicht zielführend, was die Autoren im Prinzip selbst hätten merken müssen: Sie widersprechen nämlich ihren eigenen Analysen.

Dies das Kurzfazit, das hoffentlich in der Ankündigung bei Twitter erscheinen wird. Jetzt die etwas ausführlichere Version. In den Folgeposts werde ich die Kapitel des Buchs „Mit Rechten reden“ von Daniel-Pascal Zorn, Per Leo und Maximilian Steinbeis ausführlich diskutieren.

Zuvor aber noch ein Dank an den Klett-Cotta-Verlag, in dem das Buch erschienen ist und der mir nach einer ausführlichen Diskussion mit Daniel-Pascal Zorn ein Freiexemplar des Buchs hat zukommen lassen.

Wie eine freundliche Lehrerin beginne ich mit dem Lob: In Teil D diskutieren die Autoren die wichtigsten Themen, die immer wieder von den Rechten in die öffentliche Diskussion eingebracht werden und begründen, warum die Rechten falsch liegen. Mit Ausnahme der letzten halte ich ihre Argumentationen für korrekt und schlüssig. Zwar war das wenigste neu für mich, aber so auf den Punkt gebracht und zusammengefasst habe ich dies selten gelesen.

Das gleiche gilt für die Analyse des rechten Weltbilds und der typischen Diskussionsstrategien der Rechten in Teil C. „Identität“, vor allem deutsche Identität ist der Kern, um den rechtes Denken kreist (S. 29f, schon in Teil A), wobei diese Identität immer als bedroht und die Deutschen spätestens seit dem „Schandvertrag“ von Versailles als Opfer angesehen werden (S. 88). Die Diskussionsstrategie des Springens von einer Argumentationsweise zur nächsten wird ebenfalls korrekt beschrieben (S. 114).

Dies bringt mich zum ersten grundsätzlichen Manko des Buches: Die Autoren schreiben nicht, woher sie ihre Ideen haben. Auch in einem Buch, das sich nicht an ein Fach- sondern an ein intelligentes, gebildetes allgemeines Publikum wendet, wären Hinweise auf andere Forscher angebracht, schon damit die Leser und Leserinnen wissen, wo sie sich weiter informieren können.

Es existiert nämlich ein ganzes Forschungsgebiet, „Nationalismusforschung“, in welchem schon seit Jahrzehnten Konsens ist, dass Nationen konstruiert sind und nicht schon seit Jahrtausenden als Abstammungsgemeinschaften existieren. Der Kernbegriff ist „imagined communities“ und wurde von Benedict Anderson eingeführt.

Hier ein paar Lesetipps: Neben Benedict Anderson auch Eric Hobsbawm. Mein eigener Lieblingstext war „groups without identities“ von Roger Brubaker. Außerdem habe ich sehr viel aus den Büchern Samuel Salzborns gelernt. Da er mehr Bücher schreibt, als ein normaler Mensch lesen kann, hier ein paar Tipps: Die Dissertation, „Ethnisierung der Politik. Theorie und Geschichte des Volksgruppenrechts in Europa“, dann „Kampf der Ideen“, „Rechtsextremismus“ und „Angriff der Antidemokraten“. Auch seine Bücher über Antisemitismus sind lesenswert.

Vielleicht noch ein paar Worte zu Samuel Salzborn, da er zu denjenigen gehört, die davor warnen, dass es den Raum des Sagbaren vergrößere, wenn Rechte ständig in Talkshows zu Wort kommen und dort Kernsätze aus dem Anfang des Grundgesetzes in Frage stellen. Aber selbstverständlich argumentiert er auch in seinen Büchern und stigmatisiert nicht nur. Die Autoren von „mit Rechten reden“ haben das Argumentieren nicht erfunden. Das Bild einer Linken, die lediglich stigmatisiert, ist falsch.

Für diejenigen, die lieber hören als lesen hier ein Vortrag von Jens Ihnen: „Identität als Kitt der neuen Rechten“: https://www.youtube.com/watch?v=_2iy6PQsTrk
Und hier ganz frisch erschienen eine Dokumentation von sat3: „Die rechte Wende“: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=70183

Was Leo, Pascal und Zorn über Identität als Kern rechten Denkens und über rechte Sprachspiele schreiben, ist also schon seit langem bekannt.

Seit Jahrzehnten wird auch über den angemessenen Umgang mit Rechten diskutiert. Ein großer Teil dieser Diskussion findet innerhalb der (Sozial-)pädagogik statt, vermutlich, weil man hofft, auf Jugendliche noch einwirken zu können, sonst wäre nicht erklärlich, warum der Umgang mit Rechten nicht auch in der Seniorenarbeit und der Altenpflege diskutiert wird. Verschiedene Konzepte werden erprobt, einige (akzeptierende Jugendarbeit) wurden verworfen. Die Autoren nehmen diese Diskussion nicht zur Kenntnis. Sie nehmen auch die unterschiedliche Literatur, die es mittlerweile zum Thema „Argumente gegen rechts“ gibt, oder Seminare, die zum Thema angeboten werden, nicht auf angemessene Weise zur Kenntnis, das heißt, sie zitieren keine Autoren, nennen nicht die Argumente der Autoren und widerlegen diese nicht.

Hier ein weiterer Lesetipp: Anne Broden: Angst als Thema einer rassismuskritischen Bildungsarbeit. https://www.ida-nrw.de/fileadmin/user_upload/ueberblick/Ueberblick_3_16.pdf (Auch der erste Text ist lesenswert.

Teil B beschreibt angeblich die Linke, tatsächlich aber was die Rechte über die Linke denkt, oder, noch komplizierter, was Rechte denken, dass die Linke über sich selbst denkt. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel findet sich gleich am Anfang: „Der zweite Weltkrieg hatte mit einem Triumph der Linken geendet“ (S.51). Nur aus Sicht von Rechten sind Truman, Roosevelt, Churchill oder de Gaulle links. (Aus der Sicht von Linken ist auch Stalin nicht links, sondern ein autoritärer Massenmörder.) Ich habe mich also gefragt, ob die Autoren dieses rechte Bild der Linken für eine realistische Beschreibung halten, kurzum, ob sie entgegen ihrem Selbstverständnis nicht vielleicht doch rechts sind. Teil C und D haben mich aber überzeugt, dass dies nicht der Fall ist, sondern dass sie nur Menschen sind, die einige Versatzstücke rechten Denkens pflegen.

Teil A erklärt das nach Ansicht der Autoren zentrale Problem im Umgang mit Rechten: dass die Beziehung zwischen Rechten und Linken sehr schwierig sei, so schwierig, dass sie am liebsten nicht miteinander reden würden. Die Autoren bieten sich als eine Art Paartherapeuten an, nur dass es nicht darum gehe, eine Liebesbeziehung zu retten, sondern darum, eine Beziehung herzustellen, in der man wenigstens vernünftig miteinander reden kann (S. 24)

Dies führt zum zweiten grundsätzlichen Manko des Buches: Die Autoren schreiben über Beziehungen zwischen Rechten, Linken und Menschen, die weder rechts noch links sind. (Zu dieser Gruppe zählen sich die Autoren selbst.) Über die Beziehung zu Menschen mit „Migrationshintergrund“ schreiben sie nichts. Man könnte sagen: auch diese sind entweder links oder rechts oder keins von beidem (was zweifellos stimmt), aber damit würde man es sich zu einfach machen: Wenn es darum geht, Beziehungen zu retten, hätte die Beziehung zwischen Rechten und Menschen mit Migrationshintergrund einer besonderen Betrachtung durch die selbsternannten Paartherapeuten bedurft: Wie soll eine Beziehung möglich sein, wenn einer der „Partner“ sich wünscht, dass der andere gar nicht existiert, zumindest nicht in Deutschland? Wenn er schlimmstenfalls zu Mord bereit ist, so dass der andere Partner in ständiger Angst lebt? Allein dies zeigt, dass die Vorschläge von Leo, Steinbeis und Zorn völlig untauglich sind.

Aber auch wenn man von diesem Problem absieht, sind die Lösungsangebote von Leo, Steinbeis und Zorn untauglich: Sie bestehen im wesentlichen darin, dass sie die Rechten bitten, ihre „Sprachspiele“ bleiben zu lassen und sich auf ein vernünftiges Gespräch einzulassen (S. 133). Sie meinen, dies müsste möglich sein, weil sie im Gegensatz zur Linken, die sich gerade gegenüber nichtprominenten Rechten (den „bösen Schwachen“) gerne paternalistisch verhält, indem sie sie überzeugen und umerziehen möchte, den Rechten ein ergebnisoffenes Gespräch anbieten. Sie möchten den Rechten ihre angeblich nicht selten begründete Angst nehmen, so dass sie nicht mehr auf ihre „Sprachspiele“ zurückgreifen (S. 134): Sie betonen, dass sie keine Linken sind, dass sie nicht die Ideologie der Gleichheit vertreten, die die Rechte angeblich bedroht (S. 32), sie versuchen die Rechten mit der Anerkennung von gemeinsamen Lieblingsschriftstellern (Ernst Jünger, S. 43) zu einem Gespräch zu verlocken. „Und dann könnten sich beide auch endlich zu einem Gefühl bekennen, das sie insgeheim schon immer gehegt haben: der Freude an den besten Vertretern der anderen Seite“ (S. 41).

Für Linke, die Ernst Jünger nicht für einen großartigen Schriftsteller halten, für die Gleichheit, Freiheit, Solidarität und Menschenwürde nicht verhandelbar sind und die keinerlei Freude an Menschen wie Kubitschek hegen, ist dieser Weg nicht gangbar. Er ist aber auch nicht gangbar für Menschen, die nicht vor der Frage stehen, wie sie mit Kubitschek, Lichtmesz oder Sellner reden könnten, sondern die sich fragen, wie sie mit Rechten in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz, im Verein oder in der Familie umgehen sollen.

Der vorgeschlagene Weg wird aber auch für unsere drei Autoren nicht funktionieren: Sie fallen selbst nämlich in eines der Verhaltensmuster, die sie der Linken vorwerfen: Sie verhalten sich paternalistisch, nicht bei den sachlichen Streitpunkten, sondern wenn sie versuchen, die Rechten zu überzeugen, ihre Sprachspiele bleiben zu lassen und sich auf eine vernünftige Diskussion einzulassen: Kommt doch endlich aus eurem Kreis heraus, auch wenn es nur ein Schritt ist, und seht, dass es draußen viel schöner ist (S. 126)! Hört auf, euch wie Arschlöcher zu verhalten und euch als Opfer zu inszenieren (S. 97)! Lasst ab von eurem pubertärem Gehabe (S. 108)! Seht her, wir wollen mit euch diskutieren, aber ohne zu versuchen, euch platt (S. 35) oder fertig (S. 134) zu machen. Wir möchten euch gern die Angst nehmen (S. 134)!

Es wird nicht funktionieren. Erstens wird sich niemand auf ein Gespräch auf Augenhöhe einlassen, wie es die Autoren im allerletzten Teil vorschlagen, wenn ihm vorher pubertäres Verhalten vorgeworfen wurde. Zweitens haben die Autoren die Kernpunkte rechten Denkens aufgezeigt und kritisiert: Die deutsche Identiät und den Opfermythos, und sie haben gezeigt, dass sie gerade bei diesen beiden Punkten den Rechten argumentativ haushoch überlegen sind. In den Augen der Rechten stellt diese Kritik einen Angriff dar, gegen den sie sich wehren müssen, und sie werden sich mit allen Mitteln wehren, nicht nur mit Argumenten. Die Autoren haben dieses Spiel an anderen Beispiel treffend beschrieben.

Hier ein weiterer Literaturtipp: Jean-Paul Sartre, „Réflexions sur la Question Juive“, insbesondere die Stelle, an der er den Antisemiten als einen Menschen vorstellt, der Angst vor allem möglichen hat, vor allem vor Freiheit und im Prinzip davor, ein Mensch zu sein, aber nicht vor Juden.

Zum Abschluss noch ein paar versöhnliche Worte: Nach dem Lesen von Teil B, in welchem die Geschichte der Linken aus Sicht der Rechten dargestellt wird, fragte ich mich, ob die Autoren, die sich von dieser Geschichte nicht distanzieren, tatsächlich Nicht-Rechte sind. Auch ihre literarischen Vorlieben und ihr Denken in Kategorien von „stark“ und „schwach“ sprachen gegen sie. Teil C und D haben aber klar gezeigt: Sie sind Nicht-Rechte, denn sie weisen den Kernpunkt rechten Denkens, die deutsche Identität, die angeblich bedroht sei, deutlich zurück.

Vom linken Standpunkt aus sind sie also Menschen, mit denen zu reden lohnt, da sie kein geschlossenes rechtes Weltbild vertreten, sondern nur einzelne Versatzstücke rechten Denkens: Es besteht also die Hoffnung, dass ihr eigenes Bestreben nach Konsistenz sie dazu bringen wird, auch diese Versatzstücke hinter sich zu lassen.

Liebe Autoren, auch Ihre ästhetischen Vorlieben werden sich mit der Zeit ändern, und Schriftsteller, deren theoretische Schwächen Sie durchschaut haben, werden Sie auch als Sprachkünstler nicht mehr beeindrucken. Schon zeigen sich erste Ansätze: Sie nehmen Kitsch und Geraune im rechten Schriftgut wahr (S. 41), loben aber noch die Sprachbilder der Rechten (S. 43). Sprachbilder sind aber kein Selbstzweck, sondern nur so gut, wie sie imstande sind, die Wirklichkeit besser zu beschreiben, als dies ohne Sprachbild möglich wäre, und ein unsinniges Sprachbild, etwa „Stahlbad der Weltkriege“ (S. 52), ist lächerlich, nicht großartig

Daher: lassen Sie Ihre Spielchen auf Twitter bleiben, beginnen Sie die Art von Gespräch, die Ihnen als Ideal vorschwebt, mit Menschen, die dazu bereit sind. Hören auf, Ihr Buch in panischer Angst zu verteidigen, versuchen Sie lieber, von der Kritik, die an Ihnen geübt wird, zu lernen.

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