Mohnblume (Arbeitstitel)

Botschaften des Films „Kolberg“ jenseits von „Durchhalten“ (oder war es doch nur ein „morale booster“

Advertisements

Sehr schnell wandte sich die Diskussion des Kolberg-Films der Frage zu, ob es sich um einen Durchhaltefilm oder um einen „morale booster“ handelt. Ein älterer Herr warf sogar die Frage auf, ob es möglicherweise um einen Antikriegsfilm handle. Auch die Frauenrolle wurde diskutiert.

Nichts davon traf, warum ich sehr schnell aus dem Film „ausstieg“, also mich nicht mit den Hauptfiguren oder der angeblich guten Seite identifizierte, sondern praktisch von Anfang an hoffte, dass die Franzosen möglichst schnell diese kleine Stadt erobern und ihr etwas Zivilisation beibringen würden.

Mir selbst fiel es schwer, direkt nach dem Film in Worte zu fassen, was es war. Meine Sitznachbarin, eine alte Dame, die ich von der Uni her kenne, verließ das Kino, sobald der Film zuende war: Sie ertrug das Geschrei der Menschen im Film nicht. Das Geschrei der Männer, daneben die süßliche Stimme der Hauptdarstellerin waren auch mir schwer erträglich, aber ausgestiegen war ich noch früher:

Ausgestiegen war ich bereits in den ersten Szenen des Films, die nicht viel mit der Belagerung von Kolberg zu tun haben, sondern einige Jahre nach der Haupthandlung des Films in Breslau spielen, als sich die Menschen zur sogenannten „Völkerschlacht“ versammeln: große Männer- (nicht Menschen-)mengen, alle in Zivil, dennoch im Gleichschritt wie eine Wand, während die jungen Frauen laufen, um ihnen zuzujubeln, dazu ein Gesang, der, wie ich jetzt herausgefunden habe, zwei Gedichte von Theodor Körner kombiniert, „Männer und Buben“ (daraus vor allem die Zeile „das Volk steht auf, der Sturm bricht los“) und das „Bundeslied vor der Schlacht“. Das anschließende Gespräch zwischen Gneisenau und dem preußischen König, in welchem ersterer an Kolberg erinnerte, wo auch das Volk für seine Freiheit gekämpft habe, gab mir den Rest: Die Verwendung des Wortes „Volk“ war eben eine ganz andere als die, die zur gleichen Zeit in Frankreich entstand, es waren eben nicht die einfachen Menschen, die sich gegen die Machthaber erheben, es war auch nicht die Nation, die sich zum Souverän erklärt, sondern es war ein völkisches Volk, das sich gegen Fremdherrschaft erhebt (selbst wenn diese moderner und zivilisierter ist als die Herrschaft, die man kennt.)

Vor dreißig, vielleicht auch noch vor zwanzig Jahren wäre ich ergriffen gewesen von diesen Bildern: Die Männer, die sich zur Schlacht versammeln, hätten mich nicht erschreckt, sondern mir Ehrfurcht abgenötigt, obgleich ich damals pazifistischer war als heute. Aber das Pathos, das in ihrem Lied liegt, hätte mich ergriffen.

Die eigentliche Handlung war platt von vorne bis hinten, die Figuren sehr einfach und klar getrennt in jene, die sich für Kapitulation aussprechen, und jene, die dagegen sind. Die sich für Kapitulation aussprechen sind ein wenig sympathischer als die anderen, sie sind weicher und bedächtiger gezeichnet, insbesondere der Bruder der weiblichen Hauptfigur, der Musiker ist und in Straßburg studiert hat. Die Männer, die durchhalten wollen, einschließlich des jovialen Nettelbeck, sind deutlich schlichter gehalten: Durchhalten, alles andere zählt nicht.

Einige Reden Nettelbecks klingen verdächtig nach AfD: Wenn das Volk jetzt nachgibt, also vor den französischen Truppen kapituliert, werde es aussterben und habe es auch nicht besser verdient.

Bleibt die junge Frau, die genauso patriotisch ist wie die Männer, die sich zum Durchhalten entschließen, die sich in den Leutnant einer Gruppe Freischärler verliebt, die schließlich eine eigene Heldentat vollbringt, nämlich zum König reist und der Königin einen Brief überbringt, in welchem sie um einen neuen Kommandanten bittet. Sie schreit nicht herum wie die Männer, ist nicht zackig wie diese, dafür macht sie künstlich einen auf kleines Mädchen, obgleich sie dafür zu alt ist. Sie darf in einer Episode die Heldin sein, ansonsten himmelt sie die Männer an.

Die Diskussion wandte sich schnell der Frage zu, ob es ein Durchhaltefilm oder ein gewöhnlicher „Moralse booster“ gewesen sei. Ein älterer Herr behauptete, es sei ein Antikriegsfilm, wahrscheinlich, weil auch die Schrecken des Kriegs dargestellt wurden, und als Menschen den Kopf schüttelten, meinte er, ihm mache das Angst: vielleicht, weil er dachte, Menschen seien wieder zum Krieg verführbar. Die andere Möglichkeit, dass man den Film als Kriegsfilm wahrnimmt, sich aber nicht verführen lässt, weil man den Film von vorne bis hinten schlecht findet, kam ihm nicht in den Sinn.

Vielleicht die interessanteste Frage war nicht die nach der damaligen Wahrnehmung, sondern wie man ihn heute sieht: wie man ihn ohne historische Einführung, ohne das Wissen, dass er durch das NS-Regime gedreht und im Januar 1945 in die Kinos kam, heute sehen würde. Ein junger Mann meinte, der Film erinnere ihn an die Märchenfilme, die er als Kind gesehen habe: ähnliche Farben, ähnliche Kostüme. Vielleicht ist vieles, gerade die Frauenrolle, gar nicht typisch Nationalsozialismus, sondern hätte auch in den Zwanzigern oder in den Fünfzigern so gedreht werden können.

Könnte man sich diesen Film, wenn man nicht wüsste, dass es ein NS-Film ist, sich zum Vergnügen an einem verregneten Sonntagnachmittag ansehen, wenn man gerade keine Lust auf intelligente Unterhaltung hat? Ein junger Mann, mit dem ich nach Hause ging, meinte, er könne sich das vorstellen – mir wurde klar, dass ich nicht mehr mit den Figuren mitfiebern und mitleiden würde.

Jemand sagte, der Troja-Film mit Brad Pitt enthalte mehr genuine NS-Ästhetik, und möglicherweise sind die Helden dort martialischer und vollkommener, aber die Handlung ist eben weniger platt, und das liegt eben schon an der Vorlage. Gut und böse sind nicht klar verteilt, der, der den Kampf verweigert, ist gleichzeitig der größte Held, Konflikte innerhalb des Lagers der Griechen sind nicht einfach Konflikte zwischen denen, die kämpfen, und denen, die feige aufgeben wollen, Hektor und Priamos sind Sympathieträger (und die Schändung der Leiche Hektors grauenhaft), Odysseus ist ein Gegenbild zu Achilles.

Die Botschaft des Kolbergfilms ist klar: Das Volk steht zusammen, die Deutschen beziehungsweise Preußen gegen die Franzosen, Abweichler werden entmachtet oder sterben, und das Durchhalten lohnt sich: Napoleon bricht die Belagerung ab (sonst hätte die Stadt keine Chance gehabt), der Friede von Tilsit wird geschlossen, und dass Kolberg nicht gefallen ist, führt zu aus preußischer Sicht günstigeren Friedensbedingungen.

Die Zeilen „das Volk steht auf, der Sturm bricht los“ wurden hinterfragt: sie sind „zeitgenössisch“, stammen also aus den Befreiungskriegen, eben von Theodor Körner. „Es wird Joseph Goebbels beim Zitieren Theodor Körners zitiert“ meinte eine anwesender Geschichtsprofessor. Was mich zum vielleicht größten Manko der Diskussion bringt: dass zwar die Rezeption um 1945 diskutiert wurde (ließen sich die Menschen zum Durchhalten animieren?) und auch unsere heutige Rezeption, aber nicht die dargestellte Zeit, außer dass gesagt wurde, dass das Durchhaltevermögen der Kolberger letztendlich sinnvoll war. Dabei würde auch die damalige Zeit (Theodor Körner) und würden die über hundert Jahre, die zwischen den Befreiungskriegen und dem Nationalsozialismus lagen, einiges an Diskussionsstoff bieten. Völkisches Denken ist eben deutlich älter als der Nationalsozialismus, und dass gewisse Ideen schon vor dem Nationalsozialismus  existierten und nicht einfach als Nazi-Ideen etikettiert werden können, macht diese Ideen nicht akzeptabel.

Selbst das Theaterstück Paul Heyses, das dem Film als Vorlage diente, das ich im Projekt Gutenberg gefunden habe und in das ich einen Blick geworfen habe, enthält diese Ideen: gleich in den ersten Szenen wird der Kosmopolitismus, der vom Bruder der Heldin vertreten wird, von dieser Heldin verworfen.

Vielleicht wäre das wichtig: Gewisse Ideen sind ablehnenswert, unabhängig davon, ob man ihnen das Etikett „Nazi“ aufkleben kann.

 

Advertisements