Und weiter zum Thema: mit Menschen reden, die sich nicht für rechts halten

Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich suche nicht nach Menschen mit rechten Ansichten. Im Gegenteil, in meiner Freizeit suche ich bevorzugt Orte auf, an denen ich vermute, nicht auf rechte Ansichten zu stoßen. Mittlerweile weiß ich aber, dass ich überall auf Überraschungen gefasst sein muss.

Am Dienstag besuchte ich nun eine Aufführung des Films „Kolberg“ mit wissenschaftlicher Einführung. „Kolberg“ war ein NS-Propagandafilm der letzten Kriegsjahre, ein Durchhaltefilm oder zumindest ein „morale booster“ (ein großer Teil der Diskussion nach dem Film drehte sich um die Frage, was er nun war), aber wissenschaftliche Einführung, der Leiter der städtischen Behörde für Erinnerungskultur und ein ganzes geschichtswissenschaftliches Seminar ließen die Hoffnung berechtigt erscheinen, dass dort keine Rechten erscheinen, die den Film einfach genießen wollen. (Ich glaube nicht, dass die Ästhetik des Films noch irgendwelche Rechten hinter dem Ofen hervorlocken wird. Aber vielleicht täusche ich mich. Ich plane einen zweiten Blogpost zum eigentlichen Film.)

Nach dem Film stand ich noch mit ein paar Leuten vor dem Kino. Eigentlich war es mir um die Ästhetik des Films gegangen, die mir in der eigentlichen Diskussion zu wenig diskutiert worden war. Wir kamen, wie es so heißt, vom Hölzchen aufs Stöckchen, und dann auch auf die Wehrmacht als Vorgängerorganisation der Bundeswehr, um die Frage, ob Soldaten eine Tradition oder überhaupt etwas, was es wert ist, sich zu opfern, um Soldaten sein zu können.

Es fielen einige Äußerungen, zu denen ich entweder schwieg, obwohl ich hätte etwas sagen müssen, oder aber etwas sagte, ohne dass das, was ich sagte, irgendeinen Eindruck auf meine Zuhörer machte, und ich beharrte nicht auf meinem Standpunkt. Irgendwann wurde bedauert, dass Soldaten sich nicht trauen, in Uniform im öffentlichen Raum aufzutreten: Sie sollen für ihr Land kämpfen, aber zuhause schämen sie sich dessen, was sie tun. Pazifismus sei nicht immer gut.

Ich fühlte mich dann doch herausgefordert, zu sagen, dass ich keine generelle Pazifistin sei, und dass es Unterschiede gibt. Erst erinnerte ich mich an die Erinnerungskultur an der Somme und in Ypern, die auch erst einmal gewöhnungsbedürftig ist (dort gedenken viele Soldaten vor allem aus dem Commonwealth der gefallenen Vorgänger von vor 100 Jahren), aber dann fiel mir ein anderes Beispiel ein: Als ich anlässlich des zehnten Jubiläums der Gedenkstätte Bergen-Belsen am vergangenen Sonntag an einer Führung („Thematischer Rundgang“) teilnahm, war dort auch eine Gruppe Soldaten anwesend. Erst fand ich es schräg, dann dachte ich: Moment einmal, vielleicht sind es keine deutschen Soldaten. „Wenn ich britischer Soldat wäre, würde ich selbstverständlich mit Uniform Bergen-Belsen besichtigen“, erklärte ich meinen Zuhörern. „Aber als deutscher Soldat eben nicht.“ (Die Soldaten, die ich gesehen hatte, stammten aus Belgien und Holland.)

„Aber warum?“ fragte mein Diskussionspartner. „Was sind das noch für Empfindlichkeiten?“

Ich stutzte kurz, dann fand ich die richtige Antwort: „Es geht nicht um mich – es geht auch um die Menschen die dort sind, um ihrer Angehörigen zu gedenken, und darum, wie Soldaten in Uniform auf diese wirken.“

Er grummelte noch etwas weiter – ich glaube nicht, dass ich ihn überzeugt habe. Immerhin – das sind die kleinen Erfolge im Leben, wenn man mit Menschen diskutiert, die sich selbst nicht für rechts halten – ist es mir gelungen, seinem Manipulationsversuch standzuhalten. Vielleicht nahm er selbst es nicht als Manipulationsversuch wahr: Vielleicht war seiner Ansicht nach klar, dass es nur eine Empfindung ist, wenn ich deutsche Soldaten in Uniform an einem Ort wie Bergen-Belsen für unangemessen halte.

Meine erste Reaktion war tatsächlich: Vielleicht ist es nur eine Empfindung. Vielleicht ist es nur eine erlernte Reaktion, die ich von meiner Umgebung übernommen habe, die Scham, die ich mit meiner Erziehung gelernt habe. (Übrigens war ich nicht der einzige Gast in Bergen-Belsen, der die Soldaten und Soldatinnen als seltsam empfand und sich fragte, wo sie herkamen.) Ich war froh, dass es mir recht schnell gelang, aus dieser persönlichen Empfindung herauszukommen: Es geht nicht nur um mich.

Vielleicht was ich daraus lernen kann – was vielleicht auch andere lernen können – es geht eben nicht um Empfindungen, die man als Kind gemacht hat, was man gut oder böse finden und wofür man sich schämen soll, ohne es recht zu verstehen, weil man selbst ja nichts getan hat (und weil eben auch die Eltern oder Großeltern und Großeltern nur das Gefühl der Scham oder der Schande kennen, ohne zu verstehen, warum es berechtigt ist – ohne zu verstehen, dass Menschen, die selbst oder deren Vorfahren zu Opfern Deutschlands geworden sind, immer noch Angst haben. Man beharrt auf dem Recht, wie der letzte rücksichtslose Trampel aufzutreten, weil der einzige Schmerz, den man verstehen kann, der eigene Schmerz um das verletzte Nationalbewusstsein, die Unmöglichkeit von Nationalstolz ist.

Was man lernen kann: Sich nicht verunsichern lassen: Es sind nicht nur die eigenen irrationalen Schamgefühle, die Zurückhaltung gebieten. Wer nicht versteht, was an diesen Gefühlen realitätsgerecht ist, wird versuchen, sie als irrational hinzustellen, aber damit liegt er falsch.

(Lese gerade das Buch „mit Rechten reden“, das mir dankenswerterweise vom Verlag umsonst zur Verfügung gestellt wurde. Die Autoren arbeiten mit einem ähnlichen Mittel: „Linke“ werden als Moralisten bezeichnet, was abwertend gemeint ist. Die richtige Antwort ist: Selbstverständlich bin ich Moralistin. Moral abzuwerten (oder Ethik gegen Moral ins Spiel zu bringen) ist auch so ein Manipulationsversuch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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