Mohnblume (Arbeitstitel)

mit Rechten reden (oder auch nicht): Tipps für gewöhnliche Menschen

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Anlässlich der Buchmesse und der dortigen Ereignisse und anlässlich des Buches von Daniel-Pascal Zorn, Per Leo und Maximilian Steinbeis wird einmal wieder darüber diskutiert, ob man mit Rechten reden soll, und wenn ja, wie.

Das neue Buch von Daniel-Pascal Zorn habe ich nicht gelesen (und ich weiß nicht, ob ich es tun will) aber im Sommer las ich Teile des Buchs „Logik für Demokraten“ von Daniel-Pascal Zorn. Meine eigenen Erfahrungen in Diskussionen mit Menschen, die rechte Ansichten vertreten, ohne ein geschlossen rechtes Weltbild zu besitzen, fand ich in diesem Buch nicht wieder: nicht die Schwierigkeiten, eine Diskussion zu führen, nicht die Manipulationen, Drohungen, das Beleidigtsein, die Versuche, mich für verrückt zu erklären. Stattdessen einmal wieder: Es liegt an dir, wenn es nicht geklappt hat, du hast nicht gut genug argumentiert, hast zu stark mit moralischen Setzungen gearbeitet.

Ideal sei, wenn man wie Sokrates im Dialog die Argumente des Gegners auseinandernähme, nachhake, die Widersprüche aufzeige.

Mittlerweile denke ich erstens, dass da jemand spricht, der keinerlei Erfahrungen mit solchen Gesprächen hat, und außerdem kann ich mich des Verdachts nicht erwehren, dass ihm die Kritik an Linken wichtiger als die Kritik an Rechten ist. Aber nicht darum soll es heute gehen, sondern an die Maßstäbe, die an Menschen angelegt werden, die es auf sich nehmen, mit Rechten (oder Menschen, die rechte Ansichten vertreten) zu diskutieren. Sie sollen intelligent wie Sokrates sein, immer sofort die Schwäche des gegnerischen Arguments erkennen, gleichzeitig aber bereit, ihre eigenen Positionen einer Prüfung zu unterziehen, sie sollen mutig sein, geduldig, verständnisvoll, eben wie Sokrates. Ich vermute, dass nicht einmal der historische Sokrates so perfekt war wie der Sokrates, den die Dialoge des Platon uns zeigen, dass er hin und wieder den Sophisten auch unterlag, nur wurden solche Streitgespräche nicht von Platon aufgeschrieben.  (Abgesehen davon vermutet man, dass ab einem bestimmten Zeitpunkt der Sokrates der Platonschen Dialoge eine rein fiktionale Person ist, die in erster Linie Platons Ideen vertritt, nicht das, was Sokrates selbst gedacht hat.)

Warum soll ein gewöhnlicher Mensch in der Diskussion mit jemandem, der womöglich eine pädagogische, psychologische, historische oder sonstige Ausbildung hat, mutig, weise, humorvoll, geduldig, verständnisvoll, intelligent wie Sokrates sein? Mit welchem Recht wird das verlangt?

Leider legen sogar diejenigen, die solche Diskussionen führen, häufig viel zu hohe Maßstäbe an sich selbst an, indem sie von sich verlangen, dass es ihnen gelingt, die Rechten davon zu überzeugen, dass ihre Ansichten falsch sind. In aller Regel ist dies aber unmöglich: Die Menschen hängen an ihren rassistischen, antisemitischen, völkischen Ansichten, und anstatt diese in Frage zu stellen, benutzen sie ihre Intelligenz, um diese Ansichten mit immer neuen Argumenten zu stützen.

Wenn dies ihnen gar nicht mehr gelingt, bleiben noch einige andere Möglichkeiten: sie machen dem Diskussionsgegner, der ihre rechten Ansichten infrage stellt, klar, dass er nicht nett, verständnisvoll, geduldig und so weiter ist. Dies ist ohne weiteres möglich, da in ihren Augen die Unterstellung, man sei rassistisch, antisemitisch oder eben rechts, an und für sich schon eine Beleidigung darstellt. Den direkten Vorwurf „du bist rassistisch/antisemitisch/rechts“ zu vermeiden, stellt auch keine Lösung dar: schließlich merken die Leute, dass ihnen gerade solche Haltungen vorgeworfen werden. Sie sind ja nicht dumm. Selbst als ich einmal jemandem, den ich seit vielen Jahren sehr gut kannte, ausdrücklich sagte: „Ich halte dich nicht für rechts, aber ich glaube, an diesem Punkt betreibst du Geschichtsrevisionismus“ wurde mir vorgeworfen, dass ich ihn als rechts bezeichnen würde.

Wenn man nun klug und mutig wie Sokrates sein will, außerdem sich ein unerreichbares Ziel gesetzt hat (Rechte von der Fehlerhaftigkeit ihres Weltbilds zu überzeugen) und gleichzeitig noch lieb und freundlich sein will, dann kann man  nur scheitern.

Solidarität mit den Betroffenen statt überzogener Ansprüche an die eigene Fähigkeit, das Weltbild rechter Menschen zu ändern

Aus diesem Grund jetzt ein Tipp, den ich vor kurzem auf Twitter gelesen habe, den ich aber schon vorher kannte: Wenn man Zeuge wird, wie ein Mensch in der U-Bahn oder einer ähnlichen Situation zum Ziel verbaler Attacken wird, solle man sich zu diesem Menschen setzen und ein Gespräch mit ihm beginnen. Worüber man sich unterhalte, sei dabei weitgehend gleichgültig. Es könne auch das Wetter sein.

Als ich dies zum ersten Mal las, dachte ich: okay, da hat sich jemand einen Tipp ausgedacht, dem wirklich alle folgen können, unabhängig von Mut und Bildung, Intelligenz oder Schlagfertigkeit. Es ist die Minimaloption, wenn man die Angehörigen der eigentlichen Zielgruppen rechter Gewalt vor dieser Gewalt schützen möchte.

Mittlerweile denke ich, dass auch diese Minimaloption eine Menge Mut kostet, dass sie ihre Wirkung nicht verfehlen wird und dass leider manchmal die Konsequenz darin besteht, dass man selbst zum Ziel der rechten Gewalt wird.

Der entscheidende Punkt dieser Minimaloption und aller anderen Optionen besteht darin, dass man Solidarität mit den Betroffenen der Gewalt zeigt. Man zeigt, auf welcher Seite man steht. Dies wird von allen Beteiligten wahrgenommen. Nicht überragende Intelligenz ist entscheidend, sondern der Mut, die Seite zu wechseln: Dass es den Betroffenen gut geht, ist wichtiger als dass man den Tätern möglichst geduldig und verständnisvoll beibringt, was an ihren Ansichten falsch ist.

Mit der gleichen Grundhaltung kann man rechten Ansichten auch widersprechen, wenn keine Betroffenen anwesend sind: Es geht darum, Solidarität mit ihnen zu zeigen. Dies erfordert in aller Regel Mut. Auf die Feinheiten kommt es dabei nicht an. Mir persönlich geht es so, dass ich mit mir selbst zufriedener bin, wenn es mir gelingt, gelassen zu bleiben, aber die Wirkung auf die Person, mit der ich streite, hängt nicht von meiner Gelassenheit ab. Sie erkennt, dass ich nicht zu ihr loyal bin, sondern solidarisch mit den Menschen, die von ihr verachtet und abgelehnt werden, und das macht sie wütend, unabhängig davon, wie gelassen oder zornig ich selbst bin.

Wenn man sich nach einer Auseinandersetzung durch den Kopf gehen lässt, was passiert ist und wie man sich verhalten hat und ob man etwas besser hätte machen können, sollte man sich also nicht fragen, ob man freundlich, intelligent, gelassen, geduldig etc. genug war, sondern ob man solidarisch war und dies klar gezeigt  hat. Der Rest ist eine Frage des persönlichen Stils. Wenn die andere Person zornig wird, liegt es nicht daran, dass ich dieses oder jenes Wort besser nicht verwendet hätte, auch wenn die Gegenseite dies gerne behauptet, sondern daran, dass sie einen Wechsel der Solidarität spürt.

(Gewisse Grundkenntnisse über Rassismus, Antisemitismus, Geschichte sind natürlich trotzdem wichtig, aber vor allem, weil es ohne diese Grundkenntnisse schwierig ist, sich selbst nicht rassistisch oder antisemitisch zu verhalten oder historischen Unsinn zu erzählen.)

P.S. Zwei Tipps, die ich häufig lese, halte ich für besonders absurd: Der eine besteht darin, dass man auf Augenhöhe diskutieren soll. Aber gerade dies tut man nicht, wenn man mit Rechten oder mit Verschwörungstheoretikern diskutiert. Man ist der Ansicht, dass man selbst recht hat und dass der andere auf irgendwelche obskuren Websites und Fakenews hereingefallen ist – und der andere ist der Ansicht, man selbst sei der „Lügenpresse“ zum Opfer gefallen. Die Augenhöhe besteht also nur darin, dass beide der Ansicht sind, der jeweilig andere sei völlig verblendet und habe den Kontakt zur Realität verloren. Wenn ich aber der Ansicht bin, der andere habe den Kontakt zur Realität verloren, kann ich nicht „auf Augenhöhe“ diskutieren. Wenn ich der Ansicht bin, dass ich recht habe und der andere Unrecht, kann ich nicht „auf Augenhöhe“ diskutieren. Ich kann aber Argumente anführen, und wenn ich Glück habe, besteht die „Augenhöhe“ darin, dass ich davon ausgehen kann, dass der andere sich auf diese Argumente einlässt.

Der andere Tipp besteht darin, Fragen zu stellen: „Wie kommst du zu deiner Behauptung?“ Außerhalb des akademischen Milieus wird die Antwort darauf allerdings häufig lauten: „Das weiß ich eben“. Sich grundsätzlich zu fragen: „Woher weiß ich das eigentlich“ ist eine Haltung, die im Alltag eher selten anzutreffen ist – auch unter Akademikern. Grundsätzlich ist es jedoch nicht falsch, nicht nur auf eigene Argumente anzuführen, sondern auch die Argumente des anderen zu hinterfragen, zu widerlegen und zu zeigen, dass sie absurd sind. Es ist nur so, dass dies keineswegs mehr „auf Augenhöhe“ ist, als wenn man selbst argumentiert. Eigene Argumente anführen und die Argumente des anderen zu widerlegen gehören zusammen wie Angriff und Verteidigung im Kampf.

 

 

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