Das richtige Alter

Es scheint Konsens zu sein, dass man erst ab einem bestimmten Alter Jugendlichen über die Shoah erzählen darf, und erst gestern hat mir jemand, der Erfahrung mit Schulklassen hat, erzählt, dass seiner Ansicht nach die neunte Klasse das früheste richtige Alter sei. (Wenn man auch Hauptschüler_innen unterrichten will, ist es auch das späteste richtige Alter, da manche Haupt und auch Gesamtschüler_innen die Schule bereits nach der neunten Klasse verlassen und dann nur noch als Berufsschüler_innen greifbar wären.)

(Ganz unten findet sich ein Link zu einer Liste von Leseempfehlungen. Damit er nicht verlorengeht, poste ich ihn auch hier: https://www.jmberlin.de/sites/default/files/jmb_lesenswerte-buechera4.pdf)

Auf den ersten Blick scheint es einleuchtend: Je später Kinder mit einem solch schwierigen Thema belastet werden, desto besser können sie damit umgehen. Am besten ist es, man wartet, bis sie nicht mehr Kinder, sondern Jugendliche sind.

Meine persönlichen Erfahrungen mit mir selbst sind andere. (Als ich die Gedenkstätte Bergen-Belsen besuchte und dort auch Kinder beobachtete, die die Gedenkstätte mit ihren Eltern, also nicht mit ihrer Schulklasse besuchten, hatte ich auch nicht den Eindruck, dass diese Kinder emotional überfordert waren. Aber sie hatten eben Eltern, die ihnen zur Seite standen und sich kümmerten. Einige dieser Familien schienen nicht aus der Tätergesellschaft zu stammen, aber das lässt sich von außen nicht immer beurteilen. Wenn wir darüber reden, ab welchem Alter es Kindern zumutbar ist, etwas über die Shoah zu erfahren, sollte man möglicherweise den Blick auch auf die Nachfahren von Opfern oder überhaupt die Nachfahren von Menschen richten, die nicht der „Volksgemeinschaft“ angehörten – vielleicht könnte man von diesen etwas lernen, vor allem darüber, welche Aspekte der Shoah besonders belastend für Kinder oder Jugendliche sind. Aber ich schweife ab – ich wollte von mir selbst berichten.)

Meine persönlichen Erfahrungen sind andere: Ich habe mit elf von der Shoah erfahren, von einer Freundin, die möglicherweise noch früher davon erfahren hat. Von anderen grauenhaften Ereignissen der Weltgeschichte (Sklaverei, Atombombe, Hexenverbrennungen, Weltkriege) habe ich noch früher erfahren, teilweise schon mit sechs. Meist erfuhr ich davon in Familien von FreundInnen oder NachbarInnen, die offener mit diesen Themen umgingen als meine eigenen Eltern, die uns lieber beschützen wollten. Die Kinder aus diesen Familien durften auch mehr fernsehen als wir. Mein jüngster Bruder, ein Nachzüglerkind, durfte auch deutlich mehr fernsehen als der ältere meiner Brüder und ich, unter anderem, weil dieser ältere Bruder meinen Eltern erklärte, dass nicht mitreden können schlimmer ist als das, was man im Fernsehen erfährt. Jetzt ist er Historiker.

Von der Atombombe erfuhr ich durch eine japanische Nachbarin. Noch heute erinnere ich mich, was sie über die Menschen erzählte, die unter großflächigen Verbrennungen litten: „Sie rannten zum Fluss, um sich zu kühlen, aber ohne Haut.“ Für mich als Siebenjährige war das eine entsetzliche Vorstellung: Menschen ohne Haut. Ich sprach mit meinem Vater darüber, wie schlimm Verbrennungen höchstens sein dürfen, damit Menschen nicht daran sterben. In der Nacht träumte ich von der Atombombe (natürlich sah die Bombe in meinem Traum ganz anders als die reale Bombe – vom „Pilz“ wusste ich nichts), aber es war nur diese eine Nacht; die Geschichte unserer Nachbarin hatte mich bewegt, aber nicht fürs Leben traumatisiert.

Die Nachbarskinder, mit denen ich damals befreundet war und die deutlich mehr fernsehen durften als mein Bruder und ich, schienen nicht darunter zu leiden. Sie waren selbstbewusster und weniger gehemmt als wir. Manchmal waren sie auch einfach fies, aber das würde ich nicht auf den Fernsehkonsum zurückführen.

Meine Eltern versuchten, uns zu behüten, aber uns auch nicht vor der Welt abzuschirmen, vor allem nicht vor Freunden und Freundinnen. Niemals wurde uns gesagt, diese oder jener sei kein Umgang für uns. Dies bedeutete, dass sie, wenn diese Freunde oder Freundinnen uns Geschichten über eine Außenwelt erzählten, die alles andere als eine heile Welt war, mit uns darüber sprachen, eben zum Beispiel über Auswirkungen von Verbrennungen.

Auch als meine Freundin mir, als ich elf war, von der Shoah erzählte (im Prinzip ziemlich krudes Zeug, was mit der historischen Realität nichts zu tun hatte, sondern eher einem klischeehaften Jugendbuch entnommen schien), reagierte meine Mutter, indem sie mit mir sprach, mich mit in die Stadtbücherei nahm, mit mir Bücher auslieh: Das „Tagebuch der Anne Frank“ und „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl.“ (Mein Vater fand nicht angemessen, dass ein Buch einen solchen Titel hatte – er fand, das nehme Hitler nicht ernst genug. Gelesen hat er das Buch nicht – das sind die problematischeren Aspekte des Verhaltens meiner Eltern. Hitler wurde sehr ernst genommen als Hauptverantwortlicher für den Zweiten Weltkrieg, aber gleichzeitig fand man Ausreden, sich nicht mit dem Leid der zentralen Opfer beschäftigen zu müssen.)

Meine Eltern schenkten mir auch ein Exemplar des „Tagebuchs der Anne Frank“ und eine Dokumenation, die anlässlich des fünfzigsten Geburtstags (wenn sie überlebt hätte) von Anne Frank vom Anne-Frank-Haus in Amsterdam herausgegeben war. Ich besitze beides heute noch, sonst wüsste ich nicht, woher die Dokumenation stammte – als Elfjährige nahm ich solche Informationen natürlich nicht wahr. (Die Texte zu den Bildern sind mehrsprachig, und die erste Sprache ist niederländisch.)

Wir (mein Bruder und ich) nahmen vor allem die Bilder wahr, und am längsten sahen wir uns selbstverständlich nicht die Bilder von Anne Frank als Schulmädchen in Frankfurt oder Amsterdam, sondern die Bilder des Grauen an: Ein Bild von einer zum Skelett abgemagerten Frau, ein Bild von einem Massengrab. Unsere Gefühle dabei waren nicht unbedingt angemessen: Bestimmt war eine Menge Lust am Grusel dabei. Uns war damals klar, dass es sich um wirkliche Bilder, wirkliches Leiden und wirkliche Menschen ging, nicht um Fiktion, aber in seinem ganzen Ausmaß konnten wir nicht das Verbrechen nicht erfassen.

(Mich erschreckte vor allem die Anonymität des Massengrabs, die Achtlosigkeit, mit der die Leichen hineingeworfen worden waren, die Abererkennung jeder Individualität oder Personhaftigkeit. Vielleicht verstand ich damals mit elf doch mehr, als ich mir jetzt zugestehen möchte. – Jetzt habe ich das Bild hervorgeholt und noch einmal angesehen: Es ist ziemlich unscharf, das Grauen entstand vor allem in meinem Kopf. Aber das ist wohl immer so.)

Ich glaube nicht, dass mir das Buch oder die Bilder oder überhaupt das Wissen um den Holocaust geschadet hat. (Später kam ja noch mehr dazu, etwa der Film „Nacht und Nebel“, den wir im Religionsunterricht sahen und vor allem konkrete historische Informationen, die meisten in Eigeninitiative als erwachsene Frau, also außerhalb des Geschichtsunterrichts gefunden.) Jetzt muss ich aufpassen, wie ich formuliere, so dass das Wissen nicht irgendwie nützlich, weil persönlichkeitserweiternd erscheint. Insgesamt glaube ich jedoch, dass das Wissen um die Wahrheit mich hat erwachsener und reifer werden lassen. Natürlich wäre eine Welt, in der die Shoah nie stattgefunden hat, eine bessere Welt, aber in einer Welt zu leben, in der er stattgefunden hat, ohne davon zu wissen, macht niemanden zu einem besseren Menschen – das sollte eigentlich klar sein – und das galt auch für mich als Kind: Meine Freundin, die Bescheid wusste (okay, viel wusste sie nicht), schien mir erwachsener, reifer, interessanter als ich selbst, und ich wollte auch Bescheid wissen.

Vielleicht sind es die Erwachsenen, die wollen, dass Kinder „unschuldig“ bleiben. Ich denke gerade daran, dass das englische Wort für unschuldig, „innocent“, eigentlich vom lateinischen Wort für „unwissend“ abgeleitet ist, aber ich glaube, schon im Lateinischen hatte es diese Doppelbedeutung. Kinder haben aber kein Interesse, Kinder zu bleiben, sie wollen groß werden, mehr lernen, mehr wissen, mehr können. (Manchmal überschätzen sie sich, um cool zu sein.)

Ich habe mit einer „Waldorfmutter“ gesprochen, die die Seelen ihrer Kinder vor dem Bösen in der Außenwelt bewahren möchte: kein Smartphone, kein Fernsehen. Meine Eigenwahrnehmung von mir als Kind ist die, dass ich das Behütetsein nicht schätzte, und dass ich Informationen und Wissen über die Welt nicht als schädlich für meine Seele wahrnahm, und auch im Nachhinein würde ich nicht sagen, dass sie mir geschadet hätten.

Meinem Bruder hat die Betrachtung jener Bilder, glaube ich, auch nicht geschadet. Er hat einige Monate später meine Großväter nach ihrer Vergangenheit gefragt.

Natürlich möchte ich jetzt nicht, dass der Eindruck entsteht, nichts könne Kinderseelen schaden. Meine Eltern haben auch nicht alles richtig gemacht. Vermutlich haben die Eltern unserer Freunde und die Nachbarn, die Kinder in unserem Alter hatten, mehr richtig gemacht, indem sie wenig bestrebt waren, ihre Kinder zu behüten. Natürlich kann sehr vieles Kinderseelen schaden, aber am meisten Schaden tragen sie durch Störungen in ihrer eigenen persönlichen Lebenswelt davon, nicht durch Informationen über die Welt außerhalb.

Eine Störung der Lebenswelt besteht gerade in Geheimnissen, darin, dass es Dinge gibt, die nicht erzählt werden dürfen. Eine Episode lässt bei mir im Nachhinein das Gefühl von Verrat entstehen: Niemand sagte mir, dass ein Großonkel, der zum ersten Mal aus der damaligen DDR zu Besuch war, während des Nationalsozialismus SS-Mitglied war. Er war ein Onkel und musste entsprechend freundlich behandelt werden. Ich geriet praktisch sofort mit ihm in Streit, nicht über ein im engeren Sinne politisches oder historisches Thema, aber eines, das im weiteren Sinne politisch war, nämlich die Reichweite seiner Autorität als Sporttrainer. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass man mich in die Falle laufen ließ, dass niemand sich mit diesem Onkel auseinandersetzte und man diese Auseinandersetzung der Dreizehnjährigen überließ. Man wollte eine heile Welt, und gleichzeitig wusste man, dass sie Sprünge hatte und war nicht einmal böse, dass ich in Streit geriet, aber man war zu feige, sich selbst zu streiten.

Was wirklich schadet: Nicht Informationen über die reale Welt, sondern zur Statistin in der Traumwelt anderer Menschen gemacht zu werden, einer Traumwelt, in der es nichts Böses gibt, obgleich das Böse mittendrin ist.

Was auch geschadet hat: Dass meine Großväter die Fragen meines Bruders zwar beantworteten, dass diese Antworten aber nie kritisch diskutiert wurden. Es wäre die Aufgabe meiner Eltern gewesen, dies zu tun. Dass man gegen Krieg und Völkermord und Diktatur war, galt in meiner Familie als selbstverständlich, aber die Voraussetzungen im Denken, die zu alldem geführt haben, jene Haltungen, bei denen nicht sofort offensichtlich ist, dass sie zu alledem führen, wurden nicht hinterfragt.

Was ich im Nachhinein auch als schädlich ansehe, ohne dass ich genau sagen könnte, wer oder was dafür verantwortlich ist: Die Vorstellung einer Kollektivschuld, an der ich als Nachfahrin teilhätte. Als Jugendliche hatte ich das Gefühl, dass mir etwas vorgeworfen wurde, an dem ich beim besten Willen nichts hätte ändern können. Dieses Gefühl entstand nicht, als ich zum ersten Mal von der Shoah erfuhr oder als ich die ersten Bücher darüber las, es entstand im Lauf der Jahre, und sowohl Familie als auch die Schule mögen dafür verantwortlich gewesen sein. Ich litt unter diesem Gefühl, und ich brauchte einige Jahre, um zu erkennen, dass es Unsinn ist, weil jeder Mensch für seine eigenen Worte und Taten verantwortlich ist – und ich lernte, dass die Kollektivschuldthese nicht durch die Alliierten aufgebracht wurde, sondern durch „Volksgenossen“, und dass sich hinter dieser These das Wissen darüber verbarg, mitgemacht zu haben, also durchaus individuelle Schuld auf sich geladen zu haben. Statt mit dieser individuellen Schuld umzugehen, wurde der Popanz der Kollektivschuld aufgebaut, die nie wirklich ernst genommen wurde (schließlich wissen alle, dass es Kollektivschuld nicht gibt), sondern die vor allem genutzt wurde, um sich selbst als Opfer zu fühlen, eben als Opfer der Kollektivschuldthese.

Auch jene Freundin, von der ich zum ersten Mal etwas über die Shoah erfuhr, litt einige Jahre später unter der angeblichen Kollektivschuld, in Wirklichkeit unter ihrem Bedürfnis, sich als Deutsche zu identifizieren. Ich frage mich, ob der offenere Umgang in ihrer Familie damit zusammenhängt, dass dort die Haltung herrschte: „Nazis sind die anderen“, während in meiner Familie das Wissen um die eigene Beteiligung nie vollständig verdrängt wurde. Dass sie später auch unter der Kollektivschuld litt, mag damit zusammenhängen, dass die Haltung „Nazis sind die anderen“ auch in ihrer Familie nicht hundertprozentig stimmte.

Ein Satz, dem ich in den letzten Wochen zweimal begegnet bin, lautet „Sie haben nichts Schlimmes getan“, in Bezug auf die Eltern oder Großeltern. Vermutlich steckt wieder der Wunsch dahinter, eine Linie zu ziehen: Sie haben sich zwar beteiligt, sind aber diesseits der Linie geblieben, ab der es „schlimm“ wurde. Es gibt zwar unterschiedliche Grade der Beteiligung, die nicht nivelliert werden sollten (im Versuch der Nivellierung besteht die Exkulpationsstrategie von Menschen/Nachkommen, die sehr intensiv mitgemacht haben), aber es gibt keine Linie, die eine „schlimme“ von einer „nicht schlimmen“ Beteiligung trennt. Menschen, die sich überhaupt nicht beteiligt oder gar Widerstand geleistet haben, gab es nur wenige.

Wenn die unschuldigen Kinderseelen geschützt werden sollen, weckt dies in mir den Verdacht, dass sie nicht vor dem Wissen über das Böse in der Außenwelt geschützt werden sollen (denn dieses Wissen würde nichts an ihrer eigenen Unschuld ändern), sondern am Wissen über über das Böse im Nahbereich: in der eigenen Familie, der Nachbarschaft, der Schule und dann eben auch der eigenen Nation. So war es in meiner Familie, die behütender war als in den Nachbarsfamilien oder der Familie meiner Freundin, die das Böse des Nationalsozialismus außen verorteten.

Was Kinder möglicherweise mehr brauchen als Schutz vor Informationen: Eltern, die mit ihnen sprechen, Eltern, die ihnen helfen, das Gesehene und Gehörte einzuordnen, Eltern, die ihnen zeigen, dass es auch in einer Welt, in der das Böse existiert, Handlungsmöglichkeiten gibt und man diesem Bösen nicht ausgeliefert ist.

Und möglicherweise haben Kinder Freunde und Freundinnen, die selbst zum Opfer von Gewalt geworden sind, zum Beispiel als Geflüchtete. Oder sie freunden sich mit Kindern an, deren Vorfahren zu den Menschen gehören, die vom Nationalsozialismus verfolgt werden. Solche Kinder erzählen ebenfalls Geschichten, so wie Kinder Geschichten erzählen: einzelne Ereignisse, häufig sehr drastisch, aber ohne Zusammenhang und Kontext. Diesen Kontext müssen Eltern nachliefern. Dies schützt Kinderseelen besser, als wenn sie schlimmstenfalls versuchen würden, Freundschaften mit Kindern, die solche Geschichten erzählen, zu unterbinden.

Vielleicht habe ich jetzt zu sehr von meinen eigenen Erfahrungen verallgemeinert. Ich kenne keine wissenschaftliche Studie zu diesem Thema (aber dies ist eben ein Blogpost und kein wissenschaftlicher Artikel.) Andererseits berichten auch Menschen, die sagen, dass 9. Klasse frühestens angemessen sei, nicht von wissenschaftlichen Studien, sondern nach Erfahrung und Gefühl.

Vielleicht ist es auch ein Unterschied, ob Eltern mit ihren eigenen Kindern sprechen oder Lehrer und Gedenkstättenpädagogen mit ganzen Schulklassen arbeiten.

Eine häufige Position besteht darin, dass man wartet, bis die Kinder Fragen stelle, ähnlich wie bei der sexuellen Aufklärung, bei der auch immer gefragt wird, wie viel für ein Kind in einem bestimmten Alter angemessen ist, mit dem Effekt, dass Kinder zuerst aus Medien und  durch Freunde informiert wurden, so wie es mir mit der Shoah erging. Es mag ein merkwürdiger Vergleich sein, aber ich glaube, der Fehler liegt nicht bei mir. Ein Unterschied liegt natürlich darin, dass die sexuelle Neugier nicht nur von außen kommt, sondern mit der sich entwickelnden Körperlichkeit des Kindes oder Jugendlichen verbunden ist, während es kein „natürliches“ Interesse an der Shoah gibt, außer dass sich Kinder und Jugendliche für sie interessieren, weil sie stattgefunden hat.

Zu warten, bis die Kinder Fragen stellen, bedeutet, dass man wartet, bis die Kinder durch Freunde oder Medien oder in der Schule etwas über die Shoah erfahren haben und jetzt Kontext brauchen. Man kann natürlich die Kinder schützen, indem man sie vor Medienkontakt schützt, dafür sorgt, dass sie entsprechende Freunde haben und sie in die entsprechende Schule schickt. Dann stellen sie keine Fragen. Man kann auch dafür sorgen, dass sie spüren, dass Fragen nicht willkommen sind.

Außerdem verschiebt man die Verantwortung auf die Kinder, wenn man wartet, bis sie Fragen stellen. Andererseits gibt es tatsächlich Grenzen: man kann nicht beliebig kleinen Kindern von der Shoah erzählen.

Vielleicht folgendes (irgendwie habe ich das Bedürfnis, diesen Blogpost mit einem praktischen Tipp zu beenden): Je besser man die Geschichte des Nationalsozialismus einschließlich der eigenen Familiengeschichte aufgearbeitet hat, desto besser wird man mit den eigenen Kindern darüber sprechen können. Mit besser meine ich: so, dass man die Kinder unterstützt und sie nicht belastet. Je offener man sich selbst der Wahrheit gestellt hat, je besser man selbst die Ereignisse reflektiert hat, desto reflektierter wird man mit den eigenen Kindern umgehen und desto wahrheitsgetreuer werden die eigenen Antworten sein.

Der Tipp bestünde also darin, sich selbst um die Aufarbeitung der Vergangenheit zu kümmern, sich um Wissen und moralische Klarheit zu bemühen, und dieses Bemühen nicht vor den Kindern geheimzuhalten. Dann werden sie von selbst neugierig werden und Fragen stellen.

Zum Abschluss noch eine Liste von Literaturempfehlungen, die das Jüdische Museum herausgegeben hat: https://www.jmberlin.de/sites/default/files/jmb_lesenswerte-buechera4.pdf

Sie enthält eine Reihe von Kriterien, nach denen die Bücher ausgewählt wurden. Dass sie kindgemäß sind und Kinderseelen schützen, gehört nicht dazu.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Das richtige Alter

  1. arboretum schreibt:

    Als meine Eltern mit meiner jüngeren Schwester und mir die KZ-Gedenkstätte Dachau besuchten (unsere ältere Schwester war mit unserem Onkel und einer anderen Cousine im Urlaub), war meine jüngere Schwester acht und ich zwölf Jahre alt. Den Dokumentarfilm durfte man erst ab zwölf sehen, deshalb wartete meine Mutter mit ihr draußen, während ich mit meinem Vater den Film ansah. Es handelte sich dabei um die Aufnahmen, die bei der Befreiung des KZs gemacht worden waren und zeigte auch, wie Dachauer Bürgerinnen und Bürger mit dem, was die Amerikaner dort vorfanden, konfrontiert wurden. Die Ausstellung sahen wir alle vier zusammen an, einige Exponate sind mir nie wieder aus dem Kopf gegangen, etwa das Foto von dem jungen Mann, der bei den Menschenversuchen in der Unterdruckkammer starb. Oder die Vergrößerung eines Zeitungsausschnitt, in dem berichtet wurde, dass zwei Männer von außen versucht hatten, Einblick in das Lager zu bekommen, und die hämische Drohung, wenn sie oder andere es nochmals versuchen würden, bekämen sie gerne die Gelegenheit, es von innen zu sehen. Und ich erinnere mich auch daran, dass meine kleine Schwester fragte, „wieso haben die das gemacht?“ und wie schwierig es für meine Eltern war, eine kindgerechte, befriedigende Antwort darauf zufinden – „das ist doch total ungerecht und gemein“, befand meine kleine Schwester. Als sie etwa doppelt so alt war, begann sie, sich bei Amnesty International zu engagieren, bis heute.

    Nein, es hat uns nicht geschadet.

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    • susanna14 schreibt:

      Danke für den Kommentar! Anscheinend ist „Bild habe ich nie vergessen“ und „hat mir geschadet“ nicht gleichbedeutend, und Eltern müssen nicht auf jede Frage eine kindgerechte Antwort haben, schon gar nicht auf Fragen, über die sich die Expert_innen immer noch streiten und auf die es möglicherweise keine Antworten gibt. (Auf die Frage: „Wie kommen Menschen dazu, kleine Kinder zu erschießen?“ gibt es, glaube ich keine, und jede Antwort stellt eine Rationalisierung dar.)

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