In a nutshell: Völkischer Nationalismus

Vor ungefähr zehn Tagen habe ich eine Antwort auf die Frage versucht, was die Medien im Umgang mit der AfD falsch machen. Mittlerweile würde ich dies erweitern: Auch viele Menschen, die sich Experten nennen, begehen diesen Fehler.

Der Fehler besteht meines Erachtens nach darin, dass nicht verstanden wurde, was völkischer Nationalismus (im Gegensatz zu republikanischem Nationalismus) zu verstehen ist. Wenn dieser Kern der Ideologie der AfD nicht verstanden wurde, kann sie auch nicht adäquat kritisiert werden. Damit das, was ich in meiner Tweetkette geschrieben habe, nicht verloren geht, werde ich es hier wiederholen. Für ausführliche Informationen empfehle ich Benedict Anderson oder die Dissertation von Samuel Salzborn „Ethnisierung der Politik. Theorie und Geschichte des Volksgruppenrechts in Europa“.

Unter völkischem Nationalismus verstehe ich die Annahme der Existenz von Völkern, die durch Abstammung definiert sind und untereinander durch Kultur, Sprache, häufig Religion und durch eine gemeinsame Geschichte verbunden sind, während sie durch ebendiese Punkte von anderen Völkern getrennt sind. Da Rassismus und Abstammungsdenken heutzutage verpönt sind, wird meist verschwiegen, dass es um Herkunft geht, wenn man genauer hinhört, stellt man allerdings in aller Regel fest, dass Kultur, Sprache und gemeinsame Geschichte nur ein Deckmantel für Abstammung sind, da davon ausgegangen wird, dass die Herkunft (oder die Sozialisation in den ersten Lebensjahren) Kultur, Sprache und die Geschichte, auf die man sich als „eigene“ Geschichte bezieht, determiniert. (Religion ist eine etwas kompliziertere Angelegenheit, da das Zeitalter der Stammesreligionen seit über tausend Jahren in Europa vorbei ist – in den Gebieten des Hellenismus und des ehemaligen Römischen Reiches schon seit zweitausend Jahren.)

Dass durch Austausch mit anderen Kulturen oder durch eigenes Nachdenken die eigene Kultur, Sprache oder Geschichte in Frage gestellt werden, ist in diesem Modell nicht vorgesehen. Dies bedeutet einerseits, dass es für Fremde prinzipiell unmöglich ist, sich zu integrieren: Gleichgültig, wie sehr sie sich anstrengen, es bleibt immer ein Mangel, zum Beispiel ein fremder Akzent, oder der Verdacht, dass die Anpassung nur ein Deckmantel und sie in Wirklichkeit ihrer eigenen Kultur noch verhaftet seien. Für Einheimische andererseits bedeutet es, dass sie auf die eigene Kultur oder dem, was die „Völkischen“ als eigene Kultur ausgeben, festgelegt werden (meist irgendwelche Bräuche, aber auch Teile der „Hochkultur“, die aber nicht hinterfragt und interpretiert, sondern als Besitz verehrt werden sollen, Regeln des Familienlebens, ohne Betrachtungen der Veränderungen, die dieses in den letzten zweihundert Jahren erfahren hat, und natürlich die eigene Geschichte, die Quelle des Stolzes und der Inspiration sein soll.)

In dieser Festlegung besteht die antidemokratische Grundhaltung der Völkischen. Ihrer Ansicht nach besteht das Volk nicht aus den tatsächlichen Staatsbürgern, sondern ist von vornherein festgelegt: Eine durch Abstammung bestimmte Gruppe, die ihr Zusammenleben nach einer Reihe von Regeln bestimmt, die die Völkischen als die diesem Volk angemessenen betrachten, weil sie die Regeln sind, die angeblich seit Jahrhunderten (oder Jahrtausenden – sie neigen da zur Großzüigigkeit) das Zusammenleben dieses Volkes bestimmt hätten. Das Verändern dieser Regeln, durch Lernen, Nachdenken, Diskutieren, Austausch mit anderen Kulturen, kommt in dieser Art des Denkens einem Verrat gleich.

Dass diese Art des Denkens (oder der Verweigerung des Denkens) mit der Realität nichts zu tun hat, liegt auf der Hand. Sie hat auch nichts mit Demokratie zu tun, da nach den Ansichten und Meinungen der Menschen, die hier leben, nicht gefragt wird. Wie das Zusammenleben gestaltet werden soll, ist von vornherein klar.

Die Debatte über Einwanderung würde möglicherweise rationaler, wenn man klar stellen würde: Das Zusammenleben hier beruht nicht auf einer althergebrachten deutschen Kultur (da würde mir grausen), sondern auf Freiheit und Gleichheit, also im Prinzip einem Import aus Frankreich. (Natürlich ist weder das eine noch das andere bereits verwirklicht, aber als Ideale sollten sie anerkannt sein.) Einwanderer, die diese Ideale nicht bereits mitbringen, können sie lernen, so wie alle sie lernen können, auch die Einheimischen, die sie noch nicht wirklich verinnerlicht haben, und sie können mitarbeiten, sie besser zu verwirklichen, als sie jetzt verwirklicht sind. Es kann nicht darum gehen, sich in eine Schützenvereinskultur integrieren zu müssen – das wollen auch viele Deutsche nicht.

Zum Abschluss noch meine ursprüngliche Tweetkette:

 

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