Zu den jüngsten Äußerungen von Alexander Gauland und Alice Weidel

 

 

Vor einigen Tagen hat die WELT über eine alte Email von Alice Weidel berichtet, in der sie, neben anderen Unerträglichkeiten, die derzeit aktiven Politiker als Marionetten der Siegermächte  bezeichnet. Alexander Gauland will wieder stolz auf die Leistungen der deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg sein.

Ich habe dazu ein wenig getwittert, und weil Tweetketten sehr schnell in Vergessenheit geraten, werde ich dazu auch bloggen.

Mir scheint, dass Gaulands und Weidels Äußerungen auf den Kern rechten Denkens hinweisen: Das, was Alexander und Mitscherlich die Unfähigkeit zu trauern genannt haben. Diese Unfähigkeit ist auch außerhalb der rechten Szene sehr weit verbreitet.

Unfähigkeit zur Trauer meint nicht in erster Linie die Trauer um die Menschen, die zu Opfern der deutschen Volksgemeinschaft wurden, also jenen, die nicht dazugehörten, sie meint auch nicht die Trauer um die eigenen Toten, sondern sie meint die Trauer um etwas Immaterielles, nämlich um ein Ideal: das Ideal „Deutschland“ oder „Hitler“, das im Zuge der Massenbildung die Stelle des Überichs eingenommen hatte und die eigene Urteilsbildung verhinderte. Nach dem Krieg hätte eigentlich dieses Ideal zusammenbrechen müssen, und dieser Zusammenbruch hätte zu einer Depression führen müssen. Die Menschen hätten sich fragen müssen: Wem bin ich eigentlich hinterhergelaufen? Für was habe ich mich da eigentlich begeistert? Bei was habe ich mitgemacht? und die Antwort auf diese Fragen hätte zu Entsetzen über sich selbst und in eine Depression oder einen Zusammenbruch führen müssen, aber das geschah nur in sehr seltenen Fällen. Stattdessen wurden Depression und Trauer mit verschiedenen Mitteln abgewehrt, und diese Abwehr lässt sich noch an den Äußerungen von Weidel und Gauland beobachten.

Gaulands Strategie besteht darin, zwischen den gewöhnlichen Soldaten und dem Nationalsozialismus eine Grenze zu ziehen. Diese gewöhnlichen Soldaten hätten für ihr Vaterland gekämpft, wie Soldaten es eben tun, sie seien dabei sehr tapfer gewesen, man dürfe stolz auf sie sein.

Das Problem besteht darin, dass die Grenze zwischen den gewöhnlichen Soldaten und dem Nationalsozialismus eine künstliche ist. Das bedeutet nicht, dass jeder gewöhnliche Soldat genauso verantwortlich und schuldig ist wie, sagen wir, die Führungsspitze des NS. Es bedeutet aber, dass jeder Soldat an einem Krieg teilgenommen hat, der erstens als Angriffskrieg ein Verbrechen war und zweitens auf verbrecherische Weise geführt wurde. Was Osteuropa anbelangt, hat sich letzeres mittlerweile herumgesprochen, aber auch im Westen gab es Verbrechen, und die Menschen, die gerne auf die Verbrechen der Alliierten hinweisen und nach konkreten Beispielen gefragt meistens die Bombardierungen großer Städte nennen, sollten vielleicht einmal daran erinnert werden, dass Rotterdam im Mai 1940 komplett zerstört wurde, also zu einem Zeitpunkt, als deutsche Städte noch nicht bombardiert wurden.

Jeder Soldat konnte wissen, dass die Kriege verbrecherisch waren und auf verbrecherische Weise geführt wurden und dass in den besetzten Ländern gemordet wurde. Vielleicht kannte nicht jeder jedes Detail, aber darauf kommt es nicht an. Jeder Soldat konnte wissen, dass er an einem verbrecherischen Projekt teilnahm.

Sehr viele Soldaten nahmen nicht freiwillig an dem verbrecherischen Projekt teil, sondern folgten ihrer Einberufung. Aber auch hier sollte man das typische „Wir waren gezwungen“ nicht ohne weiteres hinnehmen: Viele derjenigen, die gezwungen waren, fanden die Kriege nicht grundsätzlich schlecht, sondern wollten vor allem nicht selbst ihr Leben riskieren. Manche machten Karriere im Krieg. Manche versuchten, so lange wie möglich als „unabkömmlich“ freigestellt zu sein, andere hatten nichts dagegen, einberufen zu werden.

Misstrauisch macht mich vor allem, wenn Menschen, die gezwungenermaßen ihrer Einberufung folgten, anschließend auf ihre Leistungen stolz sind. Das passt nicht zusammen. Wer gezwungen ist, an etwas teilzunehmen, das er ablehnt, wird sich nicht anstrengen und keine Bestleistungen bringen, sondern nach einem Ausweg suchen, etwa sich gefangennehmen lassen. (Andererseits gibt es mancherlei merkwürdige Motivationen unter Soldaten, vor allem die, die Kameraden nicht im Stich zu lassen. Selbst bei den Einsatzgruppen wird das als Motivation diskutiert: die Mörder hätten sich ohne weiteres versetzen lassen können, wenn sie gewollt hätten, aber sie wollten die Drecksarbeit nicht ihren Kameraden aufbürden. Aber so kann nur jemand argumentieren, der nicht verstanden hat, welch furchtbares Verbrechen die „Kameraden“ begingen.)

Also nicht jeder Soldat ist für sämtliche Verbrechen des Nationalsozialismus verantwortlich – aber es gibt keinerlei Grund, auf die eigene Leistung als Soldat stolz zu sein. Wer wirklich nur gezwungenermaßen Soldat war, wer verstanden hat, dass er an einem verbrecherischen Projekt teilnahm (wenn auch gezwungenermaßen), wird mit Scham an diese Zeit zurückdenken, wird sich fragen, ob es wirklich keine Möglichkeit gegeben hat, sich zu drücken, wird nicht stolz auf seine Leistung sein.

Nun zu Alice Weidel: Anstatt eine künstliche Grenze zwischen den gewöhnlichen Soldaten und dem verbrecherischen Regime und seiner Schuld zu ziehen, bedauert sie offensichtlich die deutsche Niederlage, die dazu geführt hat, dass nach 1945 ein paar Jahre lang die Siegermächte die Herrschaft über Deutschland übernahmen und dass sie diese erst wieder den Deutschen überließen, nachdem sie ein gewisses Vertrauen gefasst hatten, dass diese ihre neugewonnene Souveränität nicht wieder für Diktatur, Weltkrieg und Völkermord missbrauchen würden. Sie bedauert, dass die allermeisten Politiker und Politikerinnen in Deutschland dieses Vertrauen der Alliierten rechtfertigen, und zwar aus freien Stücken, weil sie verstanden haben, dass Diktatur, Weltkrieg und Völkermord nicht erstrebenswert sind und dass die Demokratie, die unter der Herrschaft der Alliierten etabliert wurde, nicht nur für die Menschen in den Nachbarländern, sondern auch für die Deutschen besser ist als alles, was zuvor je in Deutschland gab. Es ist jenseits ihres Horizonts, dass deutsche Politiker und Politikerinnen so denken, und daher kann sie sich nur vorstellen, dass sie Marionetten der Siegermächte sind.

Aber dann wären auch die allermeisten Deutschen (die zu ungefähr 90 Prozent eben nicht die AfD wählen) Marionetten der Siegermächte. Eine solche Behauptung kann nur aufstellen, wer meint, sie wisse, was „die“ Deutschen, wenn sie so wollen dürften, wie es ihrem Wesen entspricht, wollen würden.

Fazit: Während Gauland meint, er könne die gewöhnlichen Soldaten vom verbrecherischen nationalsozialistischen Regime trennen, scheint Weidel der verbrecherische Charakter des nationalsozialistischen Regimes nicht klar zu sein.

 

 

 

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4 Antworten zu Zu den jüngsten Äußerungen von Alexander Gauland und Alice Weidel

  1. Trippmadam schreibt:

    Ich habe als Jugendliche bei Familientreffen Diskussionen meiner Großonkel mitbekommen. Es war den Männern auch während des Krieges durchaus klar, dass sie einem verbrecherischen Staat dienten, aber andererseits war dieser Staat „doch unser Vaterland“, für das man in den Krieg zu ziehen hatte. Mein Misstrauen gegenüber Begriffen wie „Vaterland“ ist damals entstanden, und ich halte solche Begriffe (Schlagworte?), die das Gedankengut einer Generation prägen, auch heute noch für gefährlich.

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    • susanna14 schreibt:

      Was mir auffällt, wenn ich die Aufzeichnungen meines Großvaters lese, aber manchmal auch, wenn ich mit meinen Eltern diskutiere, ist die Weigerungen Verbindungen zu ziehen: Einerseits sieht man die Verbrechen, andererseits ist man immer noch patriotisch gesinnt und fürchtet die Niederlage (und zwar nicht nur aus Selbsterhaltungsgründen), als wären beides zwei völlig unabhängige Denkvorgänge. Manchmal denke ich, wenn diese Denkvorgänge verbunden werden könnten, wäre vieles besser.

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      • Trippmadam schreibt:

        Ich hatte den Eindruck, dass zumindest der Großonkel, der sich am intensivsten damit auseinandersetzte, als sehr junger Soldat ein Dilemma sah, das er nicht auflösen konnte. Man kann oder muss das vielleicht kritisieren, aber das würde für mich bedeuten, mich über ihn zu erheben. (Ich habe, da ich mir meiner Unvollkommenheit sehr bewusst bin, immer ein Problem, mich über andere zu erheben, aber ich glaube, Du weißt das.)

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      • susanna14 schreibt:

        Er hat sich immerhin auseinandergesetzt, und er hat auch schon als junger Soldat ein Dilemma gesehen. Mir persönlich fällt es schwer, über Menschen zu urteilen, die damals sehr jung, aber eben doch keine Kinder mehr waren, und dann rette ich mich meistens, indem ich frage: wie sind sie in den Jahrzehnten danach mit dem umgegangen, was sie getan haben. Ich weiß nicht, ob wir uns jemals über die Frage unterhalten haben, ob kritisieren und urteilen erlaubt ist. In ihrem Aufsatz „Verantwortung in der Diktatur“, in welchem sie auf die Diskussion zu ihrem Eichmann-Buch eingeht, erörtert Hannah Arendt auch die Frage des Urteilens. Sie wundert sich darüber, dass Menschen sich nicht mehr trauen, Urteile zu fällen. Sie meint, wenn man über jemanden urteilt, heißt das nicht, dass man selbst besser wäre oder sich in der gleichen Situation anders verhalten hätte. (Überhaupt ist der Spruch „du kannst das nicht beurteilen, weil du damals nicht gelebt hast“ eine bekannte Schuldabwehrstrategie.) Was ich auch wichtig finde: Urteilen muss nicht dichotom sein, also nicht entweder Nazi/Täter und damit abgrundtief böse oder kein Nazi/Täter und damit unschuldig. Es gibt viele Stufen dazwischen.

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