Mohnblume (Arbeitstitel)

Kleiner Rant über Menschen, die sich für links und kritisch halten, aber in Sachen Gender komplett unsensibel sind.

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Vor über zehn Jahren kaufte ich mir von Wolfgang Bergmann das Buch „Warum unsere Kinder unser Glück sind.“ Es interessierte mich, weil es sich gegen die damals populären Bücher über den Nutzen von Disziplin (vom ehemaligen Leiter des Internats Salem, dessen Namen ich vergessen habe) oder über kleine Tyrannen (von Michael Winterhoff) wandte. Ich fand das Buch ganz cool, außer dass der Autor etwas unsensibel war, was Gender anbelangt. Die Klischees von typischen Männern/Jungen und Frauen/Mädchen feiern bei ihm fröhliche Urstände. Ich beschloss das zu übersehen, da ich gerade in einer Phase war, in welcher ich beschlossen hatte, auch mal darüber hinwegzusehen, dass Männer sich frauenfeindlich äußern, wenn sie sonst intelligente Sachen schreiben.

Später wurde ich misstrauisch. Über die Geschlechterklischees allein hätte ich hinweggesehen, aber nicht über die Verharmlosung männlicher Gewalt. Er beklagt, dass männliche Wildheit in der Welt der Grundschullehrerinnen und Erzieherinnen keinen Platz mehr habe: Wenn eine Fensterscheibe zu Bruch gehe, werde sofort der Stuhlkreis einberufen. (Hier ein Link zu einem Interview im Deutschlandfunk.)

Vor ein paar Tagen habe ich gelernt, dass er Teil der Männerrechtler-Bewegung war, was mich nicht wunderte, und außerdem für die Junge Freiheit schrieb, was mich dann doch erschreckte: so weit rechts hätte ich ihn nicht eingeordnet. Sein Buch hatte ich damals gekauft, weil es sich gegen den Ruf nach Autorität wandte, der damals populär war. Sich gegen autoritäre Einstellungen zu wenden, erschien mir damals per se links, nicht rechts. Heute sehe ich das anders. Ich bin auch über mich selbst erschrocken, weil ich das nicht erkannt habe, sondern sein Buch zunächst mochte.

Ich plane einen längeren Blogpost über dieses Thema. Jetzt schreibe ich, weil ich in eine unschöne Auseinandersetzung mit einem Twitterer geraten bin:

Es entspann sich ein etwas längerer Austausch. Meine letzte Antwort ist die folgende:

Ich mag jetzt nicht alle Tweets verlinken. Unverschämt war vor allem die erste Antwort, in der mir unterstellt wurde, eine Verschwörungstheorie aufstellen zu wollen:

Die Unterstellung, ich könnte eine Verschwörungstheoretikerin sein, empfand ich erstens als unverschämt und zweitens als absurd.

Also, jetzt die Erklärung für kleine Jungs, die ein wenig Nachhilfe brauchen: Der Cartoon stellt die Entwicklung von Expert_innenbefragungen in den amerikanischen Medien dar. Während früher führende Expert_innen befragt wurden, kann jetzt jeder beliebige Mensch, der ein Blog betreibt oder auf Facebook aktiv ist, als Experte befragt werden.

Der Cartoon erzählt jedoch noch eine andere Geschichte: Früher wurden Experten gefragt, die selbstverständlich Männer sind, jetzt werden Frauen befragt, die natürlich keine Expertinnen sind, sondern nur auf Facebook aktiv sind.

Wenn es nur um die erste Geschichte gegangen wäre, hätte sie leicht anders erzählt werden können, indem nicht erst drei Männer und dann eine Frau dargestellt worden wären. Wenn jemand in Genderfragen auch nur die geringste Sensibilität hat, würde er das tun. Wenn jemand in Genderfragen auch nur die geringste Sensibilität hat, würde er auf einen entsprechenden Hinweis mit der Bemerkung reagieren „ja, stimmt, in dieser Hinsicht ist der Cartoon etwas problematisch.“

Jetzt das mit den Verschwörungstheorien, und warum ich Wolfgang Bergmann erwähnt habe, der tatsächlich sehr weit rechts ist. Verschwörungstheorien zeichnen sich dadurch aus, dass sie unterstellen, dass es irgendwelche mächtigen Menschen oder Organisationen gibt, die im verborgenen die Strippen ziehen und von denen man nichts erfährt. Rationalen Argumentationen sind Verschwörungstheoretiker_innen in aller Regel nicht zugänglich,

Wenn jemand auf ein Problem in einem Cartoon aufmerksam liegt, das für alle Menschen, die ein wenig Sensibilität für Genderfragen besitzen, offen auf der Hand liegt, dann ist sie keine Verschwörungstheoretikerin. Wenn sie als Verschwörungstheoretikerin bezeichnet wird, dann fragt sie sich, was im Kopf des Mannes vorgeht, der das tut.

Ich kann jetzt nicht in den Kopf dieses Mannes hineinsehen. Aber vielleicht noch zwei weitere Worte zu Verschwörungstheoretiker_innen. Die mächtigen Menschen und Organisationen, die an den Strippen ziehen, sind nicht komplett beliebig, sondern in aller Regel wird auf vorhandene Vorstellungen zurückgegriffen. Sehr beliebt ist die antisemitische Vorstellung, dass es Juden und Jüdinnen und jüdische Organisationen seien, die an den Strippen der Macht ziehen. Es geistert aber noch eine zweite Verschwörungstheorie herum: die von der feministischen Weltverschwörung. Feminstinnen und Gendertheoretikerinnen seien dabei, die Weltherrschaft zu übernehmnen und die natürliche Ordnung der Geschlechter zu unterminieren.

Wie gesagt, seit meiner Erfahrung mit Wolfgang Bergmann habe ich mir vorgenommen, misstrauischer zu sein, wenn ich Menschen begegne, die in Genderfragen komplett unsensibel sind. Und ganz besonders misstrauisch werde ich, wenn ich absurden Unterstellungen begegne.

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