Mohnblume (Arbeitstitel)

Jahresrückblick: Über die Angst, rassistisch genannt zu werden / über die Angst, antisemitisch genannt zu werden

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Im vergangenen Jahr habe ich Menschen kennengelernt, die Angst haben, rassistisch genannt zu werden, ich habe Menschen kennengelernt, die Angst haben, antisemitisch genannt zu werden, und ich habe gelernt, dass es Menschen gibt, die leider viel zu wenig Angst haben, rechts genannt zu werden, und die auf entsprechende Andeutungen mit Aggression reagieren.

Ich beginne mit der Angst, die mir selbst nicht fremd ist, nämlich der Angst, rassistisch genannt zu werden.

Über die Angst, rassistisch genannt zu werden

Bei einem Vortrag von Merle Stöver zum Thema „Antisemitismus in feministischen Kontexten“ (an den genauen Titel erinnere ich mich nicht mehr) wurde in erster Linie auf Laurie Penny hingewiesen, dann aber auch auf einige Autorinnen (nicht Erstunterzeichnerinnen) des #ausnahmslos-Aufrufs, die schon durch antisemitische Äußerungen aufgefallen sind. Als ich nachfragte, warum nicht diese, sondern die Erstunterzeichnerinnen in die Kritik geraten seien, obgleich es doch viel wichtiger sei, die Autorinnen zu kritisieren, wurde mir geantwortet, man habe Angst, rassistisch zu wirken.

Kurze Zeit später geriet ich in einer Kneipe mit einer Bekannten von einem Bekannten in ein Gespräch über Critical Whiteness. Sie erzählte, dass ihre Gruppe sich aus einem antirassistischen Bündnis herausgezogen habe, weil sie dieses Konzept ablehnt – nicht leichtfertig, sondern nach längeren Diskussionen. Die Gruppe habe aber Angst, jetzt als rassistisch zu gelten, und insgesamt äußerte sie die Befürchtung, dass grundsätzlich jemand, der das Concept der Critical Whiteness ablehne, als schnell in den Ruf gerate, rassistisch zu sein.

Ich holte mein Phase-Zwei-Heft zur Critical Whiteness hervor, aber dieses kannte sie schon. Ich erinnerte mich an zwei Workshops, einer ein Antirassistisches Training, ein anderer ein Training „Argumentieren gegen rechts“, an denen ich kurz davor teilgenommen hatte und wo es mir gelungen war, das Konzept der Critical Whiteness zu kritisieren, ohne mir Rassismus-Vorwürfe einzuhandeln. (Was die Leute von mir denken, weiß ich nicht. Immerhin gab es keine offenen Vorwürfe.)

Vor vielen Jahren bin ich allerdings tatsächlich offen als rassistisch kritisiert worden, und zwar zur Zeit, als ich noch bei LiveJournal im Naruto-Fandom unterwegs war. Also, erst einmal ein paar Erklärungen: Naruto ist eine mittlerweile beendete Mangaserie, die von 1999 bis 2014 lief und zu ihrer besten Zeit hinter „One Piece“ die zweiterfolgreichste Serie war. Ich hatte angefangen, sie zu lesen, als sie ungefähr in der Mitte war, und folgte ihr bis zum Ende, obgleich die Qualität der letzten 200 Kapitel sehr zu wünschen übrig ließ. (Für die, die Manga gar nicht kennen: Es handelt sich um japanische Comics, die zunächst Kapitel für Kapitel in Zeitschriften und später in Buchform veröffentlicht werden und die im Gegensatz zu westlichen Comics eine fortlaufende, häufig sehr lange Geschichte erzählen. Während man zum Beispiel, wenn man Lust auf Asterix hat, in die Bücherei, zur Buch- oder Zeitschriftenhandlung gehen und dort den Band ausleihen oder kaufen kann, der gerade vorrätig ist und ihn trotz einzelner Anspielungen auf vorausgegangene Bände verstehen kann, sollte man die Bände eines Manga in der korrekten Reihenfolge lesen. Der Unterschied ist also der gleiche wie der zwischen einer modernen Fernsehserie und einer Serie wie Star Trek, bei der man ohne Probleme einzelne Folgen sehen kann.)

Die gesamte Familie einer der Hauptpersonen war durch den Bruder dieser Hauptperson ermordet worden. Zunächst wurde der Eindruck erweckt, dieser Bruder sei einfach durchgeknallt und böse geworden (eine Erklärung, die außerhalb eines Manga natürlich nicht befriedigen würde), aber im Kapitel 400 erfuhr man, dass dieser Bruder nicht einfach verrückt war, sondern dass er vom Rat des Ninjadorfes, aus welchem die Hauptpersonen stammten, dazu beauftragt worden war, weil die Familie einen Putsch plante. Dabei war dieser Bruder zum Zeitpunkt des Mordes erst dreizehn Jahre alt.

Die Fans reagierten unterschiedlich auf diese Nachricht. In den Augen mancher bedeutete sie, dass der Bruder ein Held war: Für sein Land war er bereit, zum Verbrecher zu werden, seine Familie zu ermorden, in die Verbannung zu gehen und einen frühen Tod zu sterben. Für eine Minderheit, zu der auch ich gehörte, bedeutete dies hingegen, dass das Dorf, in welchem die Hauptpersonen lebten, keinesfalls das Idyll und die Bastion des Guten war, als die es immer dargestellt worden war, sondern dass mit diesem Dorf etwas ziemlich faul war, insbesondere dass einige Ratsmitglieder jegliche Maßstäbe verloren hatten, wenn es darum ging, welche Mittel für die Sicherheit des Dorfes noch gerechtfertigt waren.

In meinen Auseinandersetzungen mit jenen, die anderer Ansicht waren, wurde ich immer wieder des Rassismus bezichtigt. Ich würde nicht berücksichtigen, dass die japanische Kultur eine andere sei als die westliche und dass dort die Gemeinschaft mehr zähle als der einzelne. Ich würde die japanische/asiatische Kultur nicht respektieren, wenn ich den Mord an der Familie als solchen bezeichnete und nicht bereit war, zu akzeptieren, dass der Junge, der ihn begangen hatte, ein Held war, der sich aufopferte, und dass seine Auftraggeber alles taten, um ihr Dorf zu beschützen. In der japanischen/asiatischen Kultur stehe eben die Gemeinschaft/der Staat an erster Stelle, da hätten einzelne Individuen und persönliche Beziehungen zurückzustehen. Wenn ich das nicht anerkennen würde, sei ich eine arrogante Vertreterin der westlichen Kultur, die nicht genügend Respekt für fremde Kulturen aufbringe, kurzum, eine Rassistin.

Anfangs versuchte ich noch, zu erklären, dass ich Menschenrechte für unteilbar hielte und dass ich einfach keine Anhängerin eines kulturrelativistischen Antirassismus sei, aber einige der Diskussionen uferten dermaßen aus, dass mir nichts übrig blieb, als die Diskussion abzubrechen. (Damals entwickelte ich eine spezielle Strategie für Internetdiskussionen: ich treibe die Leute so lange argumentativ in die Enge, bis sie nicht mehr weiter wissen und mich wüst beschimpfen. Dann breche ich die Diskussion ab.)

Im Vergleich zu diesen Erlebnissen wirken die Diskussionen um Critical Whiteness sehr vernünftig und friedlich. Möglicherweise aber haben diese Diskussionen um Ereignisse in einem Manga bewirkt, dass ich mich nicht mehr allzusehr davor fürchte, Rassistin genannt zu werden. Ich habe das schon hinter mir.

Wenn ich einen Ratschlag geben sollte, wäre es der folgende: Mach deutlich, dass du dich mit Rassismus auseinandersetzt und dich gegen Rassismus einsetzt, aber in anderer Form und mit einem anderen Rassismusbegriff als die Critical-Whiteness-Menschen. Dies geht natürlich nur, wenn man es tatsächlich tut, man kann es nicht spielen. Man kann es auch nicht in einem Wochenend-Workshop lernen. Aber wenn man es tatsächlich tut, kann man Wochenend-Workshop-LeiterInnen in Verlegenheit bringen. (Mir ist es einmal gelungen: eine Workshop-Leiterin meinte, diejenigen, die gegen Critical Whiteness wären, seien dies nur, weil sie sich nicht mir ihrem eigenen Rassismus auseinandersetzen wollten. Ich wies darauf hin, dass Critical Whiteness auch in den migrantischen Communities kritisiert wird und einen Teil dieser Communities ausgrenzt. Sie war dann ziemlich schnell still.)

Es ist, glaube ich, wichtig, dass dies getan wird und dass man das Risiko eingeht, als Rassist oder Rassistin bezeichnet zu werden. Nur auf diese Weise kann eine Auseinandersetzung stattfinden. Wenn man Glück hat, sind die eigenen Argumente tatsächlich besser als die der anderen Seite oder zumindest gut genug, um nicht als Rassist oder Rassistin bezeichnet zu werden. Wenn es doch passiert: Dann wäre es vielleicht gut, darüber nachzudenken, ob die andere Seite nicht vielleicht Recht hat oder ob man zumindest nicht genügend nachgedacht hat und die eigene Position noch besser begründen muss. In beiden Fällen kann man etwas lernen.

Wenn man nicht kritisiert aus Angst, als Rassist oder Rassistin bezeichnet zu werden, dann besteht meiner Ansicht nach die Gefahr, dass man in einen ähnlichen Zustand gerät wie die echten Rassisten und Rassistinnen: Man sagt nicht, was man denkt, beklagt sich über „politische Korrektheit“, umgibt sich nur mit Menschen, die sich ebenfalls über „politische Korrektheit“ beklagen und lernt nichts Neues.

Über die Angst, antisemitisch genannt zu werden

Im Sommer ist die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Künste in Hildesheim stark in die Kritik geraten, weil an ihr ein Seminar stattfand, dessen Lehrmaterialien, die sich auf der hochschulinternen Internetplatttform fanden, im wesentlichen aus palästinensischer Propaganda bestand. Ich bin der Diskussion im wesentlichen in den Medien gefolgt; an einer Veranstaltung habe ich aber live teilgenommen: „Wo beginnt israelbezogener Antisemitismus“. Ein Video der Veranstaltung findet sich noch auf facebook:

 

(Ich hoffe, man kommt von hier auch an das Video selbst heran. Wenn nicht, einfach bei google „Facebook Wo beginnt israelbezogener Antisemitismus“ eingeben.)

Das Video enthält leider nur Ausschnitte der Diskussionsveranstaltung. Einige der interessantesten Passagen fehlen, erst einmal aus dem Vortrag von Sebastian Winter, aber auch aus der Diskussion selbst.

Sebastian Winter erklärt, was ein externalisiertes Überich ist: eines, das nichts ins Subjekt integriert ist, so dass die Stimme des Gewissens nicht als von innen kommend, sondern nur als Vorwurf von außen wahrgenommen wird. Man fühlt sich dann von jenen verfolgt, die diese Vorwürfe äußern.

Die Hochschulpräsidentin der HAWK führt dann auch live vor, was ein solches externalisiertes Gewissen ist (und diese Passagen finden sich im Interview): Auf die Frage (wiederum von Sebastian Winter), warum sie nicht gesagt hätte: „Ja, natürlich gibt es bei uns Antisemitismus, so wie überall in der Gesellschaft, wir werden dem nachgehen“, anstatt gleich in Verteidigungshaltung zu gehen, antwortet sie mit komplettem Unverständnis: Antisemitismus sei der schlimmste und diffamierendste Vorwurf, den es in dieser Gesellschaft überhaupt gibt, ausgesprochen rufschädigend und geeignet, eine Person oder Institution komplett zu desavouieren, wie komme er auf die Idee, dass sie einfach zugeben könne, dass es an ihrer Hochschule ein Problem gibt.

Auf diese Weise stilisiert sie sich selbst und ihre Hochschule zum Opfer: zum Opfer jener Menschen, die sie und die Hochschule als antisemitisch „diffamieren“ würden. Insgesamt verweigert sie die inhaltliche Auseindersetzung: Sie behauptet zwar ständig, es gebe nicht nur die Definition von (israelbezogenem) Antisemitismus, die die anderen Podiumsteilnehmer benutzen (der berühmte 3-D-Test), sondern auch andere Definitionen, aber an keiner Stelle wird sie konkret und sagt, was für eine Definition das sei, so dass man darüber diskutieren könnte.

Mehrere Menschen werfen ihr dann auch vor, dass sie kein eigenes Urteilsvermögen hat – im Prinzip, dass sie sich vor einem Urteil drückt – wenn es darum geht, zu entscheiden, ob das Seminar, das da an ihrer Hochschule lief, antisemitisch war oder nicht. Sie gibt zu, dass das Seminar nicht wissenschaftlich war (was zweifellos stimmt und schon an und für sich ein Grund hätte sein müssen, das Seminar abzusetzen und keine weiteren Lehraufträge an die Dozentin zu vergeben), aber sie sagt ein ums andere Mal: ob das Seminar antisemitisch war oder nicht, können wir hier und jetzt nicht entscheiden.

Wenn ich an die Veranstaltung zurückdenke oder wenn ich mir das Video ansehe und anhöre, dann denke ich, dass es im Prinzip eine gespenstische Veranstaltung war: Die Teilnehmer und Teilnehmenden lebten in zwei verschiedenen Welten. Die einen lebten und leben in einer Welt, in der Antisemitismus einschließlich israelbezogenem Antisemitismus ein ernstes Problem ist, so dass man dagegen vorgehen muss: Klare Kriterien entwickeln, was Antisemitismus ist (wenn Juden und Jüdinnen beziehungsweise Israel zum Bösen schlechthin erklärt werden) und woran man Antisemitismus erkennt. Israelbezogener Antisemitismus findet sich sowohl unter hier lebenden Muslimen als auch unter Deutschen: bei letzteren mischt er sich gerne mit „sekundärem“ Antisemitismus, also mit Antisemitismus „wegen Auschwitz“ oder Schuldabwehrantisemitismus.

Die anderen lebten in einer Welt, in der es keinen Antisemitismus gibt, jedenfalls nicht in Deutschland nach 1945, denn schließlich sind „wir“ nach dem Holocaust ja geläutert. Wenn „wir“ Israel kritisieren, dann hat es mit Antisemitismus nichts zu tun, und wenn „uns“ doch jemand kritisiert, ist dies offensichtlich eine abwegig und kann nur auf die Böswilligkeit des Betreffenden zurückzuführen sein: Die Hochschule soll diffamiert werden, die arme Dozentin des Seminars wurde nicht einmal angehört, und die Frage, ob das Seminar antisemitisch sei oder nicht, die angeblich hier und heute nicht entschieden worden sei, ist tatsächlich schon entschieden: Selbstverständlich ist es nicht antisemitisch, weil es Antisemitismus in Deutschland nicht gibt, es stellt einfach nur den Nahostkonflikt aus der Sicht einer Palästinenserin vor. (Ich gehe mal davon aus, dass die Präsidentin, wenn sie nur den leisesten Verdacht gehabt hätte, dass das Seminar vielleicht doch antisemitisch gewesen sei, sich deutlich kritischer mit Dozentin und Dekanin unterhalten hätte. Das Problem bestand tatsächlich darin, dass sie den Antisemitismus nicht sehen konnte und wollte.)

Aus Sicht derjenigen, die der Ansicht sind, dass es in Deutschland nach 1945 keinen Antisemitismus mehr gibt, sind diejenigen, die ihn anprangern, bösartig oder überempfindlich oder verrückt. Aus Sicht derjenigen, die denken, dass es in Deutschland und der Welt auch nach 1945 noch Antisemitismus gibt, sind diejenigen, die in Israel das Böse schlechthin und die Ursache allen Übels auf dieser Welt sehen, diejenigen, die sich von der Realität getrennt haben.

Über die fehlende Angst, rechts genannt zu werden

Nicht in antirassistischen Workshops oder im Internet, sondern in Gruppen, die ich zwecks Freizeitgestaltung besuchte, bin ich auf Menschen gestoßen, die leider viel zu wenig Angst haben, dass sie rechts sein könnten. Meistens halten sie sich sogar selbst für links: irgendwie ökologisch orientiert, vielleicht auch sozialdemokratisch, vielleicht friedensbewegt oder auch ein wenig esoterisch. Meistens waren es Menschen, die ungefähr so alt waren wie ich selbst, vielleicht etwas älter. Was sie nicht aufgearbeitet hatten: ihren Nationalismus (selbstverständlich waren sie nicht nationalistisch, aber irgendwie antiamerikanisch und antiimperialistisch) und ihre Ressentiments bezüglich des Zweiten Weltkriegs, den Deutschland erstens begonnen und zweitens verloren hat. Das Umdenken, das nach dem Zweiten Weltkrieg von den Deutschen erwartet wurde, wurde als Strafe empfunden, nicht als notwendige Anerkennung der Realität. Eine realistische Einstellung zu „unseren germanischen Vorfahren“ und ihren Mythen (die echten Mythen sind spannende Geschichten, aber dass es unsere Vorfahren seien, ist ein Mythos, der erstens langweilig ist und zweitens fatale Auswirkungen hatte), eine realistische Einstellung zu den Ursachen des Zweiten Weltkriegs (ja, es waren ohne wenn und aber die Deutschen unter Führung des NS-Regimes, die ihn angezettelt haben, nicht Hollywood oder die Ostküste der USA) lässt noch auf sich warten. Auf diese Weise lassen sich Nationalismus und Pazifismus hervorragend unter einen Hut bringen, und wer einen trotzdem als rechts bezeichnet, der muss falsch liegen, denn schließlich ist man Pazifist oder Pazifistin und hat alles nicht so gemeint, aber Demokratie ist vielleicht doch nicht die einzige Staatsform, die der Autonomie des Menschen gerecht wird, vielleicht sind anderswo die Menschen unter anderen Regierungssystemen ja glücklicher.

Wenn ich solchen Menschen sage, dass ihre Ansichten problematisch sind, spüren sie sofort, dass ich meine, sie seien zu rechts, und sie reagieren aggressiv, denn in ihrer eigenen Weltsicht sind sie natürlich nicht rechts, und ich muss verrückt sein.

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