Jahresrückblick: noch einmal Köln

Es ist die Zeit der Jahresrückblicke, und einer dieser Rückblicke gilt in der Jungle World dem missglückten Anfang des Jahres 2016: der Silvesternacht in Köln. Im Dossier der Weihnachtsausgabe der Jungle World finden sich Artikel von Hannah Wettig („Hört auf, die Frauen zu beschimpfen„), Lale Akgün („Die Wahrheit über Köln„), Sebastian Weiermann („Geschützte Bereiche„) und ein Interview mit Eva Quistorp („‚Silvester war eine Drohung‘„). Sie erinnern mich an die damalige Debatte und daran, dass die Debattenbeiträge in der Jungle World, gerade der von Hannah Wettig(„An der Realität vorbei„) , aber noch mehr der von Melanie Götz („Querfront der Partikularitäten„), damals diejenigen waren, denen es meiner Ansicht nach am besten gelang, die Ereignisse von Köln weder zu verharmlosen, noch in Rassismus zu verfallen. (Es gibt übrigens auch die Möglichkeit, sowohl die Ereignisse zu verharmlosen als auch in Rassismus zu verfallen.)

Ich vermute, dass die meisten, die dies lesen, denken: „Wieso? Wo ist das Problem? Selbstverständlich habe ich weder verharmlost noch bin ich in Rassismus verfallen.“ Niemand glaubt dies von sich selbst, ich auch nicht. Umso wichtiger ist es, die Grenzen zu diskutieren.

Wenn ich zurückdenke und wenn ich die Artikel von Hannah Wettig oder Melanie Götz vom Anfang des Jahres  noch einmal lese, so stelle ich fest, dass ich seitdem für mich persönlich eine viel klarere Linie gezogen habe: Damals war ich von der Reaktion vieler Feministinnen in erster Linie verstört. Jetzt hat sich die Verstörtheit gelegt, zum Preis, dass ich bestimmte Formen des Feminismus mittlerweile ablehne und mich frage, ob es sich überhaupt noch um Feminismus handelt. Vielleicht sollte ich sie als Postfeminismus bezeichnen.

In den Debatten, denen ich im vergangenen Jahr auf Twitter oder auf Papier und manchmal auch in Real Life gefolgt bin (in Real Life leider tatsächlich am wenigsten), habe ich mittlerweile den Eindruck gewonnen, dass sich auch dort eine Klärung einstellt. Vielleicht ist das nur meine persönliche Wahrnehmung, die dadurch verzerrt ist, dass ich jetzt anderen Blogs und Twitter-Accounts folge. Vielleicht aber auch nicht: im Frühsommer habe ich Menschen kennengelernt, die sich fürchteten, rassistisch genannt zu werden, wenn sie sich gegen Critical Whiteness oder gegen Antisemitismus aussprechen, wenn letzterer von Menschen geäußert wird, deren Vorfahren keine VolksgenossInnen waren (die Abstammung von VolksgenossInnen ist die eigentliche Trennlinie zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund; dies wird aber nur selten klar ausgesprochen.) In der zweiten Jahreshälfte lernte ich immer mehr Menschen kennen, die sich nicht davor fürchten: am wichtigsten Tara@Sternenrot und Katzensozialismus@verswabot. Beide haben den Vorteil, dass sie selbst nicht von VolksgenossInnen abstammen, aber im Prinzip sollte nicht die Abstammung entscheidend sein, wenn es darum geht, ob und wie jemand für seine oder ihre Äußerungen kritisiert wird. Im Laufe des Jahres gewann ich den Eindruck, dass auch Nachfahren von VolksgenossInnen keine Angst mehr haben, Menschen die keine solchen sind, für ihre Äußerungen zur kritisieren.

Verstört haben mich die Debatten damals, weil ich anfing, mich zu fragen, ob ich die Realität richtig einschätzen kann. Als ich hörte, was passiert war, war ich entsetzt; ich stellte mir vor, wie es den Frauen gegangen war, die versuchten, von dem Gleis, auf dem sie aus dem Zug gestiegen waren, zum Bahnhof zu gehen. Aber dann hörte ich, auf dem Oktoberfest sei es auch nicht besser, und überhaupt sei sexualisierte Gewalt auch innerhalb der deutschen Gesellschaft ein Alltagsphänomen.

Das zweite stimmt zweifellos, bedeutet aber nicht, dass Ereignisse wie die in Köln Alltag sind. Beim ersten hatte ich große Zweifel, die mir nun noch durch Hannah Wettig bestätigt wurden, die tatsächlich Zahlen vergleicht, aber ich glaube, wichtiger als das Ereignis auf einer Skala von „schlimm“ bis „harmlos“ einzuordnen, wäre es, erst einmal zu fassen zu versuchen, was geschehen ist und inwiefern es anders ist als das, was normalerweise auf dem Oktoberfest geschieht. Was ich bisher gelesen habe, sind nur journalistische Texte und Berichte von Menschen, die dabei waren: auf dem Bahnhof von Köln wurden die Frauen eingekreist, von ihren Freunden und Freundinnen abgedrängt, festgehalten, betatscht. Auf dem Münchner Oktoberfest käme es vor, dass der Gang zur Toilette einem Spießrutenlaufen gliche, bei dem sie aufgefasst und bei dem ihre Röcke hochgehoben würden. (Außerdem kommen auf dem Heimweg Vergewaltigungen vor, viel zu häufig natürlich, aber nicht als Massenverbrechen, das von den Umstehenden geduldet oder unterstützt wird.) Vielleicht ist es gerade der nichtsexualisierte Anteil, das Abgedrängtwerden, Eingekreistwerden, Festgehaltenwerden, der bei mir eine solche Angst auslöst: ich habe, als ich jung war, mehr nichtsexualisierte als sexualisierte Gewalt erfahren, was für Frauen ungewöhnlich ist. Vielleicht ist es das Gefühl des Ausgeliefertseins angesichts der Tatsache, dass die Umstehenden die Täter unterstützen. Vielleicht ist es die Ungewissheit, dass man nicht weiß, wie weit die Täter gehen werden.

Ein Versuch, exakt zu beschreiben, was geschehen ist, und festzuhalten, was anders ist als auf dem Oktoberfest oder anders als die alltägliche Gewalt, vermisste ich. (Und vielleicht ist mein Gefühl auch falsch und davon bestimmt, dass ich noch nie auf dem Oktoberfest war, aber bis jetzt hat mir das noch niemand überzeugend dargelegt.) Es schien mir, als sei alles, was gesagt wurde, von einer politischen Agenda bestimmt, entweder von einer rassistischen oder von einer antirassistischen, so dass entweder die Ereignisse maßlos übertrieben und als Ausdruck einer unveränderlichen arabischen oder islamisichen Kultur angeprangert würden, die am besten als ganzes aus Deutschland herausgehalten würde, oder dass sie als Ausdruck eines weltumspannenden Patriarchats dargestellt wurden, zwischen dessen unterschiedlichen Ausprägungen nicht genauer unterschieden werden muss.

(Leider verfiel auch der Text von Paulette Genser „Und es hat doch mit dem Islam zu tun“ in eine dieser Fallen: Sie verknüpft die Ereignisse in Köln mit dem Islam als ganzem und wählt als Beispiel die Polygamie, die einen Rückschritt gegenüber der zur Zeit der Entstehung des Islam von Christentum und Judentum praktizierten Monogamie bedeutet habe; nicht mehr Bruderhorde, sondern Urvater light. Sie werde in nordafrikanischen und arabischen Ländern, die  durch den Islam konstituiert seien, legal praktiziert. Sie betrachtet aber nicht, wie häufig sie vorkommt oder was sich seit der Zeit des Propheten verändert hat. Ein zweites Problem ist Alice Schwarzer. Vor ein paar Tagen habe ich meinen bis jetzt erfolgreichsten Tweet gepostet, eine knappe Kritik an Alice Schwarzer, die behauptet, Männer aus Marokko, Tunesien oder Algerien gehörten nicht hierher. Hier ist erst einmal der Tweet, auf den ich reagiert habe:

Alice Schwarzer äußert im Prinzip also die Ansicht, dass das Problem der Gewalt durch eingewanderte Männer dadurch zu lösen sei, dass man sie ausweist und am besten gar nicht erst ins Land lässt. Dabei geraten ihr die Individuen aus dem Blick, auf einmal sind alle gleichermaßen gewalttätig und respektlos gegenüber Frauen.

Vor ein paar Wochen habe ich allerdings ein Interview mit ihr gelesen, in welchem sie differenziertere Positionen vertrat. Sie erzählte von einem Syrer, den sie bei einer Reportage über ein Flüchtlingsheim kennengelernt hat und der während der Silvesternacht 2015 Frauen geholfen hat. Sie ist mit ihm und seiner Familie befreundet geblieben. Er ist jetzt durchaus jemand, der respektvoll mit seiner Frau umgeht, kein gewalttätiger Ehemann, der sie in vielerlei Weise unterdrückt, aber es gibt eben Grenzen. Es sind übrigens Verhältnisse, wie ich sie aus meiner eigenen patriarchalen Familie kenne – aber das waren andere Zeiten. Eva Quistorp beschreibt in ihrem Artikel, den ich ganz oben verlinkt habe, ähnliche Männer: Sehr nett und fürsorglich zu ihren Frauen, keineswegs gewalttätig, aber dass ihre Frau am Deutschkurs teilnimmt, halten sie dann doch für überflüssig. Solche Beobachtungen sind interessant und wichtig, weil sie Licht auf subtilere Formen von Frauenunterdrückung werfen, Formen von fürsorglicher und paternalistischer Frauenunterdrückung, wie sie vor gar nicht allzulanger Zeit auch hier noch als normal galten, so dass man sie als Unterdrückung nicht wahrnahm und die von vielen Menschen möglicherweise immer noch als normal angesehen werden, die aber trotzdem Formen von Frauenunterdrückung sind. Problematisch wird es, wenn Alice Schwarzer und Eva Quistorp ihre persönlichen Beobachtungen absolut setzen und die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Forschung, die nicht in ihr Bild passen, rundweg für falsch erklären.)

Weder die eine noch die andere Haltung nimmt die betroffenen Frauen und ihre Erfahrungen ernst. Die Rassisten und Rassistinnen verteidigen nicht die Frauen, die sie zu schützen vorgeben. Aber auch die Postfeministinnen lassen die betroffenen Frauen im Stich. Was sonst in diesen Kreisen üblich wäre, nämlich die Erfahrungen der betroffenen Frauen ernst nehmen, jede Kritik oder jegliche Zweifel an ihren Erzählungen harsch zurückweisen und ganz und gar ihre Perspektive übernehmen, unterbleibt hier. Polizei, SozialarbeiterInnen und TherapeutInnen sollen sich um diese Frauen kümmern, für Postfeministinnen sind sie kein Thema, die sind damit beschäftigt, den Rassismus zu bekämpfen, der als das drängendere Problem gilt. Was sonst funktionierte, wenn ich über einen Fall von sexualisierter Gewalt auf dem Laufenden bleiben wollte, nämlich einfach den feministischen Blogs folgen, funktionierte nicht mehr: Wie die Aufklärung der dortigen Verbrechen voranschritt, interessierte nicht. Auch die (erwartbare) Schwierigkeit, die Täter zu identifizieren und zu verurteilen, ohne dass auch Unschuldige verurteilt würden, interessierte nicht. Ich fing an, in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Medien nach Informationen zu suchen. Hannah Wettigs Bemerkung, die Frauenbewegung – besser die Postfeministinnen – habe die Frauen im Stich gelassen, brachte mir etwas Erleichterung: anscheinend war ich nicht allein mit meinem Gefühl.

Das schlimmste erlebte ich im Sommer auf einem Seminar, das eigentlich als Antirassismustraining gedacht war: Eine der Trainerinnen behauptete, was in Köln geschehen sei, wäre noch gar nicht wirklich klar. Ich erschrak, als ich das hörte, aber widersprach nicht. Erst bei der nächsten Behauptung widersprach ich, aber ich weiß nicht mehr genau, welche das war. Jedenfalls wurde das Verhalten der Täter mit irgendetwas erklärt: Frust, Perspektivlosigkeit, Alkohol, unzureichende Polizeiüberwachung oder eben doch dem Kulturschock. An dieser Stelle widersprach ich und sagte, es sei nicht richtig und auch nicht antirassistisch, wenn wir hinter Standards zurückfallen, die normalerweise für die Diskussion von Vergewaltigungen gelten: Der Täter ist für sein Verhalten verantwortlich, und auf keinen Fall kann sein Verhalten durch das Verhalten des Opfers erklärt werden, auch nicht durch westliche Kleidung, die in seinen Augen zu freizügig sei.

Möglicherweise besteht das Problem in zwei Dichotomien, die die Debatte prägten, die aber bei einer Lösung der Probleme nicht weiterhelfen:

  • Entweder handelt es sich bei den Ereignissen der Silvesternacht in Köln um importierte, sexuelle Gewalt, gegenüber der die hiesige sexuelle Gewalt ein vernachlässigbares Phänomen darstellt, oder es handelt sich um die alltägliche, gewöhnliche Gewalt, wie es sie hierzulande zuhauf gibt.
  • Entweder handelt es sich bei den Ereignissen der Silvesternacht um ein Phänomen, das in erster Linie mit der muslimischen oder arabischen Kultur der Täter erklärt werden kann, welche als unveränderlich betrachtet wird, oder es handelt sich um das weltumspannende Patriarchat, welches weltweit keine Unterschiede aufweist.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass im Verlauf des Jahres weitere sexuelle Straftaten gemeldet wurden, die Flüchtlingen zugeschrieben wurden. Ein Teil davon erwies sich als Falschmeldung, beim anderen Teil handelt es sich tatsächlich um Vorfälle, die sich in Menge und Ausmaß nicht vom alltäglichen Maß der sexuellen Gewalt, das es ohnehin in Deutschland gibt, unterscheiden. Dabei kommt es vor, dass die Wahrnehmung rassistisch verzerrt ist: dasselbe Verhalten kann unterschiedlich eingeschätzt werden, je nachdem ob es sich um einen „biodeutschen“ Menschen handelt oder um einen, der „ausländisch“ aussieht. Diese verzerrte Wahrnehmung kann auch Menschen betreffen, die an sich selbst den Anspruch haben, nicht rassistisch sein zu wollen. Sie verzerrt nicht nur die Wahrnehmung derjenigen, die direkt betroffen sind, sondern auch die Wahrnehmung derjenigen, die helfen sollen oder die in Medien von Übergriffen lesen, und leider trägt die Berichterstattung zur verzerrten Wahrnehmung bei.

Laut Statistik hat sich insgesamt die Gefahr sexueller Übergriffe durch die Ankunft der Flüchtlinge nicht erhöht. Die Kriminalität von Flüchtlingen mit „guter Bleibeperspektive“ liegt auf konstant niedrigem Niveau: „Flüchtlinge begehen offenbar weniger Straftaten.“ Die Silvesternacht war ein singuläres Ereignis, das diese Gesamtaussage nicht verändert. Aber als sehr spezielles, singuläres Ereignis muss es trotzdem ernst genommen werden, und zwar weil es anders war, als das, was sonst passiert. Es kam überraschend und hätte in diesem Augenblick nur durch große Polizeipräsenz verhindert werden können, die aber nicht vorhanden war.

Aber Polizeipräsenz kann nicht der einzige Weg sein, um Straftaten zu verhindern. Damit wäre die Polizei tatsächlich überfordert, und zwar grundsätzlich (das gilt auch für andere Straftaten, etwa Verkehrsdelikte: wenn Menschen sich nur dann an die Regeln halten, wenn sie andernfalls bestraft würden, wäre es ein extremer Aufwand, die Regeln durchzusetzen, den ein Staat auf Dauer nicht leisten kann.) Also muss Prävention betrieben werden.

Der Aufruf „#ausnahmslos“ fordert Prävention auf verschiedenen Ebenen: gesellschaftlicher, politischer und in den Medien. Auf die Herkunft der Täter der Silvesternacht wird nur insofern eingegangen, als davor gewarnt wird, Gewalt nur dann zu thematisieren, wenn die Täter zu den „Anderen“ gehören. Mit einem einzigen Satz wird angedeutet, dass möglicherweise auch auf die Kultur dieser anderen eingegangen werden müsste: „Dazu gehört die Analyse, Aufarbeitung und Bekämpfung von soziokulturellen und weltanschaulichen Ursachen von Gewalt.“

Aber diejenigen, die dies tatsächlich tun, sind andere, etwa Ahmad Mansour, dessen Interviews ich damals verstärkt im Internet gesucht habe, weil sie mir einen Ausweg boten jenseits der Alternative, die Täter seien entweder ihrer unveränderlichen kulturellen Prägung gefolgt, so dass man sie am besten ausweisen müsste, oder es handle sich um alltägliche sexualisierte Gewalt, wie sie auch in Deutschland üblich sei, und würde am besten dadurch bekämpft, dass man ganz allgemein den Umgang in Medien, Pädagogik und Gesellschaft mit sexualisierter Gewalt verändert. Ahmad Mansours Ansatz, Probleme in der Sozialisation muslimischer Jugendlicher zu benennen, dabei aber deutlich zu machen, dass es sich nicht um alle muslimischen männlichen Jugendlichen handelt, dass es sich nicht um eine unveränderliche Prägung handelt und dass es sich nicht um eine jahrhundertealte islamische Tradition handelt, sondern um ein Problem, das aus der Situation der Jugendlichen in unserer Gesellschaft herrührt, in der sie ausgegrenzt werden und in der schon ihre Eltern ausgegrenzt wurden, in der sie ihren Platz zu finden versuchen und dabei auch auf Angebote der Religion ihrer Heimatländer zurückgreifen. Wenn das Problem auf diese Weise erfasst wird, kann man es auch angehen, etwa mit dem Projekt, das er angestoßen hat, um männliche Jugendliche zu bestärken, ihre eigene Ehre und Männlichkeit nicht mit der Jungfräulichkeit ihrer Schwester zu verknüpfen. Natürlich birgt auch so ein Projekt die Gefahr, dass es muslimische Jugendliche als defizitär betrachtet, so dass sie eines solchen Programmes bedürfen und sie dadurch stigmatisiert. Andererseits sind es eben auch muslimische junge Männer, die zu Multiplikatoren ausgebildet werden. (Ich kann jetzt nicht im einzelnen die Qualität seines speziellen Projekts beurteilen. Wahrscheinlich bedarf es verschiedener Ideen und verschiedener Projekte, so dass sich dann erfolgversprechende Vorgehensweisen herauskristallisieren. Jedenfalls habe ich bewundert, wie er in Interviews mit Journalistinnen umging, die ihn dazu bringen wollten, zu sagen, dass der Islam an und für sich das Problem sei, und er ihnen immer wieder entgegnete: nein, nicht der Islam an und für sich ist das Problem; ich bin auch Muslim, sondern nur ein bestimmtes Verständnis des Islam ist das Problem.)

Andererseits geht er ein anderes Problem an, nicht die Ereignisse der Kölner Silvesternacht. Es ist durchaus ein wichtiges Problem, vielleicht sogar ein wichtigeres, aber eben ein anderes, und auch seine Zielgruppe ist eine andere. Bei seiner Zielgruppe, nämlich Jugendlichen mit „Migrationshintergrund“, die in Deutschland aufgewachsen sind und ganz normal hier zur Schule gehen, mag man fragen: Wozu ein solches Projekt? Sollten sie nicht durch Sexualkundeunterricht und Besuche bei „Pro Familia“ und überhaupt Schule und Unterricht in „Werte und Normen“ erreicht werden, so wie andere Jugendliche auch? Sie besuchen all diese Institutionen, warum sollten sie bei ihnen keine Wirkung erzielen? Und vielleicht liegt es tatsächlich nicht an den Jugendlichen, sondern an der Institution Schule, dass sie die Jugendlichen „mit Migrationshintergrund“, insbesondere die muslimischen, schlechter erreicht als Jugendliche ohne Migrationshintergrund. (Zum Sexualkundeunterricht kann ich wenig sagen, aber wenn es um andere Fächer geht begegne ich immer wieder Rassismus.) Aber vielleicht ist es manchmal besser, nicht zu warten, bis dieser Zustand ein Ende hat, sondern gleich mit eigenen Projekten zu starten.

Die erste Kritik am Aufruf #ausnahmslos befasste sich scheinbar mit einem marginalen Phänomen: der Unterstützung des Aufrufs durch Antisemitinnen. Kritisiert wurden zunächst einige Erstunterzeichnerinnen aus dem Vereinigten Königreich und den USA, die durch israelbezogenen Antisemitismus aufgefallen waren, etwa durch die Unterstützung der BDS-Kampagne. Später wurden auch einige der Autorinnen kritisiert, aber meist nur sehr vorsichtig: Einmal wurde mir direkt gesagt, man habe Angst, als rassistisch bezeichnet zu werden, wenn man sie direkt kritisiere.

Es scheint ein marginales Phänomen zu sein, und Hannah Wettig fragt, ob es nicht ein bisschen mäkelig sei, diese Antisemitinnen unter den Unterstützerinnen und Autorinnen hervorzuheben, aber dass Antisemitinnen unter den Autorinnen sind, weist auf ein größeres Problem hin. Der Antisemitismus ist sozusagen die Spitze vom Eisberg, der Teil, den man sieht, der Punkt, wo offensichtlich ist, dass es ein Problem gibt, und wo man dann auch wagt, zu kritisieren.

In aller Regel existiert das Problem jedoch schon vorher, und es ist weit mehr als „nur“ Antisemitismus. Ich glaube dabei, dass man, wenn man es schon vorher erkennen und benennen würde, auch gegen Antisemitismus etwas unternehmen würde, und zwar zu einem Zeitpunkt, wo er noch nicht offen geäußert wird. Ich glaube, davon hätten alle etwas.

Mir ging es so mit einer der drei Autorinnen, die wegen Antisemitismus kritisiert wurden. Sie hat sich als junge feministische Muslima oder muslimische Feministin einen Namen gemacht, und ich habe mich immer gefragt, was an ihr feministisch sein soll: Ihr wichtigstes Anliegen schien zu sein, feministischen Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft klar zu machen, dass man gleichzeitig selbstbewusst und selbständig („emanzipiert“) und eine kopftuchtragende Muslima sein kann. Sexismus in der Mehrheitsgesellschaft oder in muslimischen Communities prangerte sie nicht an. Allerdings las ich nur hin und wieder eine ihrer Kolumnen; sie weckten nicht mein Interesse, und daher schien mir der beste Weg, mit ihr umzugehen, nach anderen Autorinnen zu suchen, deren Texte ich lieber las. Das Bauchgrummeln blieb, und sie blieb beliebt in der feministischen Community. Dadurch, dass jetzt angedeutet wird, dass sie sich antisemitisch geäußert habe, ist mein Bauchgrummeln bestätigt.

Vermutlich ist das Problem das folgende: Als Reaktion auf Rassismus und Islamophobie wird der Islam gegen jegliche Kritik geschützt. Eine Ausnahme bildet der Islamismus vor allem in seiner terroristischen Variante, aber konservative bis reaktionäre Formen des Islam werden nicht kritisiert. Der Grund könnte daran liegen, dass Kriterien fehlen, anhand derer erkannt werden könnte, dass eine Form des Islams kritikwürdig ist, so dass jede Kritik in den Verdacht gerät, dass es nur darum ginge, herauszustellen, dass die eigene Gruppe, Christen oder Deutsche (häufig wird das als synomym angesehen), besser sei als Muslime. Und wenn das absolut gesetzt wird, zum Beispiel bei Themen wie Frauenfeindlichkeit, Homophobie oder Antisemitismus, so dass man behauptet, alles drei seien lediglich muslimische Probleme, während Christen und Deutsche noch nie frauenfeindlich, homophob oder antisemitisch gewesen wären, so ist das auf der inhaltlichen Ebene selbstverständlich dermaßen absurd, dass man es nicht diskutieren muss, und man wird völlig zu Recht in die rechte Ecke gestellt. Genauso problematisch wäre es meiner Ansicht nach aber auch, wenn man erwarten würde, dass diese drei Probleme „zuhause“ gelöst wären, bevor man überhaupt kritisiert. Und dabei geht es häufig gar nicht ums öffentliche Kritisieren, also darum, in alten oder neuen Medien zu schreiben, wie schlecht der Islam sei. Es geht um Handeln in konkreten Situationen: Akzeptiere ich jemanden als Bündnisgenossin oder nicht? Weise ich einen Jugendlichen in einer Jugendgruppe zurecht oder nicht? Stelle ich Geld zur Verfügung für ein Projekt, das gezielt muslimische Jugendliche anspricht, oder nicht? Würde ich bei diesem Projekt mitarbeiten wollen? Es sind Entscheidungen, die getroffen werden müssen, bevor man selbst und bevor die eigene Gruppe perfekt ist.

Vielleicht ist es auch umgekehrt: Nicht weil Kriterien fehlen, gerät jede Kritik in den Verdacht, nur die eigene Gruppe in ein besseres Licht stellen zu wollen, sondern vielleicht sind es gerade diejenigen, die die eigene Gruppe in ein besseres Licht stellen wollen, die sich weigern, Kriterien zu entwickeln, an denen sie sich selbst messen lassen müssten.

Wenn man sich aber darauf einlässt, dass es keinerlei Kriterien gibt, sondern nur die Frage, welche Gruppe gerade welche bekämpft, dann kann jegliche Kritik am Islam und vor allem an bestimmten Formen des Islams als islamophob kritisiert werden, weil es dann keine rationale Kritik mehr geben kann. Aus antirassistischer Sicht muss dann jegliche Kritik an jeder Form des Islam zurückgewiesen werden können. Die einzige Ausnahme ist Terrorismus: So weit, diesen zu unterstützen und sich dementsprechend von der Mehrheitsgesellschaft zu entfernen, möchten die wenigsten gehen. Ich schreibe „die wenigsten“, weil ich an die Menschen aus der Redaktion von Charlie Hebdo und dem jüdischen Supermarkt denke, die vor fast zwei Jahren ermordert wurden, und an die Reaktionen einiger AntirassistInnen, die lieber auf die antimuslimische (eigentlich antireligiöse) Haltung der Redaktion hinwiesen, als die Morde zu verurteilen.

Erst wenn sich herausstellt, dass manche muslimischen Aktivistinnen sich auch schon antisemitisch geäußert haben, werden sie kritisierbar. Sie haben sich gegen eine Gruppe geäußert, die noch verletzlicher ist. Für die deutsche Mehrheitsgesellschaft, die aus der Zeit des Nationalsozialismus vor allem die Lehre gezogen hat, dass es schlecht ist, andere Gruppen zu diskriminieren (was ja immerhin etwas ist), stellt sich dann die Frage, welche Gruppe man beschützt, und während manche sich muslimischen AntisemitInnen anschließen, weil sie auf diese Weise ihren eigenen verbotenen deutschen Antisemitismus ausleben können, beschließen andere, diesen Antisemitismus zu kritisieren und sich auf die Seite von Juden und Jüdinnen zu stellen. Ich gehöre zur zweiten Gruppe, und daher fehlen mir hier die sarkastischen Bemerkungen. Aber entscheidend wäre, zu erkennen, wann eine Verteidigung des Islams problematisch wird, bevor sie antisemitisch wird.

Ich weiß, ich habe jetzt keine Kriterien angegeben, und ich bin dafür jetzt auch gerade zu müde. Und jetzt ist wieder Silvester, und Sebastian Weiermann postet darüber, dass die Polizei in ihrem Bestreben, Ausschreitungen wie letztes Jahr zu verhindern, sich jetzt rassistisch verhält. Ich wünschte, es gäbe einen Weg, gegen solche Ereignisse vorzugehen, ohne rassistisch zu werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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