Abschied vom Pferdchenspiel

An meinem hundertzwanzigsten Tag beim von Elquee empfohlenen Pferdchenspiel howrse (zu finden unter howrse.de, Texte in der Jungle World: Im Ponyhimmel und Ponyhof statt Politik ), und endlich habe ich mit meinem Vorsatz, das Spiel zu beenden, Ernst gemacht. Der Abend zuvor, an dem ich bis halb zwei mit dem Versorgen meiner virtuellen Pferde beschäftigt war und doch nicht fertig wurde, hat dazu geführt. Dabei war mir schon längst klar, dass das Spiel zu viel Zeit frisst.

Im Sommer hatte ich mit zwei „Startpferden“ angefangen, beide von eher mäßiger Qualität. Mit viel Mühe brachte ich sie auf zwanzig Siege: Ich meldete sie nur zu Wettbewerben an, wenn schon vier andere Pferde angemeldet waren, die alle deutlich schlechter waren. Die nächsten beiden Pferde sind ein Glücksfall: Sie sind ziemlich stark, aber ich gewinne sie bei einer Auktion zu einem mäßigen Preis. Zunächst sind sie aber Fohlen,

Ich streichele jeden Tag drei Pferde auf der „Insel des Friedens“ und lasse meine Startpferde an möglichst vielen Wettbewerben teilnehmen, um genug Geld zu verdienen, um mir einen Zaubertrank und Hufstollen leisten zu können. Das Pferd, das diese erhält, gewinnt nun Wettbewerbe. Das andere statte ich mit gewöhnlichen Bonusgegenständen aus, damit es auch Wettbewerbe gewinnt.

Dann kommt die finanzielle Wende: Nomadenpferde sind zu Gast und gewinnen richtig viel Geld durch Teilnahme an Wettbewerben. Ich muss allerdings früh aufstehen, am besten vor um sieben, damit noch lukrative Wettbewerbe stattfinden. Mein neu gegründetes Reitzentrum erhält dadurch einen guten Start. Außerdem fange ich an, wie wild Fohlen zu kaufen: Meistens biete ich in Auktionen für sie. Wenn ich vernünftig war, bot ich morgens, fuhr zur Arbeit, und ließ mich überraschen, ob ich eine Auktion gewonnen hatte. Wenn ich unvernünftig war, passte ich den Zeitpunkt ab, zu dem die Auktion endete. Ich hatte mir ausgerechnet, dass ich im Durchschnitt jeden Tag ein Fohlen kaufen musste, um irgendwann 30 Pferde pro Monat in den Ponyhimmel schicken zu können und damit Pässe für Bonusgegenstände zu gewinnen. Richtiges Geld möchte ich dann doch nicht für Pässe ausgeben.

Als die Nomadenpferde wieder weg sind, muss ich mir überlegen, wie ich sonst zu Geld kommen kann. Ich schaffe mir zwei große Wiesen an und statte sie mit Traktoren aus. Mittlerweile kann ich auch selbstgezüchtete Fohlen verkaufen, und mit etwas Glück besitzen sie ein seltenes Fell, so dass ich sie ziemlich teuer verkaufen kann. Dazu lasse ich meine Pferde an Wettbewerben teilnehmen. Mittlerweile sind es über hundert, und was sie an Preisgeldern einnehmen, macht einen substantiellen Teil meines Spielgeldes aus. Ich lerne, wie ich sie systematisch und ziemlich mühelos zu mindestens zwanzig Siegen bringe. Nicht einmal die mittelmäßigen Nachkommen meiner Stammpferde haben Schwierigkeiten – allerdings statte ich sie auch mit zahlreichen Bonusgegenständen aus.

Meine virtuellen Einnahmen durch Preisgelder, Verkäufe von Fohlen und Verkäufe landwirtschaftlicher Produkte steigen, und mittlerweile kann ich mir Fohlen aus dem zweitobersten Preissegment leisten (keine mit Pässen). Ich beschließe, eine eigene Qualitätszucht aufzumachen, kaufe mir zwei Stuten und einen Hengst der Spitzenklasse, bringe alle drei innerhalb einer Woche auf Spitzenniveau (durch Training und Siege bei Wettbewerben), züchte mit ihnen, bringe auch die neu gezüchteten Pferde auf Spitzenniveau und merke dann: Es geht nicht. Es kostet zu viel Zeit und Kraft, in einer Woche eine neue Generation zu züchten und meine Pferde so auf Spitzenleistungen zu bringen. (Jede Generation ist ungefähr dreißig Punkte besser als die vorangegangene, und ich muss mehrere Hundert Punkte Rückstand aufholen.) Nachdem ich einmal wieder bis halb zwei wach geblieben bin, gebe ich auf.

Einige Erkenntnisse, die ich durch das Spiel gewonnen habe:

  1. Es bleibt dabei: Computerspiele, insbesondere solche, bei denen es darum geht, etwas aufzubauen, sind für mich gefährlich, weil ich suchtgefährdet bin.
  2. Ich habe meine dunkle Seite kennengelernt: meine Gier. Mehr Pferde, mehr Siege, mehr Geld, bei Auktionen jemand anderem das Pferd vor der Nase wegschnappen, meine Pferde zum Sieg führen, indem ich sicherstelle, dass nur ganz schwache Pferde am Wettbewerb teilnehmen.
  3. Der Effekt ist der gleiche wie bei allem Suchtverhalten: Die Belohnung kommt ziemlich schnell, ist aber letztendlich schal und wertlos.
  4. Strategische Überlegungen (wie bringe ich meine Pferde am schnellsten und effektivsten zu zwanzig Siegen) sind mir wichtiger als Verspieltheit und interessante Kreationen.
  5. Die Fähigkeit zum Träumen ist mir verloren gegangen. Die Pferde anderer Spieler tragen Namen aus Fandoms, in denen ich auch mal aktiv war, aber nicht mehr bin. Mir fallen nur typische Namen heutiger Jugendlicher ein. Am Ende hole ich ein Buch von Selma Lagerlöf hervor und suche dort nach Namen.
  6. Ich mag keine Menschen kennenlernen. Ich spiele ganz für mich allein und bin egoistisch. Vermutlich ist das der wichtigste Punkt, weswegen mir das Spiel Spaß macht.
  7. Wenn ich spiele, will ich Pferdemama sein: alle Pferde versorgen. Es geht um meine Pferde, nicht um meine Mitmenschen.
  8. Das Spiel lässt sich nicht spielen (oder nur mit sehr viel Zeitaufwand), wenn man wirklich alle Pferde gut versorgen will, also sie zu Qualitätspferden heranziehen, die Wettbewerbe gewinnen und mit denen man gewinnbringend züchten kann. Es ist fast wie im richtigen Leben: einer kleinen „Elite“, die optimal gefördert wird, stehen viele Arbeitspferde gegenüber.
  9. Zunächst ärgerte ich mich über Menschen, die auf ihre Profilseite schreiben „Betteln und Hausieren verboten“, jetzt ärgere ich mich selbst über Menschen, die mich anschreiben, sie wollten dieses oder jenes Pferd kaufen. Die Preise, die sie anbieten, liegen unterhalb dessen, was ich mit Auktionen erreichen kann.

Jetzt freue ich mich darauf, herauszufinden, was passiert, wenn ich wieder genug Schlaf bekomme. Immerhin: ganz bin ich noch nicht von meiner Sucht geheilt. Mein Reitzentrum betreibe ich weiter.

 

 

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