Mohnblume (Arbeitstitel)

gegen einen pädagogisierenden Umgang mit Wählern

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Am Freitag besuchte ich eine Podiumsdiskussion der Grünen, am Sonntag und Montag hörte ich den Kommentaren zur Landtagswahl zu  und las Kommentare in der Süddeutschen Zeitung (Die AfD führt einen Kulturkampf keinen Klassenkampf und Wie Merkel der AfD den Nährboden entziehen kann) und in anderen Zeitungen, und immer stellen sich Politiker_innen und Journalist_innen dieselbe Frage: Wie kann man AfD-Wähler_innen zurückgewinnen?

Was mir dabei auffällt, niemand nimmt die AfD-Wähler_innen ernst. Mein erster Eindruck (aufgrund meiner eigenen Prägung) ist der, dass versucht wird, pädagogisch mit ihnen umzugehen: Was müssen wir tun, damit sie merken, dass die anderen Parteien ihre Probleme besser lösen als die AfD? Man gibt vor, dass man erstens mehr für die Abgehängten im Land tun müsse und dass man zweitens die Erfolge besser bekannt machen müsse, Wenn die Menschen keine Probleme mehr hätten, würden sie auch nicht mehr die AfD wählen.

Ganz abgesehen davon, dass es mir schwer fällt, mir Menschen vorzustellen, die keine Probleme haben, hat die Argumentation einen schwerwiegenden Fehler: Man nimmt an, die Menschen hätten Probleme mit Arbeitslosigkeit, Armut, mangelnden Bildungsmöglichkeiten und so weiter. Das ist aber nicht die subjektive Sicht der Menschen: Die Menschen selbst haben „Angst vor Überfremdung“, wie es Gabi Kostorz ausdrückt (Kommentar zur Landtagswahl bei der ARD.) Man kann dann verwundert einwenden, dass Mecklenburg-Vorpommern nicht von Überfremdung bedroht ist (nicht einmal durch ausländische Tourist_innen, so viel ich weiß), aber das trifft die Logik der Menschen nicht.

Diese Sorge vor Überfremdung wollen Linke nicht ernst nehmen, und zwar mit gutem Grund. Auch die bürgerlichen Parteien sollten sie nicht ernst nehmen: Es gibt viel zu wenig Fremde in Mecklenburg-Vorpommern, und wahrscheinlich würde es den Bewohnern dieses Landes sogar gut tun, hin und wieder mit Fremden zu sprechen, damit sie auch einmal auf neue Gedanken kommen und nicht immer nur die Gedanken von Menschen hören, die das gleiche sagen, wie sie selbst denken (oder meinen.)

Die Haltung der Parteien (etwa auch der Grünen) besteht darin, dass man diese Menschen nicht aufgeben soll. Wenn man sich um sie kümmert, wenn sie anfangen, die Realität zu sehen, dann werden sie verstehen, dass die AfD besser ist. Es ist eine sozialpädagogische Haltung: AfD-Wähler_innen werden als verlorene Schäflein betrachtet. Es ist verständlich, dass diese sich dadurch nicht ernst genommen fühlen.

Die Wähler_innen möchten, dass die Politiker_innen ihnen zuhören: (Video über CDU-Debakel bei Landtagswahl). Wenn man ihnen redet, sagen sie aber, was man erwarten konnte: Sie wollen keine Flüchtlinge. Manche sagen, es gebe genug Arme hier in Deutschland, für die solle man etwas tun, oder man beklagt sich generell, dass Merkel sich nicht genug um Deutsche oder „das Volk“ kümmern würde. Konkret werden die Menschen nicht.

Auf den ersten Blick scheint dies die Analyse der Parteien zu treffen: Wenn man sich mehr um die Menschen kümmert, dann würden sie das merken, und dann würden sie nicht mehr AfD wählen. Ich bin nun sehr dafür, dass bezahlbare Wohnungen gebaut werden und die Kinderbetreuung verbessert wird und dass generell weniger Armut herrscht, aber ich glaube nicht, dass das irgendetwas daran ändern würde, dass Menschen AfD wählen. Vielleicht hätte die Interviewerin etwas hartnäckiger sein müssen: vielleicht hätte sie nachhaken sollen: Was soll die Politik denn konkret tun? Und dann hätte sie vielleicht eine Liste mit Erfolgen der Politik in der jeweiligen Gemeinde in der Hand haben sollen: Dass vielleicht schon ein neuer Kindergarten gegründet und neue Wohnungen gebaut wurden, und sie hätte diese Erfolge den Interviewten vorhalten sollen. Vielleicht hätte sie ihnen auch sagen sollen, dass die AfD ein wirtschaftsliberales Programm hat, das armen Menschen gerade nicht hilft.

Dann hätte sie vielleicht gemerkt, wie die Menschen mit rationalen Argumenten umgehen: Sie wischen sie weg und suchen sofort nach etwas anderem, mit dem sie auch nicht zufrieden sind. Das „Argument“, man würde sich zu wenig um Deutsche kümmern, ist ein Scheinargument, weil man sich nicht einfach traut zu sagen: Wir wollen keine Flüchtlinge, basta. (Erschreckend viele trauen sich aber, genau das zu sagen.)

Die eine Haltung gegenüber AfD-Wähler_innen ist eine sozialpädagogische: Wir sind gut zu den Menschen, dann werden sie irgendwann sehen, was sie an uns haben. Dabei weiß ich nicht einmal, ob das noch der aktuelle Stand in der Sozialpädagogik ist, oder dort manchmal auch das Setzen von Grenzen gefordert wird. Aber weder verständnisvoll sein noch Grenzen setzen ist der richtige Umgang mit Menschen, mit denen man nicht in einem sozialpädagogischen Verhältnis steht.

(Wenn ich mir die Interviews anhöre, bekomme ich noch einen ganz anderen Eindruck: dass sich die Menschen aufführen, als wären sie Kinder, die sich von ihren Eltern vernachlässigt fühlen, weil ein jüngeres Geschwisterchen geboren wurde. Sie möchten, dass man sich um sie kümmert, und vergessen, dass sie selbst längst erwachsen sind. Aber solche psychologisierenden Gedanken haben in einer politischen Auseinandersetzung nichts verloren – sie sind allerhöchstens ein Zeichen, dass es Zeit ist, die Diskussion abzubrechen.)

Wenn AfD-Wähler verlangen, die Politiker sollten auf sie hören, dann möchten sie wie Kunden behandelt werden, nicht wie sozialpädagogisch zu betreuende Jugendliche. Sie betrachten die Politik als ein Produkt, das verkauft wird, und wenn Politiker_innen erfolgreich sein wollen, dann müssen sie selbstverständlich auf die Wünsche ihrer Kund_innen eingehen. Aber Politik ist eben kein Markt, sondern auch Politiker_innen sind idealerweise Menschen mit Überzeugungen.

Wenn man die AfD-Wähler_innen als erwachsene Menschen ernst nimmt, müsste man im Prinzip sagen: Wir haben sehr verschiedene Werte und Grundsätze, so dass eine Diskussion praktisch unmöglich wird, weil wir uns nicht einmal einig sind, was als valides, ernstzunehmendes Argument gilt. Man müsste klar darstellen, wo die Unterschiede sind, gerade in der Achtung vor den Menschenrechten, vor Gleichheit und Würde jedes einzelnen, und dazu auch in den eigenen Handlungen stehen (auch wenn es darum geht, sich um die materiell Abgehängten zu kümmern.) Auf diese Weise gewinnt man keine AfD-Wähler_innen zurück, aber es wird klar, warum man streitet, und man verheddert sich nicht mehr in Scheindebatten.

 

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