Endlich beim Namen genannt: Ethnopluralismus (Lesetipp: der dieswöchige Schwerpunkt der Jungle World zu Critical Whiteness)

Diese Woche widmet sich die Jungle World der Kritik an der Theorie des Kritischen Weißseins (Critical Whiteness). Ich fühlte mich daran erinnert, dass ich in diesem Sommer mehrere Menschen, die diese Theorie vertraten (und zwar auf deutlich intelligentere Weise vertraten als die Autorin, die im ersten Artikel der Jungle World kritisiert wird), aber auch mehrere Menschen, die ihr kritisch gegenüber standen. Was mir auffiel, war die Furcht von Menschen, die der Theorie des Kritischen Weißseins kritisch gegenüberstehen, als Rassisten gebrandmarkt zu werden. Ich fühlte mich an die Sprüche von Menschen erinnert, die tatsächlich rechts sind: „Man darf das ja nicht sagen, sonst ist man ja gleich ein Rassist.“

Mittlerweile bin ich mutiger geworden, und auch  zuversichtlicher, dass ich mit Menschen, die der Theorie des Kritischen Weißseins anhängen, diskutieren kann, ohne mir Rassismusvorwürfe einzuhandeln. Ich wollte gerade schreiben „es ist eigentlich gar nicht schwierig“, aber das stimmt nicht. Es ist nicht einfach, und es erfordert Arbeit. Aber wie es geht, ist jetzt nicht wirklich Geheimwissen: Sich einerseits mit der Theorie des Kritischen Weißseins selbst auseinandersetzen, und andererseits sich auch mit anderen antirassistischen Ansätzen auseinandersetzen und eine eigene antirassistische Position entwickeln, und von dieser aus argumentieren. Nach diesem Prinzip gehen auch die drei Texte aus der Jungle World vor.

Ich fange mit dem dritten dieser Texte an: Voll sensibel kritisiert, dass in der „Black Live Matters“-Bewegung jetzt auch der Antisemitismus/Antizionismus an Boden gewönne. Ich hatte „Black Lives Matter“ (deren Kernanliegen ich sehr wichtig und unterstützenswert finde) bisher nicht als Teil der Theorie des Kritischen Weißseins gesehen, und der Autor ordnet die Bewegung auch in eine andere Theorie ein. Was mich erschreckt, ist, dass ich fast schon damit rechne, dass problematische Ansätze des Antirassismus anscheinend automatisch im Antisemitismus/Antizionismus landen. Andererseits hätte ich „Black Lives Matter“ bis jetzt nicht als problematisch eingestuft, sondern als notwendige Kritik des tödlichen Rassismus in den USA. Vielleicht ist es die Anbindung an andere antirassistische Bewegungen, die nun auch die Verbindung zum Antisemitismus/Antizionismus schafft.

Wenn ich eine Schwarze oder ein Schwarzer in den USA wäre, würde ich versuchen, dagegen anzukämpfen, dass eine Bewegung, die gegen ein sehr konkretes Problem anzugehen versucht, eine wird, die sich ganz allgemein gegen Rassismus auf der ganzen Welt wendet. Natürlich ist es komplizierter, konkrete Maßnahmen vorzuschlagen, die dazu führen, dass weniger Schwarze umgebracht/ermordet werden oder dass zumindest die Polizist_innen, die das tun, nicht mehr so leicht ungestraft davonkommen, als Israel des Rassismus oder gar des Genozids zu bezichtigen. Letzteres ist einfach, erfordert keine größere geistige Anstrengung und bleibt unverbindlich.

Vielleicht besteht das Problem tatsächlich in der theoretischen Anbindung, die sich die Bewegung gewählt hat: dass sie sich eben nicht auf den universalistischen Ansatz von Marin Luther King bezieht, obgleich dieser doch dem Slogan der Bewegung am besten entspräche. Die nichtuniversalistischen Ansätze scheinen alle über kurz oder lang im Antisemitismus/Antizionismus zu landen.

Eine weitere Beobachtung, die ich in den letzten Monaten gemacht habe: Häufig werden antirassistische Positionen erst kritisiert, wenn sie anfangen, antisemitisch/antizionistisch zu werden, vielleicht, weil das der Punkt ist, an dem man sich traut, etwas zu sagen, ohne Angst zu haben, als rassistisch zu gelten. Ich glaube aber, es wäre gut, wenn problematische Positionen schon kritisiert werden, bevor sie sich offen antisemitisch/antizionistisch zeigen, weil die Problematik eben nicht nur im Antisemitismus/Antizionismus steckt, sondern weil letzterer nur eine Konsequenz der schon vorher vorhandenen Problematik ist. Insofern ist gut, dass der Schwerpunkt zwar einen Artikel über Antisemitismus enthielt, aber die anderen beiden Artikel in ihrer Argumentation ohne Vorwürfe des Antisemitismus auskamen: weil das Kernproblem nämlich woanders liegt. (Damit möchte ich Antizionismus/Antisemitismus als Problem nicht kleinreden.

Der erste Artikel, „Jedem Stamm seine Bräuche wurde vorgestern von verschiedenen Menschen (auch mir) auf Twitter empfohlen. Auf den ersten Blick scheint es natürlich gewagt, ausgerechnet antirassistischen Akteur_innen rechtes Denken vorzuwerfen, aber im Kern hat der Text Recht, und es war nötig, dass es gesagt wurde: Das Denken, das der Kritik an „Cultural Appropriation“ zugrundeliegt, nämlich dass bestimmte Bräuche oder Ausdrücke von Kultur nur den Angehörigen der jeweiligen Völker vorbehalten seien, so dass Vermischung (etwa das Anpassen asiatischer oder afrikanischer Gerichte an den deutschen Geschmack und die Möglichkeiten des hiesigen Angebots an Nahrungsmitteln und Gewürzen) ein Problem darstelle, ist dem Denken der Rechten, die das „deutsche Volk“ vor dem Einfluss fremder Kultur schützen will, gefährlich nahe.

Die Forderung nach „kultureller Reinheit“ wird normalerweise als „Ethnopluralismus“ bezeichnet. Damit wird versucht, die Rede von biologischen Rassen zu vermeiden, im Grunde kommt aber der Ethnopluralismus nicht ohne Abstammung aus, denn die Kultur, die reingehalten werden soll, ist immer die Kultur, in die Menschen hineingeboren werden. Lediglich die Vorstellung, dass eine Rasse/Kultur besser sei als andere, wurde aufgegeben, stattdessen erklärt man, alle sollten dort bleiben, wo sie sind. Dieser Punkt fehlt bei der Kritik an der „Cultural Appropriation“. Andererseits kann man sich nicht vorstellen, dass Menschen zusammenleben, ohne aufeinander neugierig zu sein und voneinander zu lernen und dann auch gegenseitig Elemente der jeweiligen Kultur zu übernehmen.

Selbstverständlich gibt es problematische Formen der Aneignung von Kultur, insbesondere dann, wenn man sich nicht wirklich für die Menschen und die Gesellschaft eines Landes interessiert, sondern wenn nur bestimmte Elemente der Kultur dieses Landes für eigene Bedürfnisse benutzt werden und wenn diese Gesellschaft in erster Linie als Projektionsfläche für eigene Sehnsüchte dient. Andererseits scheint mir, dass die Menschen der jeweiligen Gesellschaften darauf in aller Regel nicht mit Aggression reagieren, sondern damit, dass sie anfangen, Touristennepp zu verkaufen. Das gilt auch für die typischen Touristenorte in Deutschland. Als Heidelbergerin fand ich es auch nie gut, wenn Tourist_innen aufs Schloss gefahren werden, Photos machen, und anschließend wieder davonfahren, aber andere machten damit ein Geschäft.

Außerdem vermute ich, dass sich häufig beides vermischt: Dass man die fremde Kultur als Projektionsfläche benutzt und dass man sich für die dazugehörige Gesellschaft und ihre Menschen interessiert. Manchmal wandelt sich die Art des Interesses auch. (Und ehrlich gesagt: wenn ich mir die Aktivitäten der Gegner_innen von Cultural Appropriation ansehe, dann wenden sie sich in erster Linie gegen die Aneignung derjenigen Elemente der fremden Kultur, die den größten Teil ihrer Autorität bereits verloren haben. Sie setzen sich nicht dafür ein, wirklich von fremden Kulturen zu lernen.

Die wichtigste Frage, die mir beim Lesen des Artikels gekommen ist, war: Warum fallen so viele Menschen, auch linke Menschen, auf diese Art des Denkens herein? Warum wird bereitwillig akzeptiert, dass „Cultural Appropriation“ falsch sein soll? Der eine Grund besteht natürlich darin, dass man nur einmal ein ethnologisches Museum besuchen muss, um zu sehen, dass es sehr viele Formen von Aneingung gab, die tatsächlich als Raub bezeichnet werden müssen. Rastalocken, die man sich selbst hat wachsen lassen, sind aber etwas anderes, als ein Kunstgegenstand, den man einer fremden Kultur geraubt hat.

Der andere Grund besteht darin, dass die Vorstellung, dass Menschen unterschiedlichen Kulturen angehören und ihre Identität nur aus diesen Zugehörigkeiten gewinnen, auch unter der Mehrheitsbevölkerung weit verbreitet ist. Es handelt sich um antiaufklärerisches Denken, das hier schon seit langem verbreitet ist – eben seit dem neunzehnten Jahrhundert, als Reaktion auf die Aufklärung. Nachdem jene die Religion entmachtet hatte, und eine hierarchische Ordnung nicht mehr als Gottes Wille legitimiert werden konnte, und als auch Gesetze nicht mehr als Gottes Wille begründet werden konnten, sondern allen klar wurde, dass sie von Menschen gemacht waren, brauchte man etwas anderes, um Hierarchien und Regeln zu begründen, und da bot sich Tradition an. Man leugnete die Gleichheit und Freiheit aller Menschen und betonte stattdessen ihre Verschiedenheit und sah diese in der Tradition (oder später der Biologie) begründet.

Ich erinnere mich, dass ich als junge Frau „in a different voice“ von Carol Gilligan las. Sie postulierte eine andere Moral von Frauen: Frauen würden nicht die abstrakten Individuen sehen und einen stärkeren Fokus auf Beziehungen als auf Autonomie legen. Wenn ich denke, dass ich darauf hereingefallen bin, schaudert mich. Allerdings hatte ich damals auch noch nicht Kant gelesen.

Es wird viel diskutiert, was man gegen die AfD tun könne. Aber wenn die theoretischen Grundlagen fehlen, aufgrund derer man ihr Denken kritisieren kann, wenn zu viele Linke immer noch ver Vorstellung anhängen, dass Menschen durch ihre Kultur und nicht durch ihre Freiheit definiert sind, dann wird es schwierig.

Der dritte Text (eigentlich der zweite) Das große Reinemachen geht von einer marxistischen Perspektive aus. Er kritisiert die Sprachpolitik der Critical Whiteness, beziehungsweise, er kritisiert, dass es nur noch um Sprache und nicht mehr um die Veränderung der Realität geht. Ferner wird die Idealisierung von Opfern kritisiert: Sie erinnert an religiöse Positionen, die behaupten, Armut sei edel, anstatt an ihrer Abschaffung arbeiten. So käme es auch darauf an, an der Abschaffung von Gewaltverhältnissen zu sprechen. Opferidentitäten seien problematisch.

Die Artikel sprechen nur ein paar Aspekte der Critical Whiteness an, aber dies scheint mir gut zu sein, da Critical Whiteness mittlerweile zu einem Konglomerat verschiedener antirassistischer Vorgänge geworden ist. Problematisch scheint mir, dass ein Artikel von Hengameh Yaghoobifarah als Aufhänger gewählt wurde, anstatt sich mit den ernsthafteren Versionen der Critical Whiteness auseinanderzusetzen, vor allem mit dem ursprünglichen Anliegen, nämlich dass die Konstruktion einer weißen Identität untersucht werden soll. Aber vielleicht ist es besser, mit den Auswüchsen zu beginnen.

 

 

 

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Eine Antwort zu Endlich beim Namen genannt: Ethnopluralismus (Lesetipp: der dieswöchige Schwerpunkt der Jungle World zu Critical Whiteness)

  1. Lord Darlington schreibt:

    Guter Artikel, die Jungle World-Serie fand ich auch ganz spannend, denn Themen wie identity politics, Intersektionalismus, cultural appropriation, etc. hatten anfangs durchaus sinnvolle Ansätze, wurden aber anfällig für erzreaktionäre und tribalistische Sichtweisen. Die teilweise seltsamen Auswüchse von Critical Whiteness sind für mich nur ein weiteres Zeichen dafür, dass sich identity politics derzeit generell in einer Sackgasse verrannt hat. Der Sündenfall war der Partikularismus und der fatale Ansatz, Gruppenidentitäten einen Vorrang vor individuellen Emanzipationsbestrebungen einzuräumen. Überspitzt formuliert sind wir nach dieser Denkweise alle Gefangene unserer Kultur. Das ist aus mehreren Gründen problematisch, aus aktuellen Anlass aber besonders bezüglich Integration und Migration. Teile der Linken wie auch Teile der Rechten packen dabei aus völlig unterschiedlichen Gründen heraus Menschen mit völlig verschiedenen Hintergründen und Familiengeschichten in eine feste kulturalistische Schublade – etwas, wogegen sich eine antirassistische Linke noch in den Neunzigern vehement stemmte. Die einen reden von der „islamischen Unterwanderung“, die anderen von einer „muslimischen Identität“; aber beide fragen nicht nach dem Individuum, sondern sehen hier nur einen monolithischen Kulturraum. Aber auf welchen Nenner lassen sich die syrisch-kurdische Alevitin, der atheistische Iraner und der irakische Sufi, die hinduistische Paschtunin oder der libanesische Druse bringen? Sie alle haben lediglich gemeinsam, dass sie aus dem ominösen „islamischen Kulturkreis“ geflüchtet sind.

    Wenn jüngere Rechte neuerdings die „weißen Europäer“ als eine vom Aussterben bedrohte Minderheit sehen und wenn Donald Trump Wahlkampf damit macht, indem er angeblich die Interessen der bedrohten Spezies „weißer, heterosexueller Mann“ vertritt, sollten jedenfalls die Alarmglocken angehen – ist das alles nicht „identity politics“ von rechts, bzw. „uncritical whiteness“? Konsequenterweise nennen sich ihre Vertreter auch gleich „Identitäre“. Diese zunehmende Ethnisierung sollte jedem emanzipatorisch denkenden Menschen Sorgen bereiten. Da wäre eine Rückkehr zum Universalismus nicht verkehrt – etwa im Sinne jener Frauen, die 1979 im Iran gegen die Zwangsverschleierung unter der Parole „Emanzipation ist nicht westlich und nicht östlich, sondern universal“ protestierten.

    Der erwähnte Artikel von Hengameh Yaghoobifarah krankte meiner Meinung nach übrigens daran, dass sie selbst in genau die Privilegienfalle getappt ist, die sie eigentlich kritisiert. Ein nordamerikanischer first nation-Einwohner hat sicherlich andere Sorgen, als dass sich deutsche Techno-Festivalbesucher Federn in die Haare stecken, und ein Syrer hat definitiv andere Probleme als deutsche Hippies, die Hummus verkaufen. Da vermisse ich bei den Intersektionalisten den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Man kann nunmal nicht wegdiskutieren, dass die Probleme von europäischen/nordamerikanischen Studenten aus der Mittelschicht nicht vergleichbar sind mit denen diskriminierter Minderheiten abseits des safe european home.

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