Überlegungen zur Entstehung des Wortes „Migrationshintergrund“

Ich gehe davon aus, dass die meisten Menschen wissen, was gemeint ist, wenn von Menschen mit „Migrationshintergrund“ die Rede ist. Es sind Menschen, die hier in Deutschland leben, häufig seit sehr vielen Jahren, häufig seit ihrer Geburt, es sind Menschen, die teilweise die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, die aber irgendwie in den Augen ihrer Mitbürger ohne „Migrationshintergrund“ eben doch keine richtigen Deutschen sind, und weil sie die Mitbürger, die sie nicht als richtige Mitbürger anerkennen wollen, sie irgendwie bezeichnen müssen, wurde der Ausdruck „mit Migrationshintergrund“ erfunden.

Im Prinzip wissen alle, wer gemeint ist, wenn von Menschen mit „Migrationshintergrund“ die Rede ist, und niemand braucht eine Definition. Das Bundesamt für Statistik hat dennoch versucht, eine Definition zu finden (auf Seite 4): Bevölkerung mit Migrationshintergrund

Wer sich eine wissenschaftliche Definition überlegt, sollte sich überlegen, welchen Zweck sie erfüllt, was sie leisten soll und warum sie notwendig ist. Das Bundesamt für Statistik macht es sich hier einfach: Es sollen jene Menschen erfasst werden, die im allgemeinen Sprachgebrauch und in der amtlichen Statistik „mit Migration assoziiert werden“ und die einen „erhöhten Integrationsbedarf“ haben. Anstatt zu überlegen, was wissenschaftlich sinnvoll wäre, oder auch sich auf eine wissenschaftliche Definition anderer Wissenschaftler zu beziehen, versuchen die AutorInnen einen diffusen Alltagsbegriff exakt zu formulieren, also zu erfassen, was die Leute wohl meinen könnten, wenn sie von „Menschen mit Migrationshintergrund“ sprechen.

Aber die Menschen brauchen keine wissenschaftliche Definition, die ihnen sagt, was sie ohnehin schon wissen, nämlich wer die Menschen mit Migrationshintergrund sind. Dazu müssen sie ihre Mitmenschen nur ansehen oder ihnen zuhören oder ihren Namen lesen. Wer würde beispielsweise im Ernst glauben, das NSU-Trio hätte in die Definition des Bundesamts für Statistik geschaut, als es seine Mordopfer auswählte. Und die meisten Menschen, auch die, die die Morde verurteilen, „verstehen“ die Logik dieser Auswahl. Sie wundern sich nicht, dass einige Deutsche und einige Nichtdeutsche ermordet wurden. Die einzige, die aus der Reihe fällt, ist Michele Kiesewetter, die Frau ohne Migrationshintergrund.

Die Definition des Bundesamts für Statistik ist dennoch interessant, obgleich sie wissenschaftlich problematisch ist: Sie muss ein paar Punkte, die normalerweise nicht thematisiert werden, weil jeder sie ohnehin versteht, zur Sprache bringen, da die Menschen nicht direkt nach ihrem Migrationshintergrund gefragt werden können, sondern da verschiedene Merkmale herangezogen werden, um den Migrationshintergrund festzustellen. Im Zentrum steht die Frage, ob die Menschen selbst oder ein Elternteil außerhalb des heutigen Bundesgebiets geboren wurden. Nach den Großeltern kann man nicht fragen, weil dies wohl doch Misstrauen bei den Befragten hervorrufen würde. Die AutorInnen bedauern dies, gilt doch gerade die dritte Generation als schwierig. Die Angehörigen der dritten Generation, die noch bei ihren Eltern leben, würden aber erfasst.

Es erhebt sich, nach wie vielen Generationen ein Mensch keinen Migrationshintergrund mehr hat. Die Antwort ist einfach: Es gibt keine Grenze, die irgendwo in der Zukunft liegt und womöglich von Familie zu Familie unterschiedlich wäre. Es gibt jedoch eine Grenze in der Vergangenheit: Das Jahr 1950. Menschen, die vor 1950 einwanderten waren Kriegsflüchtlinge, also Deutsche. Sie wanderten teilweise aus Gebieten ein, die vor dem Krieg deutsch waren, teilweise aber auch aus Gebieten, die nicht deutsch waren (und teilweise auch aus Gebieten, die im Rahmen des Krieges annektiert wurden, etwa Teilen Polens, wo dann Deutsche angesiedelt wurden.) Letztere waren sogenannte „Volksdeutsche“, die trotz ausländischer Staatsbürgerschaft als Deutsche angesehen wurden, und zwar schon während der Weimarer Republik und des Dritten Reiches.

In den Neunzigern verstärkte sich aufgrund des Falls des Eisernen Vorhangs die Zuwanderung von Menschen, die in diesem Sinne Deutsche waren (also von Menschen, die während des Dritten Reichs als deutsch galten. Viele von ihnen, vor allem die Jugendlichen, sprachen kein Deutsch, und die alten Menschen sprachen deutsche Dialekte, die sich schon seit über hundert Jahren unabhängig von der Sprachentwicklung in Deutschland (sowohl der Dialekte als auch der Hochsprache) weiterentwickelt hatten und die kein Mensch verstand.

Diese Menschen galten nun als Deutsche, während Menschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft, welche schon seit Jahrzehnten in Deutschland lebten und viel besser Deutsch sprachen, nicht als Deutsche, sondern als Ausländer galten.

Anstatt diesen Menschen nun den Erwerb der Staatsbürgerschaft zu erleichtern und zum Beispiel das ius soli einzuführen und zu sagen: alle, die hier leben, gehören auch hierher! wurden stattdessen diejenigen, die einwandern durften, weil sie vor 1945 als Deutsche galten, ebenfalls ausgegrenzt: sie wurden zu Deutschen mit Migrationshintergrund. Schließlich hatten sie das, was das Bundesamt für Statistik „erhöhten Integrationsbedarf“ nennt. Die Perspektive ist die von Pädagogen: Es wurden auf einmal Lehrer für „Daf“ benötigt, denn die neu eingewanderten Jugendlichen mussten erst einmal Deutsch lernen.

Es spricht nun nichts dagegen, neu eingewanderten Menschen Sprachunterricht zu ermöglichen. Problematisch wird es, wenn von vornherein angenommen wird, dass Menschen „mit Migrationshintergrund“ Defizite aufweisen, so dass erhöhte Anstrengungen zur Integration notwendig sind. Niemand fragt sich außerdem, ob es nicht beschämend ist, dass auch für Menschen, die seit Jahrzehnten oder seit ihrer Geburt in Deutschland leben, erhöhter Integrationsbedarf festgestellt.

Im Jahr 2000 wurde unter großem Protest der Unionsparteien ein neues Staatsbürgerschaftsgesetz eingeführt, was dazu führte, dass nun auch Menschen, deren Vorfahren nicht als „Volksdeutsche“ galten, zu „Deutschen mit Migrationshintergrund“ werden können. Wünschenswert wäre natürlich, wenn die Unterscheidung zwischen mit und ohne Migrationshintergrund wegfallen würde (aber sie kann nicht ganz wegfallen, solange sie nötig ist, um Diskriminierung zu benennen.) Wünschenswert wäre aber auch, wenn erinnert würde, dass die Debatte der Neunziger, als das Abstammungsprinzip, demzufolge Menschen, deren Vorfahren vor über hundert Jahren aus Deutschland auswanderten, immer noch Deutsche sind, als hätten sie die Art rein erhalten (was sie zum Glück in aller Regel nicht getan haben), in Frage gestellt wurde, nicht vergessen würde. Zu hoffen ist, dass es andere Möglichkeiten gibt, die Einwanderung zu erleichtern.

 

 

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